Rechts oder links, Herr Künstler? – Interview mit dem Kurator der 7. Berlin-Biennale Artur Żmijewski
Beim Open Call der 7. Berlin-Biennale wurden Künstler nach ihrer politischen Gesinnung gefragt, Kurator Artur Żmijewski erklärt, warum. Und wir starten einen Open Call zum Open Call und fragen Sie nach Ihrer Meinung!Der 1966 in Warschau geborene polnische Künstler Artur Żmijewski wurde vor allem durch seine soziale und gesellschaftspolitische Themen aufgreifenden Foto- und Videoarbeiten bekannt. Nachdem Żmijewski im September 2010 zum Kurator der 7. Berlin-Biennale (2012) berufen wurde, überraschte er im November 2010 mit einem „Open Call“: Künstler wurden für die Biennale nicht nur aufgerufen, „künstlerisches Material für Recherchezwecke einzureichen“, sondern in diesem Zusammenhang auch „über Ihre politische Neigung zu informieren.“ Martin Conrads sprach mit Żmijewski nach dem Ende der Einreichungsfrist.
Herr Żmijewski, vor kurzem war Einsendeschluss für den Open Call. Können Sie uns sagen, wie viele Bewerbungen Sie erhalten haben?
Bislang ungefähr 7.000. Die meisten über das Internet.
Das sind ziemlich viele. Wie wollen Sie damit umgehen? Gibt es ein Team, das sich um die Einsendungen kümmert?
Ja, wir haben ein Künstlerisches Büro, dessen Aufgabe es ist, die Berlin-Biennale zu organisieren.
Aus 7.000 Einsendungen eine Auswahl treffen
Trotzdem ist es für einen Kurator eine ziemliche Herausforderung, den Überblick über die vom Team zu treffende Auswahl aus den 7.000 Einsendungen zu behalten. Haben Sie eine persönliche Strategie, um diese Anzahl zu bewältigen? Einen Plan?Wir wollen jede Bewerbung prüfen und alphabetisch archivieren. Dieser Plan wird bereits in die Tat umgesetzt.
Teil der Ausschreibung war die Frage nach der „politischen Neigung“ der Künstler. Können Sie schon eine Aussage treffen, welche politische Haltung bei den Einsendungen überwiegt? Gibt es eine Tendenz zu einer bestimmten politischen Richtung?
Das kann ich im Moment nicht sagen, weil wir noch nicht alle Bewerbungen archiviert haben. Wir haben mit den digitalen Daten angefangen, die uns von der Mehrzahl der Künstler über das Internet übermittelt wurden. Ich schätze, das ist in zwei oder drei Monaten abgeschlossen. Aber es gibt eine bestimmte Tendenz. In der Kunst ist sie meiner Meinung nach ziemlich offensichtlich: Wir verhalten uns wie Linke und denken wie Linke. In der Kunst sind politisch links orientierte Ideen unheimlich erfolgreich.
„Gewöhnlich wird die politische Haltung verborgen“
Glauben Sie, dass die Mehrzahl der linksgerichteten Künstler unter den Bewerbern sich in ihrem Antwortschreiben auch selbst als linksgerichtet bezeichnet, oder wird es möglicherweise Strategien geben, die politische Haltung durch abstraktere oder kompliziertere Formulierungen zu verbergen?Gewöhnlich wird die politische Haltung verborgen. Deshalb wurde im Open Call explizit danach gefragt. Sie ist unsichtbar, obwohl man erfahrungsgemäß den politischen Standpunkt der Künstler als linksgerichtet einstufen kann. Gewöhnlich bringt ein Künstler seine politische Haltung nicht direkt zur Sprache. Aber es gibt zum Beispiel Künstler, die sich für Menschen interessieren, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die Suche nach Lösungen zur Integration ausgegrenzter Menschen ist ein Anliegen der Linken.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die meisten Künstler – wie Sie vermuten – politisch links orientiert sind?
Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, dass man als Künstler irgendwie gezwungen ist, linksgesinnt zu sein, selbst dann, wenn man abstrakt arbeitet. Es ist wirklich interessant, auch einmal Künstler mit einer anderen poltischen Ausrichtungen kennenzulernen. Deshalb wurde der Open Call ins Leben gerufen.
„Ziel des Open Call ist es, zu erfahren, was Künstler tun und wie sie arbeiten“
Was könnte es bringen, diese Aufschlüsse und damit einen „Beweis“ zu haben, dass die meisten Künstler – wenn Sie Recht haben – linksgerichtet sind? Und was wäre der Vorteil, ganz allgemein Aufschluss über die politische Haltung der Künstler zu erlangen?Generelles Ziel des Open Call ist es, darüber informiert zu werden, was Künstler tun und wie sie arbeiten. Außerdem wollen wir eine Atmosphäre schaffen, in der man offen über seine politische Einstellung und über das, womit man sich identifiziert, reden kann. Ich glaube, dass wir etwas mit und in der Kunst tun müssen, um für eine Atmosphäre zu sorgen, in der politische Überzeugungen offen ausgetauscht werden können.
Werden alle Einsendungen der Öffentlichkeit vorgestellt?
Ja, dieses Vorhaben gibt es.
In Ihren eigenen Arbeiten spielen häufig die Themen Ausgrenzung und Integration eine Rolle. Würden Sie sich selbst als politischen Künstler bezeichnen?
Gewöhnlich hat ein Künstler, der sich als politscher Künstler bezeichnet, einfach nur politische Ideen. Er geht nicht weiter, so wie es etwa Politiker tun. Von einem politischen oder sozial engagierten Künstler erwarte ich mehr. Auch von mir selbst erwarte ich da übrigens mehr.
Private Fantasie und aktive Politik
In Ihrer Erklärung zum Open Call ist die Rede von einer „geheimen“ und einer „privaten Information“, die allen zugänglich gemacht werden sollte. Wenn Sie sagen, dass ein politischer Künstler etwas anderes oder mehr tun sollte, können Sie uns dann verraten, was das sein könnte, und was Sie davon abhält? Was ist das „andere“, was verbirgt sich hinter Ihrer alltäglichen Arbeit als Künstler?Das „Private“, von dem ich rede, ist selbst politisch. Nur existiert es eben als „private“ Fantasie und nicht als aktive Politik. Politik ist die Art, wie Menschen handeln, wie Menschen eine Realität erschaffen. Ich glaube, dass auch die Kunst Realitäten schaffen kann.
Im Open Call werden Vorschläge zu politischen Haltungen aufgelistet, wie „links“ oder „maskulinistisch“. Wenn man Sie fragen würde, wie würden Sie Ihre politische Haltung dann definieren?
Links und maskulinistisch.
Was bedeutet „maskulinistisch“ für Sie?
Das ist jemand, der über die Rechte der Männer nachdenkt. So wie eine Feministin, nur dass die eben über die Rechte der Frauen nachdenkt.
Im Open Call zum Open Call rufen wir Sie dazu auf, uns in 1.000 Zeichen Ihre Meinung zu sagen: Sind tatsächlich die meisten Künstler linksgesinnt? Sind Sie mit Artur Żmijewski der Auffassung, dass in der Kunst derzeit politische Überzeugungen nicht offen ausgetauscht werden? Muss Kunst politisch sein? Oder sollte sie gerade unpolitisch sein? Und: Was halten Sie überhaupt von einer Ausschreibung, die die politische Gesinnung abfragt? Bitte füllen Sie einfach das Online-Formular aus. Wir freuen uns auf eine rege, internationale Diskussion.
führte das Gespräch. Er lebt als freier Autor in Berlin.
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de


Vergrößern




