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60 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis – zwischen Ästhetik und Pädagogik



Der Wettbewerb zum Deutschen Jugendliteraturpreis dokumentiert die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur über Jahrzehnte. Er ist bis heute der angesehenste Förderpreis seiner Gattung.

Wahrscheinlich war den Gründern nicht bewusst, dass sie mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ein Unikat schufen: den einzigen Staatspreis der Bundesrepublik Deutschland im Bereich Literatur. Der Bundesminister des Inneren stiftete ihn mit Erlass vom 29. August 1955, verliehen wurde er 1956 zum ersten Mal. Seit 1959 lobt das damals neu gegründete Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den später in Deutschen Jugendliteraturpreis umbenannten Wettbewerb aus. Er war Teil des Bundesjugendplans, eines Förderprogramms für die politische, soziale und kulturelle Jugendarbeit in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren.

Die Ausschreibungsbestimmungen und Qualitätskriterien wechselten mit dem Zeitgeist, ihnen liegen aber doch über Jahrzehnte ähnliche Ziele zugrunde: Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll Qualität, Vielfalt und Ansehen der Kinder- und Jugendliteratur fördern und gleichzeitig Hilfestellung bei der Auswahl und Vermittlung von Lesestoff vor allem für die nicht-schulische Jugendarbeit leisten. Dieses doppelte, ästhetisch wie pädagogisch ausgerichtete Ziel ist immer wieder als Dualismus bis hin zum Richtungsstreit interpretiert worden. Rückblickend betrachtet gewährleistet aber gerade dies die Dynamik des Preises.

Jugendliche Leser entscheiden mit

Der Preis wird in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch vergeben. In jeder dieser Kategorien wird ein Buch aus der Vorjahresproduktion prämiert, zudem gibt es einige der Preisdiskussion entnommene Titel-Empfehlungen und Sonderpreise. So werden seit 1991 Autoren, Illustratoren und Übersetzer für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Die Organisation und Umsetzung des Wettbewerbs wurden dem ebenfalls 1955 gegründeten Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V. übertragen. Er betreut die Jury-Arbeit und setzt mit deren wechselnder Struktur Zeichen der Veränderung. Aber nicht nur Experten bewerten die zur Wahl stehenden Titel – schon seit 1972 werden jugendliche Juroren beteiligt, seit 2003 gibt es eine Jugendlichen-Jury mit eigener Preissparte. Mit dem Preis verbunden ist eine – zum Teil gesponserte – bundesweite Verbreitung der prämierten Bücher in zahlreichen Leseaktionen.

Frühe internationale Ausrichtung

Mit kulturpolitischer Absicht bezieht der Deutsche Jugendliteraturpreis die in deutschsprachigen Verlagen publizierten übersetzten Neuerscheinungen anderer Länder ein. In der Gründungszeit folgte man der Vision, mit international verfügbaren Kinder- und Jugendbüchern zu Völkerverständigung und Pazifismus beizutragen. Inzwischen versteht sich der Preis auch als Navigator durch das gestiegene Angebot für junge Leser auf dem literarischen Weltmarkt, bei dem eine Fokussierung allein auf deutschsprachige Bücher eher kulturelle Einschränkung bedeuten würde. Mit Blick auf die genuinen Aufgaben eines deutschen Staatspreises wurde die internationale Ausrichtung jedoch immer wieder kritisiert.

Inzwischen gibt es etwa 50 lokale, überregionale, thematisch oder gattungsorientierte Preise für Autoren, Illustratoren, Bücher, Erstlings- oder Gesamtwerke der Kinder- und Jugendliteratur deutschsprachiger Verlage. Doch auch im 60. Jahr seines Bestehens ist der Deutsche Jugendliteraturpreis noch immer der angesehenste und bekannteste Förderpreis seiner Gattung. Sicher handelt es sich auch um einen der am besten organisierten Literaturpreise des Landes. Die Verleihung findet seit einigen Jahren jeweils am Freitagnachmittag während der Frankfurter Buchmesse statt und ist ein wichtiger Treffpunkt für Fans und Profis der Kinder- und Jugendliteratur. Die Preissumme beträgt zur Zeit pro Sparte 10.000 Euro – dazu gibt es eine Skulptur von Michael Endes Romanfigur Momo.

Etwas Besonderes ist die Datenbank zum Deutschen Jugendliteraturpreis: Wie bei nur wenigen vergleichbaren Auszeichnungen sind hier alle prämierten und nominierten Bücher nach Stichworten mit ihren bibliografischen Angaben, den Sparten, Juroren und Kurzrezensionen abrufbar. Die Datenbank erschließt zurzeit rund 3.000 Titel.

Empfehlungen für Generationen

Auch wer dem Preis in wechselnden Literaturdiskursen restaurative, elitäre, zu viel oder zu wenig experimentelle Tendenzen vorwirft, wird nicht bezweifeln, dass die prämierten Bücher und Personen das höchste Qualitätssegment der Kinder- und Jugendliteratur sichtbar machen. Sie stehen für die Entwicklung und Geschichte der Jugendliteratur in Deutschland. Gleichzeitig dokumentieren die prämierten Bücher gelebte, erwünschte, literarisierte Kindheits- und Jugendmodelle von 1956 bis heute. Für Generationen junger Leserinnen und Leser hielt der Deutsche Jugendliteraturpreis Vorschläge zum Aufbau ihrer Lesebiografie bereit. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Birgit Dankert
rezensiert seit 30 Jahren Kinder- und Jugendliteratur in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Professorin lehrte bis zu ihrer Emeritierung Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

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Goethe-Institut, Birgit Dankert. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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März 2016

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