Guatemala

Denise Phé-Funchal

Denise Phé-Funchal © Eny RolandDenise Phé-Funchal © Eny RolandUnterwegs in Guatemala-Stadt hat Denise Phé-Funchal nicht nur ein Notizbuch dabei, sondern auch ein Aufnahmegerät, mit dem sie Geräusche und Stimmen einfängt. Die Hauptstadt des bevölkerungsreichsten mittelamerikanischen Lands galt lange Zeit als gefährlich. Selbst 18 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, sind Touristen in dem mittlerweile herausgeputzten historischen Zentrum selten zu sehen. Doch die Stadt befindet sich in einem rasanten Wandel. Die Kultur erobert Plätze und Orte zurück. Unabhängige Verlage präsentieren neue Bücher, Autoren lesen abends in Bars, schreiben über die Gewalt der Gegenwart und die der jüngsten Vergangenheit. Sie entwerfen eine neue, lebendige Sprache, die sich traut, an Tabus zu rühren und Gewissheiten in Frage zu stellen. Eine dieser Schriftstellerinnen ist Denise Phé-Funchal.

Die 1977 in Guatemala-Stadt geborene Autorin verfolgt in ihrem Schreiben eine raffinierte Strategie: Viele ihrer Geschichte führen den Leser zunächst auf eine falsche Fährte, spiegeln eine harmonische Atmosphäre vor, beschwören die heile Welt der Kindheit, nur um dem Leser, wenn er sich in falscher Gewissheit wiegt, den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er dann in die Abgründe, die sich hinter alltäglichen Szenen verbergen. Natürlich kann man darin Echos der Phantastik eines Julio Cortázars, der seinen Protagonisten beim langwierigen und zuletzt vergeblichen Versuch, einen Pullover auszuziehen, aus dem Fenster stürzen lässt. Doch Denise Phé-Funchal ist keine Epigonin, sie hat ihre eigene Version der phantastischen Literatur in Zentralamerika entwickelt, die gesellschaftliche und geschichtliche Realität nicht übersieht. Da treffen auf einmal harmlose College-Rituale auf die brutalen Folgen des Bürgerkriegs, da finden sich Hinweise auf die unterschwellige (und bisweilen offen ausbrechende) Gewalt zwischen den Geschlechtern. Auch die Auswüchse des weiblichen Schönheitswahns werden vorgeführt, wenn etwa eine Mutter ihre Tochter zwingt, immer perfekt geschminkt in die Uni zu gehen, selbst wenn sie deshalb zu spät kommt und einen Teil des Unterrichts verpasst.

Denise Phé-Funchal sieht sich in ihrer Erzählweise und der psychologischen Figurenzeichnung der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts verpflichtet, räumt aber auch ein: „Ich entkomme dem Erbe des Magischen Realismus Lateinamerikas nicht, der Dingen und Tieren sprechen lässt, der Grenze zwischen Leben und Tod, den Gespenstern und Elementen, die nach menschlicher Logik unwahrscheinlich sind".*

Die Fragmente von Geschichten, Alltagsbeobachtungen, Erzählungen der Leute, Radionachrichten, die sie mit Notizbuch und Aufnahmegerät festhält, dienen ihr als Grundlage um ihre Geschichten aus vielen Einzelteilen in einer äußerst rhythmischen, fast musikalischen Sprache zu montieren.

Sehr früh begann sich Denise Phé-Funchal, für die Geschichten der anderen zu interessieren. Als einziges Kind neben ihrem Bruder in einem Mietshaus verbrachte sie, wie sie selbst erzählt, Stunden auf dem Balkon und beobachtete die Nachbarn, lauschte ihren Unterhaltungen. Ihr erster Roman „Las Flores“ erschien 2007, der Gedichtband „Manual del Mundo Paraíso“ 2010 und der Erzählband „Buenas Costumbres“ 2011. Ihr zweiter Roman „Ana“ erscheint in diesem Jahr. Sie hat Erzählungen für Kinder und Drehbücher verfasst, unter anderem für die Verfilmung ihres ersten Romans.

Gefragt, was es für sie bedeute, in Zentralamerika zu schreiben, sagt sie: „Das Zentralamerika, das ich kenne, ist kulturell sehr vielfältig. Die Art und Weise, zu fühlen, das Leben wahrzunehmen, die Liebe, das Geld, die Politik, eine Identität anzunehmen, sind komplett unterschiedlich. Dennoch gibt es zweifellos Dinge, die uns vereinen: das politische Chaos, die Gleichgültigkeit des Staates gegenüber seinen Bürgern, die Migration in die USA, die Korruption, die Armut, die Narcos, die allgemeine Gewalt, die Unsicherheit (…) Sicher ist eines der Themen, das die regionale Literatur eint, diese grausame Realität“.*

Ein Portrait von Timo Berger.
Originalzitate siehe spanische Version der Seite.


Auszüge

Denise Phé-Funchal: Ana sueña Denise Phé-Funchal: Estás

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