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Javier Alvarado: No me cubre de edad la primavera

NO ME CUBRE DE EDAD LA PRIMAVERA

Der Friedhof von El Ciprián

Auf diesem Friedhof gibt's für alle eine Inschrift
Ein dunkles Lied, das uns verfolgt vom Gestern bis zum Heute
Wie eine Girlande aus ärmlichem Gemüse
Diese Toten, die mich manchmal bewohnen, mich beschweren
Die ich in ihrer Haltung korrigiere, ihren Gesten und Gewohnheiten
Die mich verfolgen wie ein Kind das bittere Weinen des Wassers
Schwimmen fort mit meinem Blut
So wie die Regenzeit entflieht in ihrem Boot.

Wo sind sie geblieben, die Kleider unserer Ahnen
Und das Kostüm einer verrückten Bettlerin meiner Großmutter
Mit seinem sommerlichen Muster nach seinem Weg durch die
Versengten Webstühle des Windes, wo man doch sagt, dass der Wahnsinn durch die Luft verbreitet wird
In seinen Wind hinein, wohin wir alle gehen müssen mit der ersten Hymne oder dem irdischen Glockenschlag
Dieses Schicksals, ein Waisenkind des Lichts zu sein
Auf dem Gebiet und in dem Staub?

Wo sind sie und der grausame Großvater
Der seine Kinder in der Welt verstreute
(Vitervo, Bredio, Janeth)
Wie die vergänglichen Perlen einer Kette
Die wir mit der Wut der Zeit herunterreißen, mit diesem Ruck
Von Tieren, wenn der Krampf vorbei ist
Wenn die Nacht sich auf uns niedersenkt
Wie eine Riesenamarant oder ein Krake
Der Partituren schreibt mit dem steinigen Orgasmus seiner Tinte.

Oh, meine ersten Toten, die der erste Schauer der Regenzeit
Mir in unordentlichen Bildern bringt
Auf denen das Bestiarium der Musen zu betrachten ist
Wo ich nicht mal die Hefe ihrer Knochen hab betrachten können
Wo ist ihr Grab, Großmutter aus längst vergangner Zeit von Mais und Kreide
Marcaria Espinoza, die ohne Sarg gegangen ist
Nur mit dem Leichentuch des Weinens ihrer abwesenden Kinder
In ihrer Schlichtheit, ihrem Wahnsinn?

Wir werden diese Körper einst verlassen, diese Blasen bewohnen
Die die Regenzeit uns hinspeit
Es wird Gräber geben vom Himmel bis zum Boot,
Wir werden in deinem Haus zu Gast sein und so wirklich und so fremd sein
Dies ist dein Friedhof von El Ciprián, wo es für alle eine Inschrift geben wird.


Darbietung der Zwiebel

Keine rote Rose oder ein Samtherz.
Ich schenke dir eine Zwiebel.

Sie verspricht Licht
wie das behutsame Entblättern der Liebe.

Carol Ann Duffy, Valentine

Gib mir nicht die Rose.
Gib mir nicht das flache Land, die Straßen.
Gib mir nicht das Klirren des Baums.
Gib mir nicht das Wasser uns seine gläserne Truhe.
Gib mir nicht die Stacheln des Schönen,
Gib mir die Zwiebel.
Von diesen, die man in Coclé und anderswo anbaut
Wo ihre Haut ganz weiß ist
Rein wie die Brust eines jungen Wolfs
Erdfarben wie das Gefieder des Rosttäubchens
Ausgebreitet auf dem unbewegten Blatt.
Gib mir nicht von der saftigen Lippe
Noch vom versteinerten Wald, den du in dir trägst
Wie ein verschüttetes Glas Wein
Die irdischen und himmlischen Gaben
Die dir die Schöpfung angedeihen ließ
Mit den zerstörten Ähren,
Besser der nächtliche Krater
Die bleiche Kirsche
Das weggeschmolzne Reh, das sein Geweih hebt
in den Festgelagen des Betts,
Duftend wie der Zimt, in die Wüste getragen
Das Geschlecht im Vogelschnabel
Aus dem fühlbar der Samen tropft
Oder den Kern des Mystizismus im Saatkorn.
Ich entfliehe lieber deinen Reichen
Und lasse den gedeckten Tisch stehen,
das Essbesteck, das kalte Essen
Dies ist die Kommunion deines Körpers, wenn ich dich schäle
wenn ich dich häute und vom Messer besessen bin
Und dein Fleisch in kurvenreichen Scheiben bloßlege
Die sich langsam öffnen wie ein Wunder
Oder ein Pakt Gottes unter den Lämmern.
Gib mir gar nichts,
pflanze nur eine Zwiebel hier in meine Erde
auf dass der Stängel wachse bis er die Unendlichkeit des Himmels
Und den Richtspruch aller vier Himmelsrichtungen erreicht.
Ich lass dir eine Rose,
lass dir die Winde, Meere, Wohnungen,
Alles Getastete, Gehörte, Geschmeckte, Gesehene und Gerochene.
Gib mir nicht die Gaben, gib mir nicht den Körper.
Gib mir nicht die Jahreszeiten
Und nicht den Mantel noch den Regenschirm.
Nimm mir alle Pflanzen dieser Welt
Doch lass mich nicht ein Waise sein
Ohne die Zwiebel.

Übersetzung: Lutz Kliche

    Zum Autor

    Ein lateinamerikanisches Sprichwort besagt, dass jedes Kind mit einem Stück Brot unter dem Arm zur Welt kommt. Der Panamaer Javier Alvarado kam statt mit Brot mit einer Gedichtrolle unter dem Arm zur Welt. Mehr...

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