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Laura Fuentes: Cementerio de Cucarachas

KAKERLAKENFRIEDHOF | CEMENTERIO DE CUCARACHAS

Laura Fuentes: Cementerio de Cucarachas I

Der Hinterhof unseres Hauses hat einen Zementboden, und weil der schon ziemlich alt ist, klaffen tiefe Risse im Zement. Manchmal finden wir Lücken, deren Tiefe nicht auszumachen ist, und die Dunkelheit darin lässt uns dort drinnen perverse Welten erahnen.
Weil wir für Kakerlaken eine Art Hassliebe empfinden, widerstrebt es uns, ihnen den zermalmenden Fußtritt zu verpassen, der nur noch braunweißliche Reste übriglässt. Wir betäuben sie nur mit Besenhieben, und wenn sie halb schwindlig sind, schieben wir sie mit dem Kehrblech zu einem dieser Risse im Hof, den wir den „Kakerlakenfriedhof“ getauft haben. Da fallen sie dann hinein zwischen Leben und Tod und zu anderen Leichen ihrer Art. Wir haben uns immer schon gefragt, was dort unten wohl passiert.

II

Der Präsident meines Hinterhofs ist ein Psychiater, und weil er ziemlich alt ist, scheint er genau das zu sein, was wir brauchen: Der Zement ist mehr und mehr zerbrochen, und wir benötigen jemand, der sich um mentale Leiden kümmert, wo sich Abgründe unbekannter Tiefe auftun. Jemand, der uns Pharmaka verschreibt, um die Situation in unserem Land nicht wahrzunehmen, die uns dazu verleitet, uns wie in einem ewigen Vorhof der Hölle zu fühlen und uns in perversen Welten leben lässt.
Die beliebteste Person in meinem Hinterhof war ein Priesterchen, der Kakerlaken der Hassliebe auf Prostituierte und Homosexuelle warf und einem jungen Burschen spätabends in einem Park Fahrstunden gab, bei denen er ihm ausführlich beibrachte, wie man mit dem Schaltknüppel umgeht.
Später wurde er ein Halbgott, dank des Erfolgs seines eigenen Senders, er betrog die Kirche und seine Gläubigen, doch widerstrebte es uns, ihm den zermalmenden Fußtritt zu verpassen, und er wurde zum Superreichen, dessen Vermögen mit dem Blut des einzigen Reporters besudelt war, der so viel gesundes Misstrauen besaß, dass er ihm auf die Schliche kam.
Mein Onkel bekam keine Besenhiebe, man schlug ihn mit einem Holzlineal so lange auf den Kopf, bis er tot war, und weil ihm nicht schwindlig werden wollte, zerlegte man ihn in seine Einzelteile: die Gelenke, die Leber, die Lunge, der Brustkorb und sogar noch die Seele wurden zu Hackfleisch gemacht. Sie verbrannten seine Knochen und vergruben ihn wie einen Hund, schoben ihn mit einer Schaufel zu einem der Risse im Hinterhof, die wir den „Kakerlakenfriedhof“ getauft haben.
Seine Mörderin wollte die Miete nicht zahlen, die sie ihm schuldete und setzte ihr ganzes Talent als Freddy Kruegger ein. Der Leichnam meines Onkel fiel neben die anderen Leichen, die nie mehr Gerechtigkeit erfuhren als dieses traurige Loch.

Und dennoch haben wir uns immer gefragt, was dort unten wohl passiert.

Übersetzung: Lutz Kliche

Aus: Fuentes Belgrave, Laura (2006). Cementerio de Cucarachas. San José, Costa Rica: Editorial de la Universidad de Costa Rica.

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    Mit Laura Fuentes gibt es eine neue Stimme innerhalb der Literatur Zentralamerikas, die, in der Tradition ihrer Vorgängerinnen Belli und Rodas, neue Wege des Schreibens und Erzählens geht, alte Denkschemata aufbricht und offen über sonst kaum thematisierte Themen spricht. Mehr...

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