„Null Bock“ war gestern – die neue Shell-Jugendstudie kommt zu überraschenden Ergebnissen

59 Prozent der heutigen Jugend blicken zuversichtlich in die Zukunft. Laut der jüngsten Shell-Studie ist die junge Generation in Deutschland leistungsorientiert und sozial engagiert. Und auch der Spaß soll nicht zu kurz kommen. Jedoch nicht alle teilen den Optimismus. „Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann mache ich das auch“, sagt Melanie M. selbstbewusst. Angst vor der Zukunft hat die 17-Jährige nicht. Sie geht auf eine kaufmännisch berufsbildende Schule, hat gute Noten und will nach dem Fachabitur Luftverkehrsmanagement studieren. Ihre Eltern stammen aus Syrien und gehörten dort der christlichen Minderheit an. 1989 sind sie nach Frankfurt gekommen. Der Vater ist Autohändler. Auch die Mutter arbeitet im eigenen Betrieb mit. „Ich bin hier geboren, habe einen deutschen Pass. Und ich fühle mich auch als Deutsche“, fügt Melanie hinzu. Ein Schlüssel für ihre guten schulischen Leistungen ist der frühkindliche Spracherwerb: Mit drei kam sie in den Kindergarten und dort hat sie perfekt Deutsch gelernt. Melanie ist ein Paradebeispiel für eine geglückte Integration. Und mit ihrem Optimismus und ihrer Zielstrebigkeit ist sie auch eine typische Vertreterin ihrer Generation.
Seit 1953 interviewen Wissenschaftler von unabhängigen Forschungsinstituten Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren für den Energiekonzern Shell. Alle vier Jahre erstellen sie ein Stimmungsbild, indem sie rund 2.600 Mädchen und Jungen zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen sowie ihrer Einstellung zur Politik befragen.
Erstaunlich ist, dass trotz unsicherer Jobperspektiven, angesichts von Bankenkrisen und Umweltzerstörung 59 Prozent der jungen Leute ihre Zukunftsaussichten positiv bewerten – das sind im Vergleich zu 2006 fast 10 Prozent mehr. Und sogar 74 Prozent sagen, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Aber die Heile-Welt-Gefühle sind trügerisch. Denn die soziale Kluft in Deutschland wächst.
Der Rest sieht schwarz
„Es zeigt sich ein bemerkenswerter Optimismus, aber auch eine deutliche Schichtabhängigkeit“, erklärte Professor Mathias Albert, der die Shell-Jugendstudie 2010 gemeinsam mit den Bielefelder Sozialwissenschaftlern Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel sowie dem Forschungsinstitut TNS Infratest verfasste. Demzufolge blickt nur noch jeder Dritte der Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen zuversichtlich in die Zukunft, der Rest sieht schwarz. So auch die türkischstämmige Halice: „Arbeitslos forever“, sagt die 18-Jährige und zuckt resigniert mit den Schultern. Sie bekam keinen Ausbildungsplatz, weil sie wegen ungenügender Deutschkenntnisse den Hauptschulabschluss nicht geschafft hat.
Bei der frühkindlichen Bildung habe das Erlernen der deutschen Sprache Priorität, betonte daher auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder bei der Vorstellung der Shell-Studie in Berlin. Und hierfür öffnet der Bund jetzt die Schatulle: Von 2011 bis 2014 sollen zusätzlich rund 400 Millionen Euro für 4.000 „Brennpunkt-Kitas“ bereitgestellt werden. Die „Offensive Frühe Chancen“ richte sich aber ebenso an deutsche Kinder mit erhöhtem Förderbedarf.
Glücklich bei Mama und Papa
Die wilden Jahre der Rebellion sind lang vorbei. Ging es früher um Distanz, Emanzipation und Auflehnung, so steht heute die Sehnsucht des Dazugehörens zu einer Gruppe im Vordergrund. Sei es im Schoß der Familie, durch soziales Engagement in einem Verein, als Mitglied in einem Sportclub oder einem Online-Netzwerk wie Facebook oder studiVZ.
Laut der Studie verstehen sich mehr als 90 Prozent der Jugendlichen gut mit ihren Eltern und sind zufrieden mit ihrer Erziehung. Nachvollziehbar also, dass fast drei Viertel noch bei den Eltern wohnen, die ihnen in allen Belangen des Lebens den Rücken stärken und sie bei dem wachsenden Druck in unserer Gesellschaft unterstützen. Deswegen würde auch der größte Teil der Befragten seine eigenen Sprösslinge so erziehen, wie sie selber erzogen wurden. Die Weltuntergangsszenarien ihrer Vorgänger sind ihnen fremd: Diese Generation möchte das Leben intensiv genießen, der Großteil hat keine Zukunftsängste und will Kinder – 73 Prozent der Mädchen und 65 Prozent der Jungen wünschen sich Nachwuchs.
Weniger Religion, mehr Politik
Die Religion ist bei den 12- bis 25-Jährigen weiter im Abseits. Für die Mehrheit der Jugendlichen im Westen spielt sie nur noch eine geringe Rolle, im Osten nahezu keine. Das mag daran liegen, dass die Kirchen in der DDR von jeher ein Schattendasein führten und sie auch nach der Wende ihre Mitgliederzahlen nicht relevant steigern konnten. Bei Migrantenkindern allerdings ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten: Sie bekennen sich offen zu ihrem Glauben und das Thema Religion wird immer wichtiger.
Auch wenn die Politik- und Parteienverdrossenheit bei Jugendlichen nach wie vor groß ist, scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen. Besonders bei jungen Leuten aus der Mittel- und Oberschicht und bei den 12- bis 17-Jährigen ist das Interesse an Politik leicht angestiegen, wenn auch noch meilenweit entfernt vom hohen Niveau der Siebziger- und Achtzigerjahre.
Umweltbewusstes Verhalten ist für junge Deutsche wichtig, jeder zweite spart im Alltag bewusst Energie. 76 Prozent halten den Klimawandel für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Ganz oben auf der Rangliste stehen Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen. Vertrauen genießen auch Polizei und Gerichte. Niedrige Bewertungen gab es für die Regierung, große Unternehmen und Banken.
Manch ergrauter Zeitgenosse könnte diese Generation für naiv und spießig halten. „Sie mag anders sein, als viele sie gern hätten, weniger rebellisch, konservativer, ja sogar materialistisch. Aber in ihrem zugreifenden Pragmatismus ist sie womöglich das Beste, was diesem Land in Zeiten eines tief greifenden Wandels passieren kann. Diese Jugend könnte sogar in der Lage sein, die verheißungsvolle Zukunft, an die sie glaubt, tatsächlich zu schaffen“, kommentierte die Wochenzeitung Die Zeit.
arbeitet als freie Publizistin in Frankfurt am Main.
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Januar 2011
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