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Warren Ulloa: Maremotos

SEEBEBEN | MAREMOTOS

Warren Ulloa: Maremotos Moisés Rojas war der erste Angestellte gewesen, den die internationale Firma – ein kanadisches Unternehmen, das Software entwickelte – eingestellt hatte, als sie ins Land kam. Er war ein seltsamjer Typ, und alle im Büro wussten das. Trotzdem und alledem war er ein ausgezeichneter Angestellter, das, waqs man einen workaholic nennt. Die Firma hatte ihn zum besten Angestellten des Jahres 2003 gekürt, und alles deutete darauf hin, dass dies im Jahre 2004 wieder so geschehen würde, ein Jahr, das seinem Ende zusteuerte.
All diese Tugenden führten dazu, dass er eine enge Freundschaft mit seinem Chef entwickelte, einem jungen Kanadier mit dem Namen Jerey Schummer. Beide durchbrachen sie das eiserne Gesetz der multinationalen Firmen, dass Chefs und Angestellte über Arbeitsfragen hinaus nichts miteinander zu tun haben sollen. Moisés Rojas kannte dieses ungeschriebene Gesetz, doch in seinem tiefsten Innern rechtfertigte er die Freundschaft mit seinem Chef mit mehreren Gründen, einmal, weil Jeremy sehr jung war, dann, weil er als Ausländer nicht die Vorurteile der Latinos besaß, und schließlich und vielleicht am wichtigsten, weil er Kanadier war und nicht einer von diesen Scheiß-Gringos.
Er hatte seine Position nicht etwa durch Beziehungen erreicht – darin machten die Kanadier keine Konzessionen –, sondern war nur durch seine eigene Arbeit und Anstrengung Chef geworden. Er verdiente ein sehr gutes Gehalt, dass er jedoch kaum anrührte, den Rest ließ er auf der Bank, nicht, weil er geizig gewesen wäre, sondern weil er keine Gelegenheit hatte, es auszugeben. Er blieb meist bis ein Uhr morgens im Büro, das war seine Art, über seine Scheidung wegzukommen, denn wenn er nichts zu tun hatte, dann drangen ihm seine selbstzerstörerischen Gedanken aus den Ohren und tanzten wie ein makabres Theaterstück vor seinen Augen. Seine emotionale Stabilität war so groß wie die eines Rally-Beifahrers, der unterwegs einen Zauberwürfel zusammenzusetzen versucht.

Eines Freitag Abends erzählte er Jeremy bei ein paar Gläsern – er trank sehr wenig – vom ersten Mal, als er sich umzubringen versuchte. Er war damals achtzehn Jahre alt und hatte eben erfahren, dass seine Eltern sich scheiden lassen wollten. Er erzählte, wie er einen Strick an einen Baum geknüpft hatte, auf einen Ast gestiegen war und den Kopf noch nicht in die Schlinge gelegt hatte, als der Ast brach, weil er morsch war, und so seinen Versuch scheitern ließ. Seine Mutter bekam alles mit, vom Küchenfenster sah sie, wie er zu Boden fiel.
Das Ganze brachte ihm eine Tracht Prügel seines Vaters ein, der ihn Idiot und Schwuchtel schalt, während seine Mutter weniger rüde, doch orthodoxer war und ihn der geistlichen Führung eines Pfarrers anvertraute. Der wollte ihm allerdings an die Wäsche gehen. Wenn Moisés ihn besuchte, sprach der Priester mit ihm über das Himmelreich, über den Wert des Lebens und die Sünde, es zu missachten, er sagte ih, es gäbe doch so viele schöne Dinge, für die es sich zu leben lohne, und dabei streichelte er den Schenkel eines uninteressierten Moisés. Angesichts dieser eigentümlichen Zärtlichkeiten des Pfarrers nahm Moisés, im Einklang mit seinem passiven Temperament, nur die Hand weg, als klaube er sich einen Kaugummi von der Schuhsohle, und ging hinaus, nicht ohne dem Schutzheiligen der Gemeinde noch einmal ins Gesicht zu spucken.
Er versuchte nicht noch einmal, sich das Leben zu nehmen, weil er traumatisiert war, nicht so sehr durch seinen gescheiterten Versuch, sondern aus Angst, noch einmal auf einen solchen verkorksten Beistand zu stoßen.
Er bemühte sich, sein Leben so normal wie möglich zu leben, studierte weiter und fand sich damit ab, seine Eltern einzeln zu sehen, stürzte sich ganz in seine Ausbildung zum Informatiker, so erzählte er, während Jeremy aufmerksam zuhörte.

In seiner Studienzeit hatte er keine Beziehungen zu Frauen, betrank sich nicht und zog es vor, sich abzusondern und nicht besonders aufzufallen. Er hatte nur ein paar wenige Freunde, keine einzige Freundin. Zu seinem zweiten Selbstmordversuch kam es, als er eine wichtige Prüfung nicht schaffte. Dieses Mal, so erzählte er Jeremy, begann er wie wild zu schreien und zu fluchen, und alle Beleidigungen waren gegen sich selbst gerichtet, wüste Beschimpfungen ausstoßend lief er über die Universitätsflure. Dann schloss er sich in eine Toilette ein, und dort trank er aus reiner Verzweiflung aus einer Flasche Desinfektionsmittel, die dort stand, und komischerweise war es der Professor des Kurses, den er nicht bestanden hatte, der ihn fand und Alarm schlug. Zuerst hielt man ihn für tot, doch hatte er das Glück oder das Pech, durch eine sofort durchgeführte Entgiftung zu überleben.
Die Geschehnisse im Zusammenhang mit seinem zweiten gescheiterten Selbstmordversuch machten ihn zu einem Schatten seiner selbst, den niemand auch nur eines Blickes würdigte, nicht einmal im Unterricht. Seine Unsichtbarkeit wurde nicht einmal bei seiner Examensfeier durchbrochen. Niemand wollte sich mit Moisés fotografieren lassen, und an jenem Abend ging er, festlich gekleidet, wie er war, früh zu Bett.
„Aber wie haben Sie dann Ihre Exfrau kennengelernt?“, fragte Jeremy, der ein wenig zu viel getrunken hatte und noch mehr wissen wollte.
Moisés erzählte ihm, dass er nach dem Examen begonnen hatte, Unterricht in einer dieser halbseidenen Privatuniversitäten zu geben. Sonia, so hieß seine Exfrau, war seine Schülerin. So unromantisch wie er war, erzählte Moisés Rojas Jeremy, hatte er erst gar nicht mit bekommen, dass sich Sonia für ihn interessierte, und schließlich war sie es, die ihm den ersten Kuss gab. Ohne lange zu überlegen und in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass Sonia die einzige Frau seines Lebens sein würde, machte er ihr einen Antrag und so kam eins zum andern.
„Warum habt ihr euch dann aber scheiden lassen?“, fragte Jeremy und tat noch ein paar Eiswürfel in sein Glas.
Moisés wirkte peinlich berührt und gestand, Sonia habe ihn wegen eines anderen verlassen.
„Die Gründe, warum sie mich verließ, habe ich nie erfahren“, fügte er traurig hinzu.
Jeremy schwieg, musste aber innerlich lachen über das Leben, das sein guter Mitarbeiter geführt hatte. Immerhin machten ihm die Missgeschicke, von denen Moisés erzählte, verständlich, weshalb er sich so verhielt, wie er sich verhielt, und weshalb er eine so graue Vorstellung vom Leben hatte.

Von einem plötzlichen Anfall von Mitleid verleitet, sagte Jeremy, er plane, mit seiner Freundin Dorothy, die auch aus Kanada stamme, Weihnachten und das Jahresende im Ausland zu verbringen, auf einem anderen Kontinent, und lud Jeremy ein, mitzufahren. Moisés sah ihn erstaunt an, hielt er den Vorschlag doch für eine verrückte Idee von Jeremy, der ein paar Gläser zu viel getrunken hatte. Der jedoch beharrte auf seinem Vorschlag und machte Moisés klar, er müsse mal aus seinem Alltagsleben aussteigen und ein exotisches Abenteuer erleben, dann würde er sicher mit neuem, positivem Enthusiasmus zurückkehren.
„Wo wollt ihr denn überhaupt Silvester feiern?“, fragte Moisés. „Eigentlich hatten wir vor, nach Australien zu fliegen, aber die Flüge sind alle ausgebucht und die Hotels auch, aber ich habe gesehen, dass es in der pazifischen Region noch Möglichkeiten gibt. Dorothy meinte, Sumatra könnte eine gute Option sein. Wär doch toll, Weihnachten und Neujahr dort zu verbringen!“
„Na, ich weiß nicht ...“
„Kommen Sie schon Moisés, von da drüben aus und als Vorsatz fürs neue Jahr können Sie doch beginnen, ein Leben in Würde zu führen, Sie haben doch alles, was es dazu braucht. Lassen Sie einfach all den Frust hinter sich, damit auf Sumatra ein neuer Moisés geboren wird, ein eindeutig positiver, was Sie brauchen, ist eine Liebesaffäre mit dem Leben, ganz rückhaltlos und ungeschützt, ohne Kondom sozusagen.“
Diese Worte machten Moisés Mut, er bestellte noch einen Drink – schon etwas viel für ihn – und sagte, sie sollten ihm Flugticket und Hotel reservieren. Mitte Dezember sollte es schon losgehen, und wegen der Hotelreservierung – ein Viersternehotel! – und des Flugtickets solle er sich mal keine Gedanken machen, das würde schon noch klappen, sagte Jeremy. Dorothy sei auch schon da und reisebereit. Moisés Rojas atmete tief durch und spürte, dass die Luft, die ihm in die Lunge drang, klimatisiert war. Es war Zeit, ein würdiges Leben zu führen.

***

Dorothy war ihm auf Anhieb sympathisch, eine freundliche, junge Frau, die mehr Französisch als Englisch sprach, Spanisch allerdings nur sehr wenig. Er musste in aller Herrgottsfrühe aufstehen, weil der Flug sehr früh losging. Dorothy und Jeremy saßen neben Moisés, der darum bat, am Fenster sitzen zu dürfen. Es war eine sehr lange Reise mit mehreren Zwischenstopps und der dauernden Angst, dass ihr Gepäck irgendwo unterwegs hängenbleiben oder das Flugzeug von Terroristen entführt werden könnte. Spät am Abend kamen sie in Sumatra an. Das Klima war stickig, schwül, kein Lüftchen schien sich zu regen. Als sie den Flughafen verließen, hatte Moisés ein Gefühl, als hätte er die Reise in einem Flugsimulator zurückgelegt. Er meinte fast, immer noch zu Hause in seinem Heimatland zu sein, als sie ins Hotel fuhren, um auszuruhen.
Am nächsten Morgen erwachte er spät, frühstückte ausgiebig und traf sich am Pool mit Jeremy und Dorothy. Jeremy plantschte im Wasser, Dorothy nahm ein Sonnenbad. Sie erzählten ihm, sie hätten vor, einen Rundgang durch die Stadt zu machen, sich ausgiebig umzusehen.

Die Idee schien Moisés anfangs nicht allzu verlockend, doch als er die Elefanten in den Straßen sah, die bunten Taxis, die Gebäude mit hinduistischen Reliefs, die Moscheen und die riesige Buddhastatue voller Meerkatzen, hatte er keinen Zweifel mehr, dass er sich auf der anderen Seite der Welt befand.
Er fand es ein bisschen surrealistisch vor, die Läden mit Weihnachtsbäumen und Figuren von Weihnachtsmännern geschmückt zu sehen, die neben Bildern von Ganesha und Krishna standen.
Die Art, wie die Inselbewohner sprachen, kam ihm ziemlich komisch vor, und eine wachsende Fröhlichkeit ergriff Besitz von Moisés.

Das Weihnachtsessen am Heiligabend war voller exotischer Gewürze und Gemüse und ein wenig zu scharf für Moisés' Geschmack, mundete ihm aber schließlich doch vorzüglich. Dorothy und Jeremy gingen früh schlafen, er jedoch beschloss, das Casino zu besuchen, das es im Hotel gab. Es war schon weit nach zwölf, als er Sophie kennenlernte, eine holländische Fotografin. Sie war vierunddreißig Jahre alt und machte Urlaub auf Sumatra. Zu Moisés' Überraschung sprach sie Spanisch mit spanischem Akzent. Zwischen ihnen beiden entstand eine Spannung, die Moisés – wie es bei ihm üblich war – erst entziffern konnte, als Sophie ihn einlud, die Nacht in ihrem Zimmer zu verbringen. Nie in seinem Leben hatte er ein besseres Weihnachtsgeschenkt bekommen als den Sex, den ihm Sophie in dieser Nacht schenkte. Am Weihnachtsmorgen erhob er sich mit einer Lebenslust, die er nie zuvor empfunden hatte, er fühlte sich wie im Rausch. Er duschte gemeinsam mit Sophie und stellte sie sogar Jeremy und Dorothy vor. Der junge Mann beglückwünschte ihn dazu, dass er endlich zu leben begonnen hatte. Dann teilte er ihm mit, dass er, Jeremy, nach Kanada reisen müsse, das Unternehmen habe ihn dringend zurückgerufen, es täte ihm leid, dass sie nicht gemeinsam Sylvester feiern könnten, doch Moisés antwortete ihm, das mache nichts, er wäre ja in guter Gesellschaft und sie würden sich dann halt wieder zu Hause im Büro sehen.

Dorothy und Jeremy nahmen die Mittagsmaschine zurück nach Amerika, während Moisés den ganzen 25. Dezember wie ein Fünfzehnjähriger an der Seite von Sophie verbrachte. Sie alberten mi Pool herum, tranken, bis sie ein wenig beschwipst waren und blieben bis es dunkel wurde am Strand, wo Sophie ihn einlud, eine Zeitlang in Holland zu verbringen. Moisés wurde klar, dass sein verändertes Verhalten ihm großen Nutzen brachte, und dass dieses Wohlgefühl ein Vorgeschmack war auf das neue Leben, das in seinem Inneren keimte.

Am Morgen des 26. stand er voller Energie auf und fühlte sich wie ein Glückspilz, es war, als habe das Schwarzweißbild seines Lebens einen bunten Anstrich bekommen. Er verlebte gerade das schönste Weihnachten seines Lebens und freute sich darauf, das neue Jahr richtig groß zu feiern.
Er ließ Sophie schlafen und beschloss, einen Spaziergang am Strand zu machen. Der Himmel war aquarellblau, die Sonne strahlte hell wie eine Neonlampe, der Strand war weißer als normalerweise, die Luft frisch und das Meer, das Meer und die Wellen schienen fast auch auf Urlaub zu sein.
Er zog sich das Hemd aus, legte sich in den Sand und schaute zum Himmel empor. Bewegt sah er die Schwärme von Vögeln vorbeiziehen, spürte den feuchten Sand unter seinem Rücken, hörte das leise Rauschen der Palmen, hatte sogar den Eindruck, eine Wolke zwinkere ihm zu, alles war anders, er fühlte sich wie neu geboren.
Dann hörte er ein seltsames Grollen, das ihn erschauern ließ, richtete sich auf und sah auf das Meer hinaus, und das Lächeln, das er seit Tagen auf den Lippen trug, verschwand mit einem Schlag. In sein Schicksal ergeben blieb er dort sitzen und wartete darauf, dass seine Wirklichkeit ein für alle Mal über ihm zusammenschlug.

Übersetzung: Lutz Kliche
Die Erzählung "Maremotos" ist im Band "Finales aparentes" 2008 beim Editorial Uruk erschienen.

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    “Schriftsteller sein ist grundlegend in meinem Leben, ich könnte sagen lebensnotwendig. Deswegen suche ich berufliche Projekte, bei denen ich lesen und schreiben kann. Manchmal mache ich Werbung über soziale Netzwerke, wodurch ich am Computer sein und schreiben kann. Toll wäre, wenn ich davon leben könnte, aber wir wissen ja, dass das in der Region sehr schwierig ist”, sagt Warren Ulloa Mehr...

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