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Georgina Vanegas: El Taxidermista

EL TAXIDERMISTA | DER PRÄPARATOR (Teil I)

Georgina Vanegas: Taxidermista„Wie Leonardo da Vinci das Innere des menschlichen Körpers studierte und Leichen sezierte, so versuche ich, Seelen zu zerlegen.“
Edvard Munch


Seit langem schon betrachte ich es als meine Hauptbeschäftigung, Seelen zu präparieren. Was als harmloser Zeitvertreib begann, dem ich meine wenigen freien Stunden widmete, wurde nach und nach zum Beruf, genauso des Lobes würdig wie Lehrer oder Architekt. Eine Arbeit, die man tagtäglich macht, wird manchmal zu mehr als das. Sie wird zu einer Leidenschaft. Insofern muss ich gestehen, dass ich den Leser in den ersten paar Zeilen diese Geschichte angeschwindelt habe, als ich das, was ich tue, eine „Beschäftigung“ nannte. Das ist es nämlich nicht. Es ist eine Leidenschaft.

Seinen Leidenschaften widmet man nicht die kurzen Zeitspannen der Erholung oder die mechanische Routine von acht bis fünf, sondern sein ganzes Leben. So habe ich das meine dem Präparieren von Seelen verschrieben, mit der ganzen Hingabe und Intensität, mit der man die geliebte Frau küsst oder den heiß ersehnten Erstgeborenen aufzieht. Wie wenig das zu bezweifeln ist, wird man noch sehen.

Allerdings muss ich, wenn ich ehrlich bin, gestehen, dass das nicht immer so war. Anfangs habe ich ja nur Tierleichen präpariert und bekam dafür im Naturkundemuseum sehr viel Lob. Im ganzen Land war ich anerkannt und bewundert. Von überall her meldete man sich bei mir, um mir Aufträge zu erteilen: Vögel waren dabei am häufigsten und auch meine liebsten. Der naturgetreue Ausdruck, den ich ihnen abzugewinnen vermochte, übertraf den meiner Konkurrenten, das wusste ich, und sie wussten es auch.

Nach den acht Stunden Arbeit im Museum konnte ich es mir leisten, einen kleinen Gang durch die Stadt zu unternehmen und in Gesellschaft eines Freundes einen Whiskey zu trinken. Es hat mir nie gefallen, direkt nach Hause zu gehen. Ich zog die offenen, weiten Räume vor, und dass um mich herum Menschen waren.

Dort war es auch, unter freiem Himmel, wo ich meine erste Seele fing. Es geschah auf einem kleinen Platz in der Nähe des Zentrums. Ein Clown unterhielt die Leute, die ihm, bevor sie mit dem ersten Lächeln des Tages auf dem Gesicht (obwohl es schon fast sechs Uhr nachmittags war) weitergingen, ein oder zwei Münzen in den kleinen Korb warfen, der vor ihm auf dem Pflaster stand.

Dort sah ich diese Frau, und ihre Seele auch. Sie stand da nit ihrer kleinen Tochter, einem Mädchen von vielleicht drei Jahren. Sie trug sie auf dem Arm, während sie klatschte und auf den Mann mit der roten Nase und den grünen Haaren zeigte. Ich nahm ihr die Seele weg, als sie gerade aus vollem Halse lachte. Inzwischen weiß ich, dass es auch in einem anderen Augenblick hätte sein können, man muss nur das Auge schulen und ein wenig Geduld haben. Auf jeden Fall wurde die Seele, die ganz in der Nähe des Magens ruhte, gelb, als die Frau lachte. Das dauerte nicht länger als ein Lidschlag, und da griff ich zu. Ich schwöre, ich wusste in jenem Moment gar nicht, was ich tat und warum ich es tat. Es war so etwas wie ein Instinkt oder vielleicht konnte ich auch hören, wenn die Seelen mich riefen. So bemächtigte ich mich ihrer also und verbarg sie schnell unter meinem Mantel. Und ging eilig davon.

Zu Hause angekommen, zog ich alle Vorhänge zu, aus Angst, jemand könnte sie sehen. In meinem Zimmer holte ich sie unter dem Mantel hervor und legte sie auf den Tisch. Sie glänzte beinahe noch genauso stark wie vorher, als ich sie aus dem Körper der Frau entwendet hatte, doch stieg eine kleine, gelbe Rauchfahne von ihr auf. So vergingen ein paar Minuten, bis der Rauch erlosch. Jetzt wirkte die Farbe matter. Sie war tot. Sie war in die richtigen Hände geraten. Ich war Präparator und wusste genau, was ich zu tun hatte. Die Prozedur konnte nicht so verschieden sein.

Ich holte das, was ich brauchen würde: Schere, Skalpell, Pinzette, Draht und Watte. Dann entfernte ich zuerst die Haut, ganz vorsichtig, um sdie nicht zu beschädigen. Was sie bedeckte, war kein Fleisch, sondern eher eine Masse, die dem Silikon glich. Sie verströmte auch keinerlei Geruch. In der Mitte fand ich eine feste, kleine Kugel, ungefähr von der Größe einer Murmel. Das war das Herz, das ich entfernte. Es trat kein Blut aus oder etwas ähnliches. Dann legte ich sie in das Gestellt, das ich dafüür vorbereitet hatte. Und ich ließ sie so, wie ich sie vorgefunden hatte: lachend.

An diese Stelle muss ich erklären, dass die, die ihre Seele verlieren, nicht sterben, im Gegensatz zu dem, was man vielleicht meinen könnte. Nein. Sie bleiben am Leben, sie merken nicht einmal, dass ihnen etwas fehlt. Sie lachen wie zuvor, sie arbeiten, sie fahren mit ihren Familien in Urlaub, sie laufen eilig über Büroflure und schauen sich die teuren Armbanduhren an, die in den Schaufenstern der Einkaufszentren liegen. Es verändert sich nicht viel.

Das einzig Verschiedene, und nur ich nehme dies war, ist eine leichte Veränderung in der Hautfarbe. Sie wird ein wenig bleicher. Vielen steht das sogar.

Durch die ständige Ausübung dieses Berufs, dieser Leidenschaft habe ich die Methode perfektioniert. Wie ich schon erwähnt habe, kann sie zu jeder Gelegenheit und jeder Uhrzeit ausgeführt werden, unter einer Bedingung, die ich durch die Praxis gelernt habe: Die Person muss wach sein. Mehrmals habe ich versucht, mich einer Seele zu bemächtigen, während der Körper schlief, aber das ist unmöglich gewesen. Nie habe ich auch nur die leiseste farbliche Veränderung noch den leichtesten Umriss wahrnehmen können. Nichts. Wenn die Person jedoch erwacht, brauche ich nur ein paar Minuten zu warten und dann sehe ich sie schon. Manchmal unterhalte ich mich ein paar Minuten lang mit dem schläfrigen Gastgeber, um zu sehen, in welcher Stimmung sein Gast sich befindet. Wenn ich die nicht besonders mag, warte ich zuweilen ganze Tage ab, bis der richtige Moment gekommen ist.

In den meisten Fällen merken weder die Körper noch die Seelen, was ich da mache. Es ist ganz leicht, sie zu überraschen. Da reicht ein tiefer Seufzer, ein mit Nachdruck gesprochener Satz oder der genüssliche entspannte Augenblick vor dem Fernsehapparat. In jedem dieser Momente beginnt sich die Farbe eines Arms, eines Beins, des Bauchs oder Kopfes der Person zu verändern, die die Seele beherbergt. Deren Farbe ist auch unterschiedlich. Manchmal ähnelt sie sehr der Hautfarbe dessen, den sie bewohnt. Mit der Zeit entdeckte ich, dass dies kein reiner Zufall war, es geschah immer, wenn die Seele merkte, dass ich sie sehen konnte. So entdeckte ich ihre chamäleonhaften Fähigkeiten. Das erste Mal passierte mir das bei einer Tänzerin, die einen Standardtanz tanzte. Das geschah an einem festlichen Abend, einem von denen, die ich nicht mehr allzu oft erlebe. Ich entdeckte sie beim Wechsel von einem Chachacha zu einem Tango. Sie war rot, und sie sah mich, als die Beine am Ende von „La Cumparsita“ eine 8 beschrieben. Da wurde sie mit einem Mal bleich. Fast hätte man sie mit der Haut der Tänzerin verwechseln können.

Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich normalerweise den richtigen Zeitpunkt abwarte, wenn mich Ausdruck und Stimmung überzeugen, doch sah sie in dem Moment nicht wie eine erschrockene Seele aus. Und so entschloss ich mich, sie an mich zu nehmen, während Gardel den „Cambalache“ schluchzte.

Als die Seele merkte, dass ich mich ihrer bemächtigen würde, schrak Olivia, die Tänzerin, zusammen und machte einen falschen Schritt. Sie schaute sich um, als suche sie etwas. Als sie dann keine Seele mehr hatte, zog ihr Tanzpartner nah zu sich heran, und sofort vergaß sie, was sie gespürt hatte. So geht das immer, wenn sie erschrecken: Der Körper merkt etwas, vergisst es jedoch wieder.

Ich möchte unterstreichen, dass ich immer sehr behutsam mit den Seelen umgegangen bin. Man muss die Körperregion, die sie bewohnen, gar nicht berühren. Es reicht völlig aus, an ihrem Gastgeber vorbeizugehen und an dessen Hals entlangzublasen oder den Arm auszustrecken, als lade man zum Tanzen ein. Dann fällt das arme Seelchen schon in Ohnmacht und wacht nicht mehr auf. Ich habe die Angewohnheit beibehalten, sie im Mantel zu verstecken, obwohl mir nach und nach bewusst geworden ist, dass niemand sie sehen kann.

Mit der Zeit sind meine Ausgaben größer geworden, denn für keinen meiner Aufträge brauche ich so viel Material. Nicht wegen der Größe der Seelen, sie sind nicht größer und schwerer als eine Zigarettenschachtel. Außerdem sind sie so biegsam, dass ich sie ganz nach Wunsch auseinanderziehen und zusammendrücken kann. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer, sie unter dem Mantel zu tragen. Das Problem ist, dass es so viele sind. Täglich bringe ich zwischen fünf und zehn mit nach Hause. Anfangs habe ich auch beinahe wahllos zugegriffen, denn alle, die ich sah, kamen mir anders und faszinierend vor.

Mit der Zeit merkte ich, dass nicht alle sichtbar waren. Ich glaube nicht, dass das daran lag, dass es Menschen gibt, die keine Seele haben, sondern eher an ihrer Fähigkeit zur Metamorphose. Ich vermute, dass viele von ihnen sich entscheiden, durchsichtig zu sein, als seien sie aus Kunststoff oder aus Glas. Bisher habe ich noch nicht herausfinden können, ob das nur bei denen so geschieht, die mich sehen können, oder ob es welche gibt, die von Natur aus so sind. Bei diesen Seelen weiß man ja nie. Ich meinerseits verbringe ganze Nächte damit, die aufgeschnittenen Seelen mit Watte zu füllen, sie wieder zuzunähen, Draht für die Formen zurechtzuschneiden, und mehrmals habe ich mir fast mit dem Skalpell in den Finger geschnitten, weil ich so übermüdet war. Ich bin 54, da hält der Körper die langen Nächte nicht mehr so leicht aus wie mit 22.

Trotz der Müdigkeit habe ich jedoch meine Arbeit im Museum nie vernachlässigt. Mein Ruf als bester Präparator des Landes hat niemals nachgelassen. Ich mache den Job weiter, weil das mein Stolz ist, und weil ich kein anderes Einkommen habe, um die Materialien zu kaufen, die ich zum Seelenausstopfen brauche.

So habe ich es inzwischen auf mehr als 14000 Exemplare gebracht, unter denen Priester und Architekten sind, Zauberer und Künstler, Studenten, Soldaten und alle anderen Arten von Menschen. Die Berufe sind nur äußerliche Bezeichnungen und haben oft nichts mit dem Ausdruck und der Haltung zu tun, mit der ich sie schließlich zu identifizieren beschließe. Zum Beispiel stieß ich einmal auf einen Anwalt, der dem Glücksspiel verfallen war, den stellte ich in der Pose dessen dar, der beimk Poker die Hand voller Asse hat.

In anderen Fällen passen die Berufe zu den Bedürfnissen der Seele. So war es bei einem ehrlichen Priester, da lag sie die ganze Zeit auf Knien und streckte die Arme zum Himmel, als flehe sie um Gnade.

Ich hätte weiter sammeln und ausstopfen und Klassifizierungen und Beobachtungen anstellen können, doch eines Tages kam ich zu dem Schluss, dass ich mir neue Ziele setzen musste. Und so beschloss ich, etwas zu tun, was ich noch nie versucht hatte, das mir aber seit Monaten im Kopf herumging. Unter diesen vielen seelen fehlte ja noch eine Seele, vielleicht die wichtigste: meine eigene.

Als ich richtig professionell geworden war, konnte ich sie sehen, mitt auf der Brust. Sie strahlte in grünlichem Licht, ähnlich dem der Ampeln. Dort saß sie und machte mir Zeichen, dass ich kommen und sie nehmen könnte. Und ich wusste ja, wie ich das machen musste. In so vielen Jahren der Praxis habe ich unfehlbare Techniken entwickelt.

Seit ich mich diesem Geschäft widme, hat mich noch nie der Gedanke gestört, ohne Seele zu leben; ich weiß, dass ich es kaum spüren würde. Aber vielleicht wäre genau dies das Problem: Wenn ich mein Ziel erreicht hätte, würde ich es gleich wieder vergessen, und wer weiß, vielleicht würde ich dabei auch vergessen, dass ich ein Seelenpräparator war. Gewissheit gab es nicht. Ich brauchte einen Plan, um mich an das zu erinnern, was ich getan hatte. Ich kam zu dem Schluss, dass eine Lösung sein könnte, meine Seele zurückzugewinnen. Doch wie?

Übersetzung: Lutz Kliche

    Zur Autorin

    Jeder kann sich sicher etwas unter einem Menschen ohne Seele vorstellen. Mir persönlich kommen dabei zwei Bilder in den Kopf: eine barbarische Person ohne Skrupel, Prinzipien und Werte oder ein Mensch ohne Motivation, Temperament und Eigeninitiative. So dachte ich zumindest, bis ich den Kurzgeschichtenband "El taxidermista" der salvadorianischen Autorin Georgina Vanegas las. Mehr...

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