Unser Lesetipp im Februar:
Der Knacks von Roger Willemsen

"Wann wurde man nicht, was man hätte sein können? Wie sollten wir all das kennen, was wir haben, bevor wir es verlieren?", fragt Roger Willemsen in seinem Essay über den Knacks, der hervortritt im Gefühl des Vergeblichen, des Scheiterns, der Enttäuschung, der Resignation, des Ermüdens, des Versäumens, des Verlorenen, des Fremdwerden, der Interesselosigkeit, der Bitterkeit, des Kaputtgehens und Hinscheidens. Sich ins Bewusstsein schleichend, so stellt Willemsen fest, können diese Empfindungen nur rückblickend und nie im Moment, da sich der Bruch in der Biographie ereignet, wahrgenommen werden.
Der Autor (* 1955), ein aufmerksamer Beobachter und für die Kennzeichen des Knackses empfänglich, zeigt episodenhaft diverse Szenen und Lebenswege in ihrem Unglück auf und resümiert: "Das Leben ... hat gerade noch eine Schauseite, aber niemand weiß, was es zusammenhält oder ob hinter dieser Attrappe überhaupt noch jemand wohnt". Sich selber spart er aus den Lebens- und Leidensgeschichten nicht aus, so dass das Buch nicht nur der Thematik wegen einen sehr persönlichen Ausdruck annimmt. Die Kapitel widmen sich Aspekten wie Kindheit, Jugend, Liebe oder Heimat als Inbegriffe des Verlorenen, doch wird nicht nur Beschädigungen im Individuum nachgespürt, auch auf die Künste und den symbolischen Ausdruck von Landschaften und Städten erstreckt sich der nachdenkliche Blick des Verfassers. "Die Zeit ist ein Maler", gab Goya zu bedenken, als er sich weigerte, nachgedunkelte Bilder zu restaurieren, denen erst ihr erkennbares Alter zu Vollkommenheit verhelfen sollte. Ähnlich wie in dieser im Buch geschilderten Episode, begründet Willemsen die Analogie des Knackses zum gealterten Gemälde in dessen rissiger Struktur, die dem Bildnis erst tieferen Charakter verleiht.
Weitere Künstler, die das Thema des Verfassers portraitiert haben, werden zahlreich zitiert und kommentiert. Passagen, die an Prägnanz nicht fehlen lassen, wechseln dabei mit weiten Abschnitten freier Assoziation, in denen mitunter ein überambitionierter, gekünstelter Stil erkennbar wird, der dem intellektuellen Habitus schmeicheln mag, die Interpretation jedoch wesentlich erschwert. Das Thema, welches zum Nachdenken über die eigene Biographie einlädt, ist es allerdings wert, über den zeitweiligen rhetorischen Überschwang des Autoren hinwegzusehen, da sich viele interessante Perspektiven zum Verständnis der unlösbaren Knoten im Geflecht des eigenen Lebens und dem der anderen ergeben.
Der Lesetipp wurde verfasst von Christian Schrödel.Gute Unterhaltung! Ihr Bibliotheksteam









