Dorian Steinhoff

Wir hatten nur wenige Bewerbungen, es war Winter, Ende Januar, um genau zu sein, also die Zeit, in der die Dunkelheit und die Kälte langsam unerträglich werden und die nackten und nassen Äste der Bäume die Laune der Menschen drücken. Der Wohnungsmarkt war ein brachliegendes Feld. Niemand möchte beim Schleppen auch noch frieren. Simon musste ausziehen, sehr kurzfristig, weil ihn das Referendariat zum Halbjahreswechsel in eine andere Stadt rief, er hatte nur zehn Tage von der Benachrichtigung bis zum Stellenantritt.

Es war wie immer, meistens entschied ich mich bereits gegen einen Kandidaten, wenn er die Treppe raufkam, spätestens beim Händedruck, es blieb niemand übrig. Und dann kam Ansgar. Ansgar klingelte nicht, er rief an. »Ich steh vor der Tür«, sagte er und legte auf. Ansgar ließ nicht zu, ihn schon an der Treppe abzulehnen, er war ein Trugbild. Nicht Ansgar kam die Treppe herauf, den man langweilig, schluffig oder trottelig finden konnte, herauf kam eine Möglichkeit von Ansgar. Ich rutschte an ihm ab, an seinem Grinsen, an seinem Gang, an seinem Blick aus glatten, blassblauen Augen, der nichts verriet. Er hätte auch eine Sonnenbrille tragen können. Ich war fasziniert und misstrauisch, von Anfang an. Er sprang die Treppe rauf, immer zwei Stufen auf einmal. Es sah aus, als ob in jeder Stufe eine Sprungfeder steckte, die ihn nach oben fliegen ließ, ganz ohne sein Zutun, und bevor er mich begrüßte, strich er über den Türrahmen und sagte: »Ganz frühes 20. Jahrhundert, toll! Interessierst du dich für Architektur?«

Ich sagte: »Hallo, ich bin Nico, komm doch rein.« Mit ausgestrecktem Arm und der Hand am Türrahmen ließ er sich in die Wohnung schwingen wie eine zufallende Tür. Ich musste zur Seite springen, sonst hätte er mich umgestoßen.

»Hallo Wohnung, Ansgar ist da«, rief er im Flur und zündete sich eine Zigarette an. »Ihr raucht in der Wohnung, oder?«, sagte er.

Er trug eine Schirmkappe, die ihn jungenhaft wirken ließ, darunter quollen hirschbraune Locken hervor, manche Strähnen mit einem rostigen Rotstich. Sein Gesicht war ein wenig formlos, boshaft gesagt: aufgequollen, mit einem listigen Zug um den Mund, als sei er bereit, sofort zurückzunehmen, was immer er gerade gesagt hatte. Sein Alter war schwer schätzbar, irgendwas zwischen 23 und 35, ich weiß es heute noch nicht. Ansonsten trug er ein T-Shirt, tief und rund ausgeschnitten, darüber eine Weste, unzählige Buttons, ein Reclamheft in der Brusttasche, abgetretene Jeans und schwarze Chelsea Boots. Er war groß, bestimmt über eins neunzig. Im Gegensatz zu ihm wirkte ich klein. Er hatte volle Lippen, auf denen ein raues Rot lag. Ich wunderte mich nicht darüber, dass er nur T-Shirt und Weste trug, obwohl es draußen arschkalt war.


Leseprobe, S. 79/80

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