Architektur

Eingemischt – Stuttgart 21 ist Symptom für ein neues bürgerschaftliches Engagement

Empfangsgebäude Stuttgarter Hauptbahnhof | Copyright: Deutsche Bahn AGLängst geht es bei dem Reizthema Stuttgart 21 nicht mehr nur um die Verlegung des denkmalgeschützten Kopfbahnhofs von Paul Bonatz. Spätestens seit der öffentlichen Schlichtung durch Heiner Geißler zeigt sich, dass Stuttgart 21 den Anstoß für eine neue Planungskultur geben kann.

Stuttgart 21 bewegt. Und das nicht nur Baden-Württemberg, sondern ganz Deutschland. Längst geht es bei dem Reizthema nicht mehr nur um die Verlegung des denkmalgeschützten Kopfbahnhofs von Paul Bonatz in den unterirdischen Durchgangsbahnhof nach Entwurf des Düsseldorfer Architekturbüros Christoph Ingenhoven, um gefällte Bäume oder die neue Bebauung auf den ehemaligen Gleisflächen. Spätestens seit der öffentlichen Schlichtung durch Heiner Geißler zeigt sich, dass Stuttgart 21 den Anstoß für eine neue Planungskultur geben kann. Künftig gilt es, die Interessen der Bürger früher und aktiver in Planungsprozesse einzubeziehen. Denn Stuttgart 21 ist kein Einzelfall, sondern vielmehr ein Symptom für das bundesweite bürgerschaftliche Engagement, wenn es um die Zukunft der Heimat geht.

Engagement mit unterschiedlichen Gesichtern

Dresden | Copyright: Dresden Marketing GmbH/Fotograf: Christoph MünchUnd dieses Engagement besitzt ganz unterschiedliche Gesichter: So setzt sich die Gesellschaft Historischer Neumarkt e. V. seit Jahren für den historisierenden Wiederaufbau des Areals rund um die Dresdner Frauenkirche ein, während in Berlin die Initiative „Mediaspree versenken“ einen Bürgerentscheid zur Veränderung der geplanten Bebauung des Spreeufers in Kreuzberg-Friedrichshain erzwungen hat. Überall dort, wo Bewohner von Großplanungen betroffen sind, organisiert sich zunehmend Widerstand. So wird aktuell am südlichen Berliner Stadtrand intensiv über den künftigen Verlauf der Flugrouten für den neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg gestritten, die unvorhergesehene Lärmbelastungen für viele Berliner und Brandenburger mit sich bringen könnten.

Was diese Initiativen trotz ihrer höchst unterschiedlichen Ansätze und Themen vereint, ist das Gefühl der Bürger, dass ihre Interessen oft nur Spielbälle von Politik und Wirtschaft sind. Dagegen melden sie sich zu Wort, beziehen Position – und übernehmen so Verantwortung für die eigene Umgebung. Derartige Bürgerproteste haben in Deutschland Tradition. Bereits in den 1970er-Jahren machten Bürgerinitiativen wie die 1975 gegründete BIRL, die „Bürgerinitiative Rettet Lübeck“, gegen verfehlte Stadtplanung mobil und treten bis heute für die Erhaltung der historischen Innenstädte ein.

Mehr Transparenz bei der Planung

Spreebogen | Copyright: Berlin Partner/FTB-WerbefotografieDoch warum ballen sich gerade jetzt die Proteste? Zu den Kernproblemen einer immer komplexeren Welt gehört es, dass Planungsprozesse – auch wenn sie demokratisch verlaufen – für Außenstehende kaum durchschaubar sind. So stellt sich bei den Betroffenen schnell ein Gefühl der Ohnmacht ein. Mehr Transparenz bei der Planung und eine frühzeitige Mitwirkung etwa durch Bürgerentscheide sind daher künftig ebenso notwendig wie eine bessere Kommunikation der Projekte. Denn Baukultur ist auch Kommunikationskultur.

Gelebte Demokratie

Sylt | Copyright: www.pixelio.de/Ralf SeyboldDoch obwohl einer Gesellschaft kaum etwas Besseres widerfahren kann, als das Engagement ihrer Bürger für die eigene Heimat, treffen manche Initiativen nicht nur auf offene Ohren in der Politik. Das erfährt gerade eine Gruppe von Syltern, die sich mit einer „Zukunftswerkstatt Sylt“ für eine öffentliche Diskussion über ein neues Leitbild der Nordseeinsel einsetzt. Auf der Ferieninsel ist die Lage dramatisch: angesichts hoher Immobilienpreise gibt es dort seit Jahren nicht genügend Wohnraum für Familien mit Kindern. Als Konsequenz wandern die Sylter ab, während auf dem Markt für Zweitwohnsitze Traumrenditen erzielt werden. Mitten im touristischen Wachstum schrumpft die Bewohnerschaft der Insel. Der Fall Sylt zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement nicht nur im Maßstab XXL wie bei Stuttgart 21 stattfindet, sondern auch Impulse für die Entwicklung kleinerer Städte und Gemeinden gibt. Es ist ein Stück gelebte Demokratie, wenn Bürger Verantwortung übernehmen und sie nicht nur an Politiker delegieren. Und auch wenn nicht jede Bürgerinitiative ihre Ziele erreicht, so trägt sie doch dazu bei, die demokratische Diskussionskultur insgesamt zu verbessern.

Jürgen Tietz
arbeitet als freiberuflicher Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

Foto „Sylt“ © Ralf Seybold / PIXELIO

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