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Carla Pravisani: Locaciones

LOCATIONS | LOCACIONES

AUSSEN – SAN PEDRO SULA – NACHT

Um Mitternacht kommen wir an. Ich schaue aus dem Fenster des Kleinbusses und versuche, irgendetwas zu entdecken, kann jedoch nichts von der Stadt erkennen, außer dem Dunkelgrün der Bäume und dem trägen Wehen der Palmen. Weniger als einen Monat vor den internen Kandidatenwahlen seiner Partei hat uns der Bürgermeister engagiert, um ein paar Spots zu drehen, die sein Image aufpolieren sollen.
Das gesamte technische Team schläft, außer dem Fahrer und mir selbst. In dieser erzwungenen Zweisamkeit wirft er mir einen unverhohlen lüsternen Blick zu. Ich beachte ihn nicht. Sein Kopf hat die platte, runde Form einer Geldmünze, sein Blick lässt nicht das geringste Anzeichen von Intelligenz erkennen. Seine Pupillen jedoch lassen wie die der Haifische vermuten, dass hinter dieser scheinbaren Dummheit ein gefährliches Wesen lauert.

INNEN – HOTEL – NACHT

Der Produzent erwartet uns, ein Glas Rum vor sich, im Speiseraum, der noch fest in den fünfziger Jahren verankert ist. Quadratische Lampen beleuchten diskret den Leder gepolsterten Empfangstresen und den aus Steinen gemauerten Kamin, auf dessen Sims man eine Sammlung von Orchideen und Schlingpflanzen gestellt hat.
„Ich muss mit dir reden“, flüstert Alexis mir zu, kaum dass ich eingetreten bin, und zieht mich dabei zur Seite. „Komm, wir gehen in mein Zimmer.“
Der ungewöhnlich sanfte Tonfall seiner Stimme lässt mich vermuten, dass irgendetwas nicht stimmt. Morgen soll Drehbeginn sein, und ich habe bis jetzt weder das Casting noch die Locations gesehen.
Der Fahrstuhl ist außer Betrieb, über die Nottreppe bringen wir die Koffer und Kameras nach oben. Sein Zimmer liegt mit Blick auf den Pool. Trotz des Luxus liegt über allem (dem Teppichboden, den Bettdecken, dem Bad) der Jahrzehnte alte Gestank von Zigarettenrauch.
Alexis setzt sich aufs Bett und reibt sich die Augen. Er erzählt mir, dass er seit zwei Nächten nicht geschlafen hat, weil er mit dem Bürgermeister um die Häuser gezogen ist. Er schaltet seinen Laptop ein und zeigte mir die Fotos.
„Der hier ist Cristian, der Anführer der Ex-Gangmitglieder.“ „Weshalb sieht er denn so komisch aus im Gesicht?“, frage ich.
Die Haut auf Cristians Stirn sieht aus wie ein Eimer schlecht gemischter Farbe. Alexis erklärt mir, Cristian habe sich seine Tätowierungen mit Batteriesäure weggeätzt. Die Farbe ist dadurch verlaufen, und die einst tätowierten Buchstaben ziehen sich jetzt bis auf die Augenbrauen hinunter. Cristian war früher einer der Anführer der Mara Salvatrucha, und um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, musste er den größten Teil seiner Tätowierungen verschwinden lassen. Er hat sie, gelinde gesagt, nicht auf die allerbeste Art und Weise verborgen. Auf einem seiner Arme steht noch die Liste derer, die er umgebracht hat, er sind mehr als fünfzehn.
„Das sind seine Töchter.“ Alexis zeigt mir ein Foto, auf dem Cristian zwei kleine Mädchen im Arm hält. „Und der hier, das ist Edwin. Meiner Ansicht nach der Anständigste.
Wenn ich‘s dir nicht sagen würde, du würdest ihn gar nicht für ein Bandenmitglied halten.“
Es war keine leichte Aufgabe, sie dazu zu bringen, in einem Fernsehspot mitzumachen. Anfangs lehnten sie es ab, aus Angst vor Vergeltung. Keiner von ihnen will sein Leben oder das seiner Familie in Gefahr bringen. Wegen der hohen Position, die er innehatte, hat Cristian es geschafft, mit der Bande, der Mara Salvatrucha – MS –, ein Abkommen zu treffen. Er erreichte Sicherheit für seine Zukunft und die seiner Gruppe unter der Bedingung, dass er sich in nichts mehr einmischen und möglichst wenig in Erscheinung treten würde. Deshalb wollten sie auch nicht an der Medienkampagne teilnehmen. Doch nach einem Treffen hinter verschlossenen Türen teilte Cristian dem Produzenten mit, sie seien trotz des Risikos bereit, mitzumachen. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dies könnte der erste Schritt dazu sein, vielen Gangmitglieder klar zu machen, dass ein Ausstieg möglich ist.
„Was ist denn dann das Problem?“, frage ich.
„Die Locations“, antwortet Alexis und zeigt mir die Fotos von Cristians Wohnung, ein fensterloses Zimmer mit einem einzigen Bett darin, in dem sie alle vier schlafen, einem Tisch und zwei Stühlen, einer Eisenstange zum Kleideraufhängen und einem Kühlschrank, der etwas größer ist als der im Hotelzimmer.
„Ihre Wohnungen sind alle so! So ein Scheiß! Sehen aus wie Zellen. Da haben wir keine Raumtiefe, können nirgendwo die Scheinwerfer aufstellen … Das wird entsetzlich werden, überhaupt nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben!“

INNEN – RESTAURANT – TAG

Das Restaurant ist eine schlechte Wildwestkopie, aufgebaut wie in einem Sketch der mexikanischen Comedyshow „El Chapulín Colorado“: Ein Minirodeo dekoriert den Eingang mit Pferden und Reitern aus Fiberglas vor einer Drehtür, auf dem Parkplatz lässt ein fahrbarer Carwash endgültig den texanischen Traum zerplatzen. Die Innendekoration sieht aus wie eine dunkle Höhle, in der die Kellner mit fransenbesetzten Westen und Cowboyhüten bedienen.
Es ist noch nicht gelungen, mit Cristian die Sache mit dem Geld zu klären. Erst fordert er eine bestimmte Menge, dann passiert irgendetwas und er will neu verhandeln. Dazu hat er uns jetzt herbestellt. Er will zweihundert für den Darsteller und das Doppelte für sich selbst, weil er ihn überzeugt hat, mitzumachen.
„Lasst uns die Tische zusammenstellen“, meint Alexis und zieht einen heran.
Vor mir habe ich Cristian und Edwin. Cristian hilft, die Stühle herbeizuholen. An seinem Kinn steht, inzwischen nur noch ohne Farbe, das „M“ und das „S“ geschrieben.
Seine Haut sieht aus wie ein Stück Papier, auf dem jemand voller Wut etwas ausradiert hat. Sein Blick wandert ausweichend hin und her, seine dunklen, glanzlosen Augen wirken wie getönte Autofenster, durch die das Innere nicht zu erraten ist. Edwin dagegen hat das harmlose Aussehen eines Bankangestellten oder Regierungsbeamten. Sein langärmeliges Hemd verbirgt das furiose Schauspiel seiner Brust und seines Rückens. Er zeigt sich extrem zuvorkommend und von einer gefährlich freundlichen Bereitschaft, alles zu tun, um sich beliebt zu machen. Von allen, die wir gesehen haben, ist er am besten geeignet, eine positive Veränderung deutlich zu machen.
Der Kellner bringt die Speisekarte, eine Holzplatte, die die Gravur eines Indianers ziert, und auf der die Gerichte mit Namen wie „Apache Kid“ oder „Hähnchenbrust Wild West“ stehen. Cristian scheint sich mit seiner Bestellung zu beschäftigen, doch ich spüre, er kann mich noch aus den Nasenlöchern heraus beobachten. Er ist in permanentem Alarmzustand.
„Ein paar Bier?“, lade ich ein.
Die beiden schauen sich peinlich berührt an. Cristian wirft mir einen Blick zu, als wolle er mich würgen. Ich denke an die von Schüssen durchlöcherten Busse, an die Kinder mit durchschnittener Kehle, an die abgeschlagenen Köpfe, die sie am Hauptplatz von San Pedro Sula aufgehängt haben, an die schwangeren Frauen, die wie die Kühe geschlachtet wurden. Ich denke an alles, an das ich nicht denken sollte. „Nein, vielen Dank“, antwortet Cristian für beide. „Wir sind Christen.“

AUSSEN – LOPEZ-ARELLANO-VIERTEL – TAG

Der Wind scheint um drei Uhr nachmittags aus einem Haartrockner zu kommen. Barfüßige, schmutzige Kinder spielen mitten auf der Gasse Murmeln. Eine Staubschicht bedeckt das Laub der Bäume, als habe es Sand geschneit. Von der breiten, gepflasterten Hauptstraße zweigen weitere, schmalere ab. Trotz der Bäume gibt es nur wenig Schatten. In der Ferne hört man den Lautsprecher eines Eierverkäufers.
Edwin geleitet uns durch das Viertel wie ein Fremdenführer. Die Anwohner beachten uns zunächst nicht, doch als sie die Kameras sehen, gehen sie in ihre Häuser und vermehren sich. Die doppelte Anzahl Menschen kommt heraus, um uns vorbeimarschieren zu sehen wie bei einer Parade. An einer grauen Mauer machen wir Halt. An der Bordsteinkante sitzt eine pummelige, früh gealterte junge Frau und fächelt sich mit einer alten Zeitung Luft zu.
„Das ist Yensi“, stellt Edwin vor, „meine Frau.“
Ein kleines Mädchen kommt zu ihm hergelaufen und hält sich an seinen Hosenbeinen fest, um nicht umzufallen, wobei seine schwarze Unterhose mit breitem, schwarz-weißen Gummiband wie bei einem Boxer zu sehen ist. Edwin nimmt die Kleine auf den Arm.
„Das ist meine Tochter … und der da mein Sohn“ – er zeigt auf einen langen, dünnen Knaben von vielleicht acht Jahren. „Eigentlich ist Mynor der Sohn meines Bruders, aber ich habe ihn adoptiert, er lebt bei uns, seit seine Mutter ihn verlassen hat. Er ist taubstumm.“
Mynor senkt den Blick, als er merkt, dass wir über ihn reden.
INNEN – WOHNUNG EXGANGMITGLIED – TAG Alexis hat entschieden, dass die Location, die am besten funktioniert, die Hütte von Edwin ist. Dort ist einfach mehr Platz. Die Wände sind aber ungetüncht, alles ist grauer Zement; das wirkt traurig. Wir gehen hinein, um uns umzuschauen. Das Wohnzimmer: In der Mitte der Wand hängt ein Poster mit einem lachenden, weißen Baby, das vor einem Regenbogen schwebt. Daneben mehrere Bilderrahmen mit Fotos einer kleinen Frau, die bei verschiedenen Reisen aufgenommen worden sind.
„Bist du das?“, frage ich Yensi.
„Nein, das ist Edwins Mutter. Dies hier war ihr Haus. Sie ist heimlich über die Grenze in die USA gegangen.“
„Sie hat ganz allein die Wüste durchquert, ohne irgendjemanden“, erzählt Edwin. „Gott hat sie beschützt, damit ihr nichts passierte! Jetzt lebt sie in North Carolina bei einer Schwester.“
„Und wie geht es ihr da?“. Frage ich und sehe mir die Bilder dieser dunkelhäutigen Frau in Form eines indianischen Tongefäßes genauer an, die da in die Kamera lächelt.
„Seit ungefähr acht Jahren habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
Die Küche: Dort steht ein Plastiktisch mit zwei Stühlen, außerdem ein Kühlschrank voller Magneten. Das Schlafzimmer: zwei Betten und eine Kommode mit Cremedosen und Parfümflaschen. An der Wand eine Reihe von Sandalen und Schuhen mit hohen Absätzen, ein Spiegel, der mit Aufklebern von Christus und der Formel eins beklebt ist.
„Das muss alles gestrichen werden!“, sage ich.
„In welchen Farben?“, fragt Alexis.
„Das Schlafzimmer grün. Die Küche gelb. Der Eingang türkis.“
Er geht hinaus, um Edwin zu fragen.
„Wie fändet ihr, wenn wir das Haus streichen? Das würde toll aussehen, meint ihr nicht?“, höre ich ihn sagen. „Was haltet ihr von türkis, gelb und grün?“
„In Ordnung“, antwortet Edwin.
Ich schiebe die Möbel herum und vergleiche die Farbe der Bettlaken mit der Farbe der Wand. Das Paar schaut mir von der Tür aus ehrfurchtsvoll zu. Unterdessen geht Alexis los, um im Viertel Leute zum Streichen anzuheuern, Edwins Sohn läuft ihm hinterher.
„Edwin, ich müsste mal deinen Rücken sehen“, sage ich.
„Zieh bitte mal das Hemd aus!“
„Natürlich, kein Problem.“
Er knöpft es auf, streift es ab und steht stocksteif da, wie auf einem Polizeifoto, dann dreht er sich von selbst seitwärts und kehrt mir schließlich den Rücken zu. Sein Rücken sieht aus wie die Seite mit den Todesanzeigen. Auf einem Arm sieht man ein Grab mit sieben Namen. Auf dem anderen steht unter einem Kreuz: „Chepe, mein Bruder, er möge in Frieden ruhen“. Auf der Brust ein riesiger Skorpion und der Namen seiner ehemaligen Bande: „Lopeños Locos“, verrückte Lopeños.
„Meine Frau ist auch tätowiert, wollen Sie es sehen?“, fragt er.
Ohne dass ich darum bitte, zieht sich Yensi die Bluse aus, bedeckt sich die Brüste und dreht sich um, damit ich ihren imposanten Rosenstrauß bewundern kann.

AUSSEN – LOPEZ-ARELLANO-VIERTEL – TAG

Vier Burschen mit noch feuchten Farbrollen warten darauf, dass Alexis sie für ihre Arbeit bezahlt. Die ganze Nacht lang haben sie gestrichen. Das ganze Viertel hat kein Auge zugetan, einige, weil sie ein paar Pesos verdienen wollten, die anderen, um ja nichts von den aufregenden Neuigkeiten zu verpassen. Das Haus sieht inzwischen hell und freundlich aus. Was man mit ein bisschen Farbe machen kann! Ich denke an die Tätowierungen, die verzierte Haut.
Die vier Familienangehörigen sind fertig angezogen und gekämmt. Das kleine Mädchen trägt eine rosa Schleife im Haar und ein Rüschenkleid. Mynor, der Adoptivsohn, ein weißes Hemd, eine blaue Hose und spiegelblank geputzte Schuhe. Edwin ein Basketball-Hemd und eine Hiphop-Hose. Und Yensi ein eng anliegendes Animal-Print-Kleid.
„Diese Kleider passen nicht“, sage ich zu Edwin. „Wo ist die Jeans von gestern?“
Edwin wird ganz blass. „Die hier?“, sagt er und zieht einen Fetzen voller türkisfarbener Flecken aus dem Korb mit der schmutzigen Wäsche.
Ich trete ein paar Schritte zurück, um ihn aus der Entfernung zu sehen.
„Keine Sorge“, sage ich dann, „das sieht man gar nicht. Der Spot ist sowieso in schwarzweiß. Und du, Yensi, zeig mir mal, was du an Kleidern noch so hast. Wir brauchen etwas weniger formelles.“
Yensi nimmt mich in den Hinterhof mit und zeigt mir die zum Trocknen aufgehängte Wäsche.
„Das ist alles, was ich habe“, sagt sie und holt dann noch eine eingeweichte Bluse aus einem Eimer. „Und diese grüne Bluse.“
Ich schaue mir die Kleider an der Leine an und wähle schließlich eine schwarze Hose und die eingeweichte Bluse. Yensi spült sie aus und hängt sie zum Trocknen in die Sonne. Dabei versichert sie mir, dass die Bluse in einer Viertelstunde trocken sein wird.
Ich gehe wieder ins Haus, um zu prüfen, ob dort inzwischen alles so ist, wie wir es brauchen. Drinnen stellt das Team gerade Pflanzen auf und bringt Vorhänge an.
Edwin kommt zu mir und bittet mich sehr respektvoll um ein Gespräch unter vier Augen. Wir gehen ins Schlafzimmer und er berichtet, er sei gewarnt worden. Unter dem Bett zieht er einen Karton hervor, den ein Nachbar gebracht hat.
„Ich möchte Ihnen nicht zeigen, was da drin ist“, sagt er, „ich will Sie nicht erschrecken. Nachher, wenn wir hier fertig sind, werde ich mit Cristian reden, damit er sich darum kümmert und es nicht noch weitere Probleme gibt.“
Mir wird ganz schwummrig, die Angst überfällt mich. Doch es packt mich auch die Neugier: Was mag da drin sein? Ein Kopf? Eine Hand? Ein Herz? Ich möchte ihm den Karton aus der Hand reißen und zu öffnen, um es herauszufinden. Gleichzeitig verspüre ich den Drang wegzulaufen. Welcher Nachbar hat ihm den Karton gebracht? Einer von denen, die das Haus gestrichen haben? Einer, der auf dem Gehsteig vorbeigekommen ist? Wieso habe ich nichts gemerkt? Sie sahen alle so normal aus! Wo bin ich hier eigentlich? In einem Haifischbecken? In einem Film über das wirkliche Leben? In einer phantastischen Erzählung? Ich habe keine Ahnung.
„Wir können das hier auch abbrechen ...“, biete ich ihm an, weiß jedoch im Grunde nicht, ob wir das können. Es scheint mir aber das Vernünftigste zu sein, was ich in diesem Moment sagen kann.
„Nein“, antwortet er. „Wir haben das schon in der Gruppe besprochen. Das wäre das Dümmste, was wir tun könnten. Dann würden sie uns für Feiglinge halten und nicht mehr in Ruhe lassen. Jetzt ist es das Wichtigste, dass der Spot gesendet wird.“
„Darauf gebe ich dir mein Wort“, verspreche ich ihm und schaue ihm dabei direkt in die Augen.

INNEN – KÜCHE – TAG

Edwin setzt sich mit seiner Familie an den Tisch, um ein Frühstück darzustellen. Alexis stellt Gläser und Milch auf den Tisch und legt Tortillas auf die Teller. Das kleine Mädchen möchte hungrig danach greifen, doch die Mutter schlägt ihm auf die Finger.
„Kein Problem, lass sie ruhig“, beruhigt Alexis sie. „Es gibt genug. Wenn die Kleine möchte, soll sie ruhig essen.“
Der Fotograf schaltet die Scheinwerfer ein, doch als wir mit dem Drehen beginnen wollen, dröhnt aus dem Nachbarhaus in voller Lautstärke eine Cumbia. Alexis geht rüber, um mit ihnen zu verhandeln und ihnen ein paar Pesos anzubieten, damit sie die Musik leiser drehen.
„KAMERA AB!“, rufe ich endlich.
Alle beginnen mit ihrer Darstellung. Yensi füllt die Gläser mit Milch, die Kinder essen die Tortillas und machen sich für die Schule fertig, Edwin geht zum Fenster und öffnet es, damit der rötliche Sonnenaufgang sichtbar wird.
Ich lasse sie die Szene sieben Mal wiederholen, bis sie schließlich im Kasten ist.

INNEN – TOYOTA PRADO – NACHT

Der Bürgermeister taucht nicht auf. Niemand weiß irgendetwas. Wir suchen ihn bei sich zu Hause, über sein Handy, in seinem Büro, bei seinem Kampagnenmanager, im Rathaus. Keine Spur von ihm.
„Und wenn er entführt worden ist?“, fragt Alexis.
„Warten wir noch ein bisschen“, antworte ich und schaue noch einmal auf die Uhr.
Schließlich kommt sein SUV angefahren, das Fenster auf der Beifahrerseite gleitet herunter. Der Bürgermeister hat eine rote Nase, seine Wangen sehen aus wie Marshmallows. Wir steigen ins Auto. Der Geruch drinnen ist eine giftige Mischung aus Tabak, Alkohol und Sex.
„Na“, grinst der Bürgermeister, „wie geht’s?“
„Danke, gut“, antwortet Alexis. „Es war nicht leicht, Sie zu finden.“
„Also …“, grinst der Bürgermeister wieder, „... wir hatten noch zu tun ...“

INNEN – HAUS DES BÜRGERMEISTERS – NACHT

Es ist Mitternacht, als wir durch die Küche das Haus betreten. Alle Töpfe hängen spiegelblank an einem Metallseil. Es scheint, als sei niemand zu Hause. Keinerlei Geräusch, keine Bewegungen. Er erzählt uns, er funktioniere nachts besser, er sei dann effizienter. Sein Tag begänne erst um zwei Uhr nachmittags. Das sei schon immer so gewesen.
Er führt uns durch sein Haus, ein wahres Labyrinth. Wir kommen in ein Wohnzimmer mit einem Regal voller Bücher, die meisten davon Lexika und Loseblattsammlungen. Über unseren Köpfen hängen weitere zweidimensionale Köpfe des Bürgermeisters: der Bürgermeister mit der honduranischen Fahne, in einer Autokarawane durch die Stadtviertel, beim Händeschütteln mit dem Präsidenten, als Karikatur.
„Die Bücher …“, sagt er und verstummt gleich wieder.
Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, weiß man nicht, ob er das, was er sagen wollte, schon vergessen hat oder nicht.
In kürzester Zeit füllt sich der Raum mit seinen Mitarbeitern, aus den unerwartetsten Ecken kommen sie. Eine Tür hinten im Raum öffnet sich und die Frau des Bürgermeisters tritt ein, eine trotz der späten Uhrzeit elegant gekleidete und sehr gut frisierte Dame. „Rogelio“ stellt der Bürgermeister als seinen besten Schulfreund vor. Der hat ein Sixpack dabei, das er auf dem Couchtisch abstellt. Der Bodyguard. Der Kampagnenmanager. Alexis hält seine Standardrede darüber, wie schwierig die Produktion der Spots gewesen sei, die Dritte-Welt-Bedingungen nicht nur in Honduras, sondern in ganz Mittelamerika für audiovisuelle Produktionen, dass man sich gewünscht hätte, ein bisschen mehr Zeit für die Vorbereitungen und die Dreharbeiten zu haben, um noch mehr aus den Bildern herauszuholen, und dass man – warum nicht? - ja auch an ein Feature über die Arbeit der Stadtregierung nachdenken könne. Zum Schluss dankt er für das in die Agentur gesetzte Vertrauen und gibt seinem Stolz über die sichtbaren Ergebnisse Ausdruck, die trotz aller Hindernisse hätten erreicht werden können.
„Am besten lassen wir das Werk für sich selbst sprechen!“, sagt er dann voller Überzeugung und überreicht dem Bürgermeister eine DVD.
Der steckt sie in das Gerät mit dem Plasmabildschirm, tritt ein paar Schritte zurück und startet die DVD mit der Fernbedienung. Die Spots beginnen abzulaufen.
Die Gesichter bleiben ausdruckslos, zeigen keinerlei Emotion trotz der Hintergrundmusik, die einen sofort in Tränen ausbrechen lassen könnte. Als die Show vorbei ist, senkt sich ein Schweigen wie ein Vorhang. Alle warten darauf, dass jemand anders als Erster seine Meinung sagt und die eisige Wand durchbricht.
„Was meinst du, Rogelio?“, drängt der Bürgermeister. Der beste Freund stellt seine Bierdose auf den Boden, verschränkt die Arme und reibt sich ein Weilchen die Nase. „Schauen Sie, Bürgermeister ...“ Er sieht uns der Reihe nach an und hält sich dann die Hand an die Brust, als habe er Schmerzen. „Die beiden ersten sind sehr gut. Doch, mit allem Respekt, der letzte Spot gefällt mir nicht. Ich glaube, es könnte gefährlich sein, Ihre Amtszeit und ihre Arbeit mit einem Gangmitglied in Verbindung zu bringen, und diese Bilder von ihm mit den hässlichen Tätowierungen … Ich weiß nicht, das könnte Probleme bringen. Das ist meine bescheidene Meinung.“
Der Bürgermeister gibt dem Bodyguard das Wort.
„Sie sind die Spezialisten … Aber ich bin Rogelios Meinung, dieser Spot kann Ihnen schaden.“
Erregt stehe ich auf.
„Ich denke eher, dass dies der erste Schritt dazu sein kann, dass viele Bandenmitglieder begreifen, dass der Ausstieg möglich ist!“, wiederhole ich wörtlich das, was Cristian uns gesagt hat.
„Das stimmt. Allerdings ist diese Kampagne nicht dazu da, das Image der Streetgangs aufzupolieren, sondern das Image des Bürgermeisters zu optimieren“, sagt der Kampagnenmanager und zwinkert mir zu.
Der Bürgermeister erhebt sich und dreht sich so, dass er zu uns allen sprechen kann.
„Die Spots … sind sehr gut. Ich bin Ihnen … sehr dankbar.
Der mit den Schulkindern gefällt mir und der ...“
Wieder bleibt er hängen.
„Den Polizisten“, rettet ihn seine Frau.
„Genau der!“, bedankt er sich. „Aber den Spot mit dem tätowierten Gangster, den stelle ich, glaube ich, vorerst zurück. Ich möchte erst mal mit dem Spot mit den Kindern rauskommen.“
„Einverstanden“, pflichtet Alexis bei. „Den anderen können wir gern für Erste vergessen. Es kommt ja darauf an, langfristig am Ball zu bleiben. Vergessen wir nicht, dass eine Kommunikationsstrategie auf lange Sicht geplant werden muss.“
Rogelio verteilt die restlichen Bierdosen und bringt einen Toast auf das Kampagnenteam aus. Dann bittet uns der Bürgermeister in sein Arbeitszimmer, setzt sich an seinen Schreibtisch und zieht sein Scheckbuch aus der Schublade.
„Soll ich den Fahrer bitten, euch ins Hotel zu bringen?“, fragt er, während er den Scheck ausstellt.
Wir verabschieden uns mit einer herzlichen Umarmung und wünschen uns gegenseitig eine viel versprechende Zukunft. Draußen wartet schon mit laufendem Motor der Fahrer.
Um drei Uhr morgens wirkt die Stadt wie eine Dunkelkammer. Unser Hotel ist das einzig erleuchtete Gebäude auf der Strecke. Ein beleuchteter Pfeil verkündet „Fünf Sterne“. Einer von ihnen scheint aus der zerbrechlichen Konstruktion herausfallen zu wollen.

Übersetzung: Lutz Kliche

    Zur Autorin

    Carla Pravisani besitzt ein freundliches Lächeln, das dazu einlädt, sich mit ihr zu unterhalten. Sie ist schnell und wach, so wie es jemand sein muss, die als Strategie- und Kreativitätsberaterin arbeitet. Mehr...

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