Politik und Zeitgeschichte

20 Jahre Mauerfall – „Wem gehört 1989?“

Logo des Berliner Aktionsjahres „20 Jahre Mauerfall“; © Kulturprojekte BerlinLogo des Goethe-Instituts zu 1989/2009; © Goethe-Institut e. V2009 ist das Jahr großer Gedenktage. Zu diesen gehört natürlich vor allem der „20. Jahrestag des Mauerfalls“. Es braucht nicht viel Pathos, in Berlin an den Mauerfall und die Entwicklung der Stadt als Folge davon zu erinnern. Aber die Erinnerungsmaschinerie verlangt nach einem eigenen Profil, nach neuen Perspektiven des Gedenkens. Die Stadt, der Bund und viele Institutionen versuchen bis Ende 2009, mit unzähligen Veranstaltungen dem gerecht zu werden und den Blick von unten auf die Geschichte zu schärfen.

Vielleicht muss ein so ufer- oder treffender gesagt grenzenloses Thema wie „Berlin 2009. 20 Jahre Mauerfall“ seinen Anfang gar nicht in Berlin nehmen. Aber man kann es auch übertreiben: Die vom Deutschen Historischen Museum (DHM) für das Gedenkjahr in Berlin konzipierte Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg, Deutsche Positionen 1945 bis 1989“, die als Auftaktveranstaltung des Jubiläums zum Fall der Mauer firmiert, wurde im Januar 2009 ausgerechnet in Los Angeles eröffnet. Hätte es Prag oder Budapest nicht auch getan?

Hunderte Veranstaltungen in Berlin

Der Fall der Mauer 1989; © AP Photo / Thomas Kienzle; mauerfall09.deImmerhin ist man bis zum Jahresende in Berlin bemüht, konkret und vor Ort, aber auch sehr komplex mit dem Sturz des SED-Regimes 1989 und den daraus resultierenden Veränderungen in der Stadt bis 2009 umzugehen. „Wir versuchen, das Gedenkjahr in mehrfacher Weise zu umfassen“, erklärt Moritz van Dülmen, Leiter der Kulturprojekte Berlin GmbH, die das in „drei Themenschwerpunkte“ gegliederte Gedenkjahr mit Hunderten von Veranstaltungen und Ausstellungen koordiniert.

„Es geht zum einen um den 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989, der am 9. November 2009 mit einem Fest, Kulturveranstaltungen und Kunstaktionen am Brandenburger Tor gefeiert wird. Zum anderen fokussieren wir uns auf die Geschichte der Stadt und ihre Akteure vor 20 Jahren, die Erinnerung daran und die Formen sowie die Entwicklungen des Gedenkens.“ Schließlich, so van Dülmen, präsentiert das Mega-Programm die große Themenreihe „Gewandelte Stadt“. Entlang des einstigen Mauerstreifens und an zentralen Orten der Stadt vom Potsdamer Platz über die Gedenkstätte Bernauer Straße bis hinaus in neue östliche Stadtentwicklungsgebiete soll mit Fotos und Dokumenten ins Bewusstsein gerückt werden, was sich seit 1989 verändert hat, aber auch was nicht. 

Rund sechs Millionen Euro stellen Berlin und der Bund für die Projekte von Stiftungen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, für Dokumente von Zeitzeugen, Tagungen, Künstler oder politische und historische Initiativen zur Verfügung. Wolfgang Tiefensee (SPD), Verkehrsminister und „Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer“ teilt dieses Konzept vom Spagat zwischen 1989 und 2009. Die wesentliche Frage sei heute „wie haben die Menschen den Mauerfall und die deutsche Einheit damals erlebt, und wie erleben sie die Einheit momentan“.

Klares Profil im Jahr der Gedenktage

Interaktiver Vorher-Nachher-Stadtplan; © Kulturprojekte Berlin; mauerfall09.deDass in der diesjährigen Erinnerungsmaschinerie der „20. Jahrestag des Mauerfalls“ ein klares Profil braucht, ist evident. Zum einen steht das Gedenkjahr 2009 in Konkurrenz zu einer Überfülle bedeutsamer Jahrestage in der deutschen Erinnerungskultur und -politik: wie etwa 60 Jahre Bundesrepublik, 70 Jahre Beginn des 2. Weltkriegs oder 90 Jahre Frauenwahlrecht, Weimarer Versammlung und der Vertrag von Versailles. Zum anderen hat sich 2009 die Rezeption des Mauerfalls 1989 verändert und neue Perspektiven, Schwerpunkte sowie Fragen eröffnet. Van Dülmen zieht zur Verdeutlichung den Vergleich mit den Feierlichkeiten von 1999 heran. Der 10. Jahrestag habe die Bilder vom Fall der Berliner Mauer und seiner Folgen „noch viel emotionaler, subjektiver und unmittelbarer in die Erinnerung gerufen“. Zentral seien damals etwa die Fragen nach der Überwindung oder dem Fortbestand der „inneren Spaltung“ zwischen Ost und West gewesen, der Streit um die Aufarbeitung des DDR-Unrechts oder der um die Angleichung der Lebensverhältnisse.

2009, so van Dülmen, sei „der Zeitpunkt gekommen, Geschichte differenzierter, umfassender darstellen und dokumentieren zu können“. Der Abstand zu den Ereignissen von 1989 sei größer, der Diskurs der Zeitzeugen nicht mehr nur von der jeweils eigenen Sichtweise geprägt. Hinzu komme, dass die „Deutungshoheit“ der Geschichte von 1989 bis 2009 nicht mehr hauptsächlich „Wessis“ überlassen wird. „Insgesamt ist es heute leichter, reflektierter aber auch distanzierter über den Mauerfall, seine Geschichte und Folgen zu reden.“

Dringt man ein in das Veranstaltungs- und Ausstellungsprogramm etwa der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) oder in die von der Robert-Havemann-Gesellschaft konzipierte Open-Air-Schau „Die Friedliche Revolution 1989/1990“, die sich der Chronologie des Wandels und der Opposition in Ostberlin widmet, wird der Perspektivwechsel deutlich. Wesentlich sind heute die Sichtweisen zum Mauerfall, die jenseits der Erfolge die Defizite beleuchten. Tiefensee: „Nach 20 Jahren Mauerfall müssen wir eine genaue Analyse unserer Ist-Situation machen. Die staatliche Einheit ist vollzogen, jetzt muss die soziale Einheit folgen.“

Akademische Kontroversen und die „Magie der Jubiläen“

Auch das Goethe-Institut beteiligt sich an der Dominoaktion; © Berliner Kulturprojekte; mauerfall09.deAkademische Kontroversen erwartet darum Martin Sabrow, Historiker und Leiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) zwischen denen, die eine stärkere Aufarbeitung der Diktatur und der Einheit-Erfolgsstory fordern, und jenen, die mehr Aufmerksamkeit gegenüber dem DDR-Alltag und den Auswirkungen der Wende auf die östliche Gesellschaft einklagen. „Es wird sich um die Frage drehen, wem gehört 1989. Um diese Deutungshoheit wird miteinander konkurriert.“ Zudem gehe es um die Suche nach einem anderen Blick auf die Geschichte, „von der Seite oder von unten“, der sich die aktuelle Forschung verschrieben hat.

Die „Magie der Jubiläen“, sagt Sabrow, konstituiert natürlich auch „Event-Geschichte“. Dies schickt sich gut in einer Zeit, die Geschichte allerorten als das Pfund, mit dem sich wuchern lässt, entdeckt, ob zur Unterhaltung, zur Bekräftigung einer neuen Identität oder zu beidem zugleich. Als Historiker habe er Zweifel an dieser Methode. Es gelte aber zu akzeptieren, dass die Jahrestage auch in der populären „Geschichtskultur“ angekommen seien.

Wer etwa die Mauer noch einmal einreißen will, kommt 2009 in der Hauptstadt zum Zuge – natürlich spielerisch. Zum „Fest der Freiheit“, vom 5. bis 9. November 2009, werden Schülergruppen entlang des einstigen Mauerstreifens zweieinhalb Meter hohe, bunte „Mauersteine“ bauen, um diese dann effektvoll, wie Dominosteine, zum Einsturz zu bringen. Die Endzeit der DDR wird nachgespielt, ein bisschen revolutionäre Nostalgie auch, und mit all dem ist das Gedenken an 20 Jahre Mauerfall zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit angekommen. Warum auch nicht?

Rolf Lautenschläger
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung taz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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