Costa Rica

Laura Fuentes

Melanie Taylor by Fernando BocanegraLaura Fuentes © Rodrigo Soto Lange Zeit wurde Frauen der Zugang zur Literatur verwehrt, weil man davon ausging, dass sich ihre Aufgaben auf den Haushalt und die Erziehung der Kinder beschränkten. Viele Frauen schrieben daher heimlich, andere unter männlichem Pseudonym, um überhaupt akzeptiert und publiziert zu werden.

Als sich das Bildungssystem langsam öffnete und es Frauen möglich wurde, sich professionell dem Schreiben zu widmen, veränderte das auch den Blick auf Frauen. Dennoch steckte man sie weiter in Schubladen und versah ihre Literatur mit Labels wie "rosa" oder "romantisch".

Das Aufbrechen dieser Stereotype wurde zwar zu einem integrativen Bestandteil vieler Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichte, doch die Werke sollten eigentlich für sich selbst stehen. Da man gerade als Autorin schnell auf eine bestimmte Gattung reduziert wird, blieb es daher stets eine kreative Herausforderung, sich nicht ganz im sozialen Diskurs zu verlieren. Im Zuge dessen bezeichneten sich einige Autorinnen dann als "anti-romantisch".

In Zentralamerika sind mit Ana María Rodas aus Guatemala und Gioconda Belli aus Nicaragua zwei wichtige Vertreterinnen zu nennen, die mit dem Konzept der romantischen Liebe brachen und stattdessen die erotische Poesie für sich eroberten, die sich bis dahin nur um die männliche Sicht und die Bewunderung weiblicher Schönheit gedreht hatte.

Rodas mit ihren "Poemas de Izquierda Erótica" und Belli mit "El País de las Mujeres" setzen sich für eine stärkere Rolle der Frau in Bereichen wie Sexualität, Erotik, Politik und Literatur ein, worüber frühere Generationen nur hinter vorgehaltener Hand diskutieren konnten.

Mit Laura Fuentes gibt es eine neue Stimme innerhalb der Literatur Zentralamerikas, die, in der Tradition ihrer Vorgängerinnen Belli und Rodas, neue Wege des Schreibens und Erzählens geht, alte Denkschemata aufbricht und offen über sonst kaum thematisierte Themen spricht.

2013 ist ihr Erzählband "Antierótica Feroz" beim Verlag Clubdelibros erschienen. Letztes Jahr drückte mir die costa-ricanische Verlagschefin Evelyn Ugalde genau dieses Buch mit 30 Erzählungen mit den Worten in die Hand: "Das wird dir gefallen." Und so war es dann auch.

"Antierótica Feroz" ist ein einzigartiges Werk, weil es einen gleichzeitig beunruhigt und irgendwie nervt und anwidert, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Und es ist beeindruckend, wie Laura Fuentes sensible Themen wie Pädophilie, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Sadomasochismus und Inzest behandelt, indem sie ihre Erzähler oder Protagonisten in Geschichten über die düstersten Aspekte der menschlichen Sexualität verwickelt. Völlig unvoreingenommen erzählt sie die abscheulichsten Geschichten, die aus einer reißerischen Boulevardzeitung oder aus den deprimierenden Berichten einer heruntergekommenen Polizeistation stammen könnten.

Die promovierte Soziologin Laura Fuentes führt uns mithilfe der Literatur den gesellschaftlichen Verfall vor Augen, der sich vor unserer Haustür abspielt. Denn die verrücktesten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.

Die Fiktion dient Laura dabei lediglich als Mittel, um ihre Erfahrungen als Journalistin zu sammeln und mit dem Stereotyp einer aktiven und sinnlichen Erotik á la Ana María Rodas und Gioconda Belli zu brechen.

Sie widmet sich lieber der dunklen Seite der Erotik, darunter auch Themen, die in einer heterosexuellen Beziehung jenseits des gesetzlich Erlaubten und des "Normalen" lägen.

Laura erzählt ihre Geschichten hauptsächlich aus der Ich-Perspektive, wodurch die alltäglichen Sorgen in den Worten und Taten ihrer grenzwertig bis kriminellen Charaktere ganz natürlich erscheinen. Dabei könnten diese auch aus einer Fernsehserie über Schwerverbrecher und Massenmörder stammen.

Da gibt es den Vater, der der Polizei ausschweifend berichtet, wie er sein knapp achtmonatiges Baby sexuell missbraucht hat; die saloppe Ehefrau, die sich im wahrsten Sinne des Wortes den Penis ihres Gatten einverleibt; und die Schlangenfrau, die sich bei einer Performance Befriedigung verschafft, indem sie die kompliziertesten Körperstellungen einnimmt.

Laura Fuentes hat sich in verschiedenen Gattungen wie Lyrik, Essay und Prosa einen Namen gemacht. In der costa-ricanischen und zentralamerikanischen Literatur wird sie als mutige Autorin geschätzt, die die Grenzen der Erzählung immer aufs Neue ausreizt.

Laura wendet sich gegen das Konzept der romantischen Erotik, das die Autorinnen früherer Generationen damals als Kritik an der vorherrschenden zuckersüßen und verkitschten Form von Romantik ins Feld führten.

Die Zeit ist reif für einen literarischen Umschwung, der der sensiblen Feder ein brutales und gnadenloses Ende bereitet, damit die Geschichte vom Rotkäppchen endlich so umgeschrieben werden kann, dass am Ende der Wolf, seines Gliedes beraubt, in einem riesigen Topf schmort.

Der Erzählband "Antierótica Feroz" enthält erschütternde Erzählungen und wird sicher einen neuen Höhepunkt in der Literatur zentralamerikanischer Frauen markieren. Ich wünsche mir eine starke Verbreitung insbesondere unter jüngeren Lesern. Denn hinter den prall mit Fiktion gefüllten Buchseiten wird das Bild einer dysfunktionalen Gesellschaft gezeichnet, wie sie sich auch in unserem eigenen Umfeld und Alltag widerfindet. Jeden Moment könnte jemand auch an unsere Tür klopfen und uns brutal überfallen. Wie ein hungriger Wolf.

Ein Portrait von Madeline Mendieta.
Übersetzung: Daniel Pauli


Auszüge

Laura Fuentes: Cementerio de Cucarachas Laura Fuentes: Antierótica Feroz

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