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Juan Dicent: Poemas

GEDICHTE

Garbage Truck

Die Müllabfuhr kam wieder
Die Männer, scharf auf den Weihnachtsobolus, pfiffen
Gitter, Türen, Fenster, verschlossen.

Die Müllabfuhr kam wieder
Müll gab's nicht, sie pfiffen trotzdem, nahmen die Tonnen mit.
Die alte Frau von gegenüber kam aus dem Haus, sie feixten schon,
In ihrem Beutel aber nur Pillendosen, Eierschalen.

Die Müllabfuhr kam wieder, wieder und wieder,
Die Männer pfiffen nicht mehr, nahmen aber die Tonnen mit,
die gelben Blumen, die Bürgersteige, die Vögel, den Asphalt.
Das Viertel ist jetzt die Müllhalde der Stadt.


Easter


Und in der Osterwoche fahren alle an den Strand.
Von Donnerstag an der Exodus an der Mautstelle.
Drei Tage Stumpfsinn, Sonne, Meer, Rave und Bacharengue.
Dort verliebt man sich,
schmeißt Müll weg,
trennt sich,
träumt,
wird man verhaftet
und die, die am meisten Glück haben, sterben.
Die anderen fahren in eine von Ingenieuren geplante Stadt zurück.


Chicken place


Sonntags ist wenig Geld übrig,
ich esse in einem Pica Pollo.
Die Leute stehen stundenlang an
für ein Hähnchen – gegrillt oder frittiert.

Überall liegen Teile von Hähnchen,
die Servietten sind Hühnerfedern,
die Flüssigseife im Bad
wird aus Hühnerblut gemacht.

Die Frauen, die die Hähnchen verkaufen, sind dick,
meist schwanger,
mit verschwitzten Gesichtern unter roten Mützen,
die aussehen wie der Kamm eines Hahns.

Du sollst nicht an dem Hähnchen riechen.
Du sollst das Hähnchen nicht schmecken.
Du sollst das Hähnchen nicht kauen.
Du sollst es im Ganzen verschlingen,
wie eine Boa.

Um dich herum sind alle hungrig.
Um dich herum sind alle hässlich.
Um dich herum sind alle kaputt.
Draußen auf der Straße steht ein roter Schubkarren.


The freight train


Aus dem Weg
Hier kommt der Frachtzug
ganz in grau,
mit Jackett und Krawatte,
mit einem Koffer voller Arbeit,
einer 2-Zimmer-Wohnung,
oft mit Kindern,
selten mit Geld,
und immer mit Druck und Geschrei und einer Frau.


Merengue King


Ich komm nach Hause und muss in einer halben zur Arbeit, in der Sonne,
mit dem Kopf full of night.
Erst mal versuchen, ich will nicht.
Erst mal 'ne Dusche, ich will nicht.
Warum kann ich nicht bis vier Uhr schlafen wie ein Rockefeller oder König?
Ich bin der King.
Tanze Merengue und Reggaeton und auf jeder Party, auf die ich mit oder ohne Einladung gehe,
scher ich mich einen Dreck darum, was sich gehört.
Alle Frauen wollen mit mir tanzen und ich will sie alle.
Will mit allen zusammen sein.
Warum kann ich nicht mit allen zusammen sein?
Aus purem Spaß an der Freude.
Ich bin der König der Nacht.
Das beste daran, ich bin nicht der einzige.

Übersetzung: Timo Berger
Diese Gedichte von Juan Dicent stammen aus den Bänden "Animal Planet" (2009) und "Monday Street" (2012).

    Zum Autor

    Straßenszenen, Telefongespräche und Anekdoten aus dem Alltag von Dominikanern in den USA tauchen in seinen Erzählungen und Gedichten immer wieder auf. Juan Dicent, geboren 1969 in Bonao, einer Stadt im Zentrum der Dominikanischen Republik, lebt in New York. Er hat einen Master of Business Administration absolviert und arbeitet heute als Angestellter in einer Bank. Mehr...

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