Aus der Szene - aktuell

Kooperationsnetze der Leseförderung

Para que pueda ser he de ser otro,
salir de mí, buscarme entre los otros,
los otros que no son si yo no existo,
los otros que me dan plena existencia.


Octavio Paz. Piedra de sol.


Die Globalisierung ist Thema über das mit Nachdruck gesprochen wird. Teil dieses Phänomens ist die Masse an Informationen, die mit relativer Leichtigkeit Grenzen verschwinden lässt und uns - vor allem durch das Internet - täglich unter Beschuss nimmt. Schon vor 80 Jahren hat der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in Anbetracht der großen Zahl veröffentlichter Werke mit Sorge erklärt:

„Der Bibliothekar der Zukunft muss den unfokussierten Leser durch den Dschungel der Bücher führen und zugleich Arzt und Hygieniker dessen Lektüre sein ..." „Nicht nur, dass es bereits zu viele Bücher gibt, es wird auch weiterhin ein sinnflutartiger Überfluss produziert" „ ... viele davon sind nutzlos oder dumm und ihre Präsens und Pflege ist nur ein weiterer, völlig überflüssiger Ballast für die Menschheit, die bereits genug an ihren übrigen Lasten trägt." Ortega y Gasset empfahl. dass die Rolle der Bibliothekare die essenzielle Mission beinhalten müsse, als bewusster und informierter Filter für all diese Informationen zu fungieren.

Diese Mission hat nichts mit einer Zensur zu tun, wohl aber mit der Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Dies sollte in Anbetracht der Informationsexplosion in allen Formaten, Aufgabe der Bibliotheken sein. Für diese Aufgabe sind vereinte Kräfte von Nöten wie wir später sehen werden. Auf der anderen Seite existiert speziell in Lateinamerika das Problem, dass die öffentlichen, die Universitäts- und Gemeindebibliotheken sowie andere, spezialisierte Bibliotheken, den Bedarf an Freizeitbeschäftig, Wissen und Information ihrer Lesegemeinschaft nicht ausreichend decken können. In Anbetracht der Notwendigkeit, Kooperationsnetzwerke zwischen Bibliotheken, Archiven und Dokumentationszentren einer Stadt, eines Landes oder gar einer kontinentalen Region zu erschaffen, spielt die Globalisierungsdynamik eine wichtige, unterstützende Rolle. Sie begünstigt die Zusammenarbeit über den Informationsaustausch um das Angebot für ihre Leser auszuweiten und attraktiver zu machen. Außerdem können Erfahrungen in den Bereichen der Leseförderung, speziellen Strategien, Raumgestaltung, Ausbildung, gemeinsamen Projekte, Finanzierungsmaßnahmen etc. geteilt werden.

Das Goethe-Institut widmet sich der Förderung der deutschen Sprache und Kultur an verschiedenen Punkten der Erde. Obgleich das Institut keine Leseförderung betreibt, hat sich die Bibliothek des Instituts darum bemüht herauszufinden, wer die Akteure auf diesem Gebiet in Zentralamerika und Mexiko sind. Es hat viel daran gesetzt, ein Netz von Institutionen zu bilden, das sich der Leseförderung in Zentralamerika widmet. Die dazugehörige Plattform nennt sich redLee und bietet ein Panorama der Leseförderung in dieser Region an. Außerdem unterstützt es den Erfahrungsaustausch. Hier ist zu lesen:

„Lesekompetenzen und Informationskompetenzen tragen erheblich dazu bei, den Horizont zu erweitern und die eigenen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern. In Zentralamerika, Mexiko und der Karibik werden Bücher, Lektüre und die Literatur grundsätzlich unterschätzt. Sie werden nur von Teilen der Bevölkerung wertgeschätzt und nur selten als wirksames Mittel erkannt, um sozialen Benachteiligungen entgegenzuwirken. Vielerorts fehlt es nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch am Ideenaustausch und am politischen Willen."

Im Jahr 2012 wurde auf einer Konferenz in San Salvador eine erste Anstrengung unternommen, um die verschiedenen existierenden Initiativen kennenzulernen, die sich mit der Leseförderung in der Region beschäftigen und um den Austausch zwischen den Akteuren zu intensivieren. Seitdem hat das Netzwerk folgende Projekte realisiert:

  • Erster Zentralamerikanischer Wettbewerb der Kinder- und Jugendliteratur (2013)
  • Veröffentlichung des preisgekrönten Werks des Wettbewerbs (2014/15)
  • Veröffentlichung und regelmäßige Aktualisierung der Internetplattform über die Leseförderung in Zentralamerika (2014/15)
  • Veranstaltung eines regionalen Workshops für Buchillustratoren mit Birte Müller in Managua (Oktober 2014)
  • Veranstaltung eines regionalen Seminars über Kinder- und Jugendliteratur für Autoren, Verleger, Bibliothekare und Literaturvermittler in Managua (Mai 2015)
  • Regionale Wanderausstellung "Wege aus dem Niemandsland" (2015)
  • Zweiter Zentralamerikanischer Wettbewerb der Kinder- und Jugendliteratur (2015)
Die diesjährige Versammlung, die vom 5. bis zum 7. November im mexikanischen Sitz des Goethe Instituts stattfand, wurde vom Gothe Institut einberufen und um Mexiko erweitert. Unter den Teilnehmern waren: aus Kolumbien: CERLALC; aus Costa Rica: IBBY Costa Rica; aus El Salvador: CESAL und Casa Dandelión; aus Guatemala: Fundación Riecken und GM Ediciones; aus Nicaragua: ¡Libros para Niños!; aus der Dominikanischen Republik: Fundación Apoyo al Desarrollo de las Bibliotecas Dominicanas (FUNDEBIDO) und Organización de Estados Iberoamericanos (OEI); aus Mexiko: IBBY México, Consejo Puebla de Lectura und BS Biblioteca Infantil de Oaxaca; und aus Deutschland: Stiftung Lesen und die Bibliothek des Goethe Instituts.
Die Auflistung erfolgt nach dem Herkunftsland des Repräsentanten, obgleich einige von Ihnen ein viel weiteres Wirkungsfeld haben. Beispielsweise CESAL, eine spanische Organisation die außer Spanien noch Osteuropa, Lateinamerika und Afrika abdeckt und an Projekten in Juchitán, Unión Hidalgo und der Colonia Montealbán in Oaxaca mitgearbeitet hat. Die Stiftung Riecken deckt ganz Zentralamerika ab. IBBY (International Board on Books for Young People) umfasst mehr als 60 Leseförderverbände auf der ganzen Welt. CERLALC (Centro Regional para el Fomento del Libro en América Latina y el Caribe (Regionales Zentrum für Buchförderung in Lateinamerika und der Karibik)) ist ein zwischenstaatliches Organ unter der Aufsicht der Unesco. Viele der genannten Organisationen widmen sich nicht nur der Leseförderung, sondern auch der sozialen Entwicklung. Es ist zu erwähnen, dass einige der Teilnehmer der ersten Versammlung vor 3 Jahren nicht zur zweiten Versammlung erschienen sind. Das Ziel der Versammlung war, jene Projekte zu definieren, die 2016 und 2017 durch den Austausch und die Gruppenvorschläge in der Region stattfinden sollen.

Frau Dr. Sigrid Fahrer, die in der Stiftung Lesen den Bereich digitale Lektüreentwicklung und das Projekt "Jugend und Freizeit" leitet, war ebenfalls anwesend. Sie ist außerdem Spezialistin für digitale Lektüre, Jugend- Leseförderung und Lektüre und Bewegung. Die Stiftung Lesen baut Kooperationsnetzwerke auf, die in Europa grenzüberschreitend agieren und lokale und institutionelle Initiativen mit diversen Programmen und Projekten verknüpfen. Durch ihre Teilnahme wurden wir Zeugen der Arbeit der Leseförderung und der Arbeit des Netzwerkes, die in diesem Sinne in Deutschland tätig sind. Einige ihrer Empfehlungen zum Aufbau von Kooperationsnetzwerken für die Leseförderung folgend hier:
  • Koordination zwischen den Parteien, ohne paternalistisch zu agieren
  • Arbeit unter gleichen Konditionen
  • Die Verhandlung ist das Leitprinzip
  • Teilnehmer des Netzwerkes - Je aktiver die Teilnahme desto erfolgreicher wird sie
  • Austauschmöglichkeiten - Kommunikation ist alles
  • Konkrete Pläne - Erst das gemeinsame Ziel festlegen, dann die Struktur
  • Klare Vereinbarungen - Ohne Verbindlichkeit bleiben die besten Initiativen fruchtlos
  • Zeit und Geduld
  • Achtsamkeit und Pflege
Eine interessante Aufgabe war, über die folgenden Punkte nachzudenken:
  • Das ist, was ich zum Netzwerk beitragen kann
  • Das ist, was ich brauche um teilnehmen zu können
  • Das ist, was ich gerne mitnehmen würde
  • Dies sind unsere Differenzen
  • Dies sind unsere gemeinsamen Interessen
  • Dies sind die nächstes Schritte
Es sind viele Faktoren, die zur Stärkung eines Netzwerkes mit diesen Ausmaßen beitragen: institutionelle Unterstützung, finanzielle Mittel, Kooperationsbereitschaft und Beständigkeit, um nur einige zu nennen. Man könnte jedoch sagen, dass unser gemeinsames Interesse seinen Fokus auf die Leseförderung legt, dass wir durch eine Sprache verbunden sind, aus der eine große Kultur hervorkommt (oder Kulturen, die viele Gemeinsamkeiten haben); dass unsere Differenzen statt eines Hindernisses, eine fruchtbare Quelle für das Netzwerk darstellen, weil alle Mitglieder etwas beizutragen haben, was die anderen wiederum stärkt. Schlussendlich wurden in der Versammlung die ersten Schritte beschlossen, die Plattform des Netzwerkes weiter zu verbreiten und zu teilen, die Kommunikation zwischen den Mitgliedern aufrechtzuerhalten und für die nahe Zukunft eine Kampagne zur Leseförderung in allen Ländern der Region zu organisieren, die sich im Laufe der Tage konkretisieren wird.
Freddy Aguilar Reyes
Director de la Biblioteca BS Oaxaca
Diciembre 2015
Links zum Thema

Lesen weltweit

Das Portal bietet Informationen über erfolgreiche Projekte zur Leseförderung aus aller Welt. Sie werden als Ideenmodule zum Mitmachen und Nachahmen präsentiert und durch Berichte, Beiträge aus der Forschung sowie Interviews ergänzt.

LifelongReaders

Europäische Plattform zum Thema Leseförderung mit zahlreichen Artikeln zu Leseförderungs- aktivitäten, Fortbildungs- und Evaluationsprogrammen. [Gefördert im Rahmen des EU-Programms "Lebenslanges Lernen]

Lesen in Deutschland

Lesen in Deutschland sammelt und dokumentiert online verfügbare Informationen zum Thema Leseförderung, bereitet diese zielgruppenorientiert auf und bietet für Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieher, Bibliothekare und Experten sowie an ehrenamtlicher Arbeit Interessierte Anregungen und Unterstüzung.