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Carlos Wynter Melo: Nostalgia de escuchar tu risa loca

NOSTALGIA DE ESCUCHAR TU RISA LOCA | SEHNSUCHT NACH DEINEM IRREN LACHEN

Carlos Wynter Melo: Nostalgia de escuchar tu risa loca Kapitel 2

Es war fünf Uhr morgens oder noch früher als ich darauf kam, Ana Rosales anzurufen. Die Idee war unsinnig und die sicherste Art und Weise mich lächerlich zu machen, aber ich erinnerte mich daran, wie gut ich mich mit Anita verstand und ich wählte ihre Nummer beinahe ohne es zu merken.

Das Telefon läutete einmal, zweimal, dreimal. Die verschlafene Stimme ihres Ehemannes erschallt in meinem rechten Ohr und durchdringt mich wie ein Kälteschauer: Guten Morgen, Familie Gutiérrez (er war schon immer gut erzogen, sehr dezent, der Ehemann). Ich legte auf, starrte längere Zeit auf das Telefon und rügte mich selbst in meinem Inneren: Und wen hast du am anderen Ende der Leitung erwartet, Dummkopf?

Genau in diesem Moment begann Jon Bon Jovi im oberen Stockwerk das Lied you give love a bad name zu singen, aber ausgerechnet ab da, ab dem Refrain. Ein Wecker begann zu läuten. Auch wenn mir Bon Jovi einmal gefallen hatte, in diesem Moment  erweckte er in mir kein einzig würdiges Gefühl. Ich hüllte mich in meine Decken und wünschte das Lied würde verstummen.

Die Sonne geht um Punkt sechs Uhr auf. Ein schräger Strahl dringt in mein Zimmer und verwandelt sich in eine Masse, die den ganzen Raum ausfüllt. In meinem Zimmer gibt es nur wenige Möbel: Ein Doppelbett, einen Nachttisch mit einem Bücherstapel darauf und einen mit wenig Gewand behangenen Kleiderständer. Für einen alleinstehenden Mann, knapp daran vier Jahrzehnte alt zu werden, bin ich sehr ordentlich. Ich gebe die Sachen immer an den Ort zurück, von dem ich sie genommen habe.

Ich bin nicht reich und auch nicht weniger als das, aber ich verwalte gut, was man mir zahlt. Ich arbeite im Natiolalem Konservatorium, gebe Privatstunden und spiele mit Son de Mar dutzende Male pro Monat. Ich muss organisiert sein, weil ich gerne ohne Druck lebe. Sagen wir, dass meine ökonomische Situation stabil ist. Mein Schnurrbart hängt perfekt an beiden Seiten des Mundes herab. Mein Haar trage ich fast immer zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ordnung.

An diesem Morgen, etwa um Viertel nach sechs und gemäß meiner Gewohnheit, nahm ich meine elektrische Bassgitarre und begann die Tonleitern zu spielen. Ich steigerte die Geschwindigkeit bis sich die Anschläge von einem Finger zum anderen nicht mehr unterschied. Die Noten verwandeln sich zu einem langen Geräusch. Ich hatte nur eine weiße Unterhose und ein Unterhemd aus Baumwolle an. Die Bassgitarre erwärmte einen Bauch, den ich als diskret bezeichnen möchte. Ich spürte das Vibrieren des Instruments wie eine Massage.

Mit dem Bass um den Körper gehängt wie eine Präsidentenschleife, näherte ich mich dem Fenster, atmete die kondensierte Luft der ersten Stunden und schaute auf die Stadt, die gerade einmal die aus Läden und Türen bestehenden Augen öffnete. Hausfrauen kehrten mit Eifer den Gehsteig. Es war ein einziger Tag, ein anderer Tag. Ich begann zu singen. Jeden Morgen wiederhole ich mit meiner tiefen Stimme die Noten meiner Lieblingslieder. Als Kind war dies mein liebstes Spiel in den Gesangsstunden.

Immer. Der Tag dringt immer mit dieser Prozession von Vorfällen in meine Wohnung ein. Nichts ändert sich. Die Sonne überflutet mein Zimmer, ich nehme die Bassgitarre in meine Hände, so als ob es der Schenkel einer Frau wäre, die sich berühren lässt. Meine nasale Stimme, meine bevorzugten Lieder.

Nachher die Dusche. Die Dusche wie unzählbare Finger, wie ein Regen an Fingern. Ich genieße das zärtliche Prasseln. Es dauert eine Minute. Ich seife mich ein: Ich beginne das Shampoo aufzutragen und überwandere sofort meinen Körper mit der Seife. Und wieder die Finger, kleine Frauenfinger, die allesamt wie eine rießige aber einfühlsame Ohrfeige auf mich treffen.

Und abtrocknen. Zuerst trockne ich meine Beine, nachher den restlichen Körper...

Und frühstücken: Eier, eine Wurst, geröstetes Brot.

Dann eventuell ein kurzärmeliges, besticktes Hemd, sehr blaue Jeans, schwarze Schlüpfer. Mein Haar mit langen Bewegungen kämmen, mit einem Haargummi zusammenbinden.

Ich nehme die Partituren neben den Büchern von meinem Nachttisch.

Ich betrat den Gang und schloss die Tür hinter mir ab und drehte den Schlüssel zweimal um. Ich ging die Treppe hinab: Insgesamt zweiunddreißig Stufen und zwei Ebenen. Ich befand mich vor der gläsernen Eingangstüre. Das Sonnenlicht war in der Eingangshalle noch stärker.

Wenig später kam ich an der Bushaltestelle an. Sie befindet sich nicht weit von meiner Wohnung. Waren es fünf Minuten? Ich ging etwa zwei Häuserblocks entlang einen Hügel hinunter, beobachtete ein sehr junges, dunkelhäutiges Mädchen mit nicht mehr als zwanzig Jahren, das wie eine Rennfahrerin in einem VW Cabrio an mir vorbeifuhr, grüßte ein Kind, das mit einer zerrissenen Schultasche in die Schule ging. Ja: es waren nicht mehr als fünf Minuten. Der erwartete Bus hielt direkt vor mir. Ich stieg ein.

Ein junges, blindes Mädchen kletterte in den Bus. Kurz nachdem ich zustieg, hielt sie ihn an. Wer weiß, wie sie sich das überlegt hat, damit sie diese Großtat mit Eleganz verrichten konnte. Sie hielt ihren aufklappbaren Blindenstock in die Höhe, bis der Busfahrer vor ihr stehen blieb. Sie stieg in den Bus ein, fragte welche Linie derselbe entlang fuhr und machte mit ihrem Stock einen Sitzplatz ausfindig. Wochen später sah ich sie noch einmal. Seither werde ich sie nicht mehr vergessen.

Vierzig Minuten vor Arbeitsbeginn kam ich im Konservatorium an. Studenten und Professoren, die erst zwei Stunden später mit dem Unterricht begannen, schwirrten bereits herum. Ich schloss daraus, dass einige sich schon zuvor ausgemacht hatten sich mit Freunden zu treffen und andere wollten dem Morgenstau entgehen.

Ich konnte sehen, dass Sofía Lorenzo, Rubén Quintana – der schlechteste Schüler, den ich je haben werde – und Pepe Castillo diejenigen waren, die früh aufgestanden sind. Sie unterhielten sich untereinander und mit anderen. Sie schauten glücklich aus. Ich nehme an, sie fühlten sich hier wohler als Zuhause, wo ihre einzige Beschäftigung Fernsehen oder Minutenzählen ist.

Leónidas kam auf mich zu. Für mich war klar, was er mir erzählen wollte.

Leónidas gehört zu einer Organisation, die Omar Torrijos verehrt. Sie glauben, dass er noch am Leben ist. Dieser Gruppe zufolge wohnt der Ex-Diktator für einige Wochen in der Schweiz und für andere in den kleinen Antillen. Leónidas ist gekommen, um mir zu sagen, dass Torrijos von verschiedenen Personen gesehen wurde, in einem Kaffeehaus der Stadt, in einer Diskothek oder im Kino. Ich sagte ihm, dass die Erscheinung des Diktators so wie diejenigen von Ufos oder Elvis Presley sind: Sie können nie bewiesen werden und stammen immer von zweifelhaften Zeugen.

Ich setzte mich auf eine der Bänke aus Stein, die den Eingang flankieren. Dabei handelt es sich um Sitze, die ständig kalt sind und an denen man sanft den Hintern reiben muss, um sich zu wärmen. Die Sonne war bereits hoch am Himmel, bereitete aber noch nicht genug Wärme, um mich zu trösten. Ich ließ Leónidas auf mich zukommen. Ich bereitete mich psychologisch darauf vor. Seine Stimme kam noch vor ihm an.

"Arcos, diese Woche wurde Torrijos von drei Personen gesehen, als sie ein Einkaufszentrum betraten. Drei Personen, Arcos. Und alle versichern, dass er einen dichten, grauen Bart hat und dunkel getönte Brillen trägt. Außerdem sagen sie, dass er an der Seite einer etwas dicklichen aber gut gerundeten Frau ging. Was sagst du dazu? Diese Information haben wir aus einem Email. Es kann kein Zweifel bestehen.“

Was Leónidas nie erlärte, war, dass diejenigen, die diese Emails an die Organisation schickten, ihre eigenen Sympathisanten waren.

„Was sagst du dazu, Arcos?“

„Leónidas, ich habe dir schon immer gesagt, dass ihr Torrijos in Frieden lassen sollt. Wenn sich der Mann entschieden hat unterzutauchen, warum belästigt ihr ihn? Wozu einen Toten stören, wenn er in seinem Grab ruht?“

„Du verstehst das nicht, Arcos. Das ist äußerst wichtig. Das würde die Geschichte der ganzen Welt ändern. Warum auch nicht?“

"Laut der Organisation haben sich die Feinde des Militärs multipliziert und sich in ihrer Abwesenheit verstärkt. Und jetzt wollten sie ein für alle Mal mit ihm abrechnen. Wenn die Organisation publik machen würde, dass Torrijos nicht gestorben sei, würde die zivile Urteilskraft den Führer schützen und ihn wieder in eine hohe politische Position heben."

„Das wichtige dabei ist, Arcos, dass wir die Hoffnung erneuern würden. Die Neoliberalen würden den Bach hinunter gehen und ein legitimer Nachfolger aufsteigen. Kannst du dir den Beliebtheitsgrad vorstellen, den Torrijos hätte? Wir werden nicht zulassen, dass ihm etwas passiert und er die Verpflichtung zum Land vernachlässigt.“

Hoffnung. Leoliberale. Land. Dieser Diskurs führt zu nichts.

„Lass diese Faulsinnigkeiten, Leónidas. Widme dich deiner Musik und vergiß diese Organisation. Außerdem: Glaubst du, dass dem Alten, mit seinen vielen Jahren, die er jetzt hätte, einfallen würde, auch nur irgendetwas zu leiten?“

„Torrijos lebt, Arcos. Das ist das Wichtige. Versuche nicht die Sachen komplizierter zu machen. Schicksal ist Schicksal.“

Mit diesen in der Luft gelassenen Worten ließ er wieder von mir ab. Ich beginne auf das Konservatorium zuzugehen.

Anfangs schmeckte mir die verstümmelte Konversation nicht, die Antwort auf den Lippen liegend aber ohne Möglichkeit ausgespuckt oder geschluckt zu werden, die nicht verwendeten Argumente von Leónidas und sein unerschütterlicher Glaube. Aber ich brauchte nicht lange und unterhielt mich wieder mit den Überbleibseln des Morgens im Himmel.

Als nur noch 25 Minuten bis Unterrichtsbeginn blieben, kam Sofía Lorenzo auf die Bank zu, auf der ich verweilte. Sie fragte mich, ob wir sprechen könnten. Ich sagte ihr, dass meine Stunde in fünf Minuten beginnt. Sie sagte nichts und schaute mich an. Sie schwafelte einige unverständliche Worte. Ich atmete nicht, damit es sich von selbst erklärte: Ich hatte kein Interesse an all dem, was sie sagen könnte.

Fünf vor acht näherte ich mich dem Gebäude. Als ich durch die gläserne Eingangstür ging, begrüßte mich der Hausmeister. Guten Morgen Herr Gonzáles. Ich ging zum Schalter, wo mich Ruperta Brown, die Zuständige für die akademische Koordination, empfing. Ich unterschrieb die Anwesenheitsliste, die auf einem kleinen Vorsprung ruhte. Ich begrüßte Ruperta mit einem Lächeln, sie erwiderte meinen Gruß.

Ich betrat das Klassenzimmer um Punkt acht Uhr. Die vier Schüler, die meine Klasse besuchen, waren alle anwesend: Gloria Delgado, Milagros Palacios, Juan Martínez und Rubén Quintana. Sie saßen im ganzen Raum verteilt auf ihren Arbeitspulten. Sie sahen mich mit überraschten Blicken an, aber nur für eine Sekunde. Nachher nahmen sie ihre Gespräche wieder auf und lachten so als ob ich nicht da wäre. Ich nahm ein Stück Kreide aus dem langen Fach am unteren Tafelende. Ich schrieb das Thema des Tages: Die G-Tonleiter.

Ohne viel nachzudenken, drehte ich mich zum kleinen Rubén um, und sagte ihm in die Augen schauend:

„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nicht wiederkommen? Du bist kurzsichtig, hast kurze Finger und keine Vorstellungskraft. Was soll ich dir sonst noch sagen?“

Er war keineswegs erschüttert. Ich begann den Unterricht und er blieb weiter an seinem Platz, seinen Blick gerichtet durch seine Brillengläser so dick wie Flaschenböden.
Übersetzung: Christoph Schabasser

"Nostalgia de escuchar tu risa loca" ist erschienen bei Sudaquia editores, New York, 2013.

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    „Contentos“ seien sie, zufrieden, erklären die Einwohner Panamas regelmäßig bei Umfragen. (...) Alles gut, könnte man meinen. Was bleibt einem als Schriftsteller da noch an Themen? Einer, der sich dennoch und ziemlich erfolgreich als Erzähler in den vergangenen Jahren etabliert hat, ist Carlos Oriel Wynter Melo. Mehr...

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