Die Hauptstadt schreiben: Susanne Ledanff zum Berliner Gegenwartsroman

Der Fall der Mauer hat auch den Berlin-Roman neu belebt, sagt die Literaturwissenschaftlerin Susanne Ledanff. Mit Goethe.de sprach sie über die permanente Neuerfindung der Hauptstadt in der wiedervereinigten deutschen Literatur: ein Schreiben zwischen Ost und West, Jung und Alt, Pop und Nostalgie.Frau Ledanff, die Mauer war kaum gefallen, da beklagte das Feuilleton 1989 auch schon den fehlenden „Berliner Metropolenroman“. War das richtig?
Die recht undifferenzierten Rufe nach dem „Berliner Metropolenroman“ ertönten im Zuge des sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreits, der gegen die vermeintlich langweilige, weil abstrakte deutsche Gegenwartsliteratur polemisierte. Der daraufhin einsetzende Boom neuer Berlin-Literatur widerlegte diese Diagnose schnell.
Die Wende im Erzählen
Hat die Wiedervereinigung also auch eine Wende bei der literarischen Berlin-Darstellung gebracht?
Ja, da ist ungeheuer viel passiert – nicht nur beim Roman, auch in der Kurzgeschichte! Im Umfeld einer neuen „Erzähllust“ innerhalb der deutschen Gegenwartsliteratur hat das Berlin-Thema in einigen Genres besonders anregend gewirkt. Das gilt für die Popliteratur von Sven Lager, Bianca Döring oder Stephan Maus ebenso wie für die Neubelebung des Berliner Gesellschaftsromans durch Uwe Timm, Norbert Zähringer oder Ralf Rothmann.
Das „neue“ Berlin ist nun auch schon 20 Jahre alt, die Metropole durch den Zuzug vieler Schriftstellerinnen und Schriftsteller längst gesamtdeutsche Literaturhauptstadt. Wie hat sich die Berlin-Literatur in dieser Zeit gewandelt?
Bis in die späten Neunzigerjahre hinein war das Schreiben eher von der Wende her charakterisiert. Die „unbekannte Stadt“ als entfremdeter Heimatraum zum Beispiel war ein zentrales Thema Ostberliner Autorinnen und Autoren, etwa bei Brigitte Burmeister, Irina Liebmann oder Klaus Schlesinger.
In den späten Neunzigern ist nicht nur der Stadtumbau in weiten Teilen abgeschlossen: Nun ist es auch die jüngere Generation um Julia Franck, Tim Staffel, Inka Parei oder Wladimir Kaminer, die die zeitgenössische Stadt- und Subkultur erkundet. Da hat ein starker Paradigmenwechsel stattgefunden.
Der lange noch geteilte Himmel
Gab es da Unterschiede in der Berlin-Wahrnehmung „ostdeutscher“ und „westdeutscher“ Literaten?
Bereits vor 1989 war Berlin ein hervorragender Schreibort für Autoren in Ost und West. Die Teilung hat sicher den unterschiedlichen Blick auf die Stadt – hier die Wende- und DDR-Vergangenheitsthematik, dort die „Erlebnisstadt“ – nach der Wiedervereinigung noch eine Weile mitgeprägt. Auch die vormals in Westberlin ansässigen Autorinnen und Autoren reagierten ja irritiert auf den Stadtwandel – und schrieben aus dieser Perspektive reizvolle Stadtporträts, so Richard Wagner, Aras Ören und Matthias Zschokke.
Diese anfängliche Ost-West-Spaltung in der Berlin-Literatur wurde dann durch die jüngere Generation außer Kraft gesetzt: egal, ob sie „Hinzugezogene“ waren oder „Angestammte“ wie etwa Judith Hermann oder Tanja Dückers.
Wie die Metropole schreiben?
In Ihrem Buch „Hauptstadtphantasien“ haben Sie rund 140 Romane und längere Erzählungen untersucht. Der Titel klingt nach wenig Realismus und viel Mythisierung ...
Der Titel des Buchs wurde gewählt, um der historischen Zäsur von 1989/1990 gerecht zu werden. Metropolenphantasien wäre vielleicht besser gewesen – immerhin war „Metropole“ jenes Schlagwort, unter dem Berlin in den Medien und Kulturwissenschaften von Anfang an diskutiert worden ist.
Tatsächlich ist das Spektrum zwischen Mythisierung und Realismus in der Berlin-Literatur nach dem Mauerfall erstaunlich breit gefächert. Das reicht von den überdrehten Beispielen des neuen Berliner Popromans oder der von mir so genannten „Berliner Surreapolis“ bis hin zu einem sozialkritischen Roman wie Ralf Rothmanns Hitze (2005).
In den meisten neueren Romanen ist Berlin ja vor allem Motiv. Gibt es auch Bücher, in denen das Urbane Stil und Sprache bestimmt?
In der Berlin-Literatur wird das Urbane auf verschiedenste Weise gespiegelt: Im „Ostberliner Heimatroman“ der frühen Neunzigerjahre erscheint es in intensiven Stadt- und Erinnerungsbildern. Bei den jüngeren Berlinautoren taucht es auf in Lifestyle-Themen. Und in den apokalyptischen Bildern einer Alptraumstadt von ehemals oppositionellen Ost-Autoren wie Wolfgang Hilbig und Reinhard Jirgl ist es überfrachtet von einer modernistischen Großstadtmetaphorik.
Interessant ist meines Erachtens die sprachliche Durchdringung Berlins aus der Perspektive einer zeitgenössischen Ästhetik der Postmoderne. Dafür gibt es allerdings nur wenige Beispiele. Hervorzuheben wären Georg Klein mit Libidissi (1998) und Barbar Rosa (2001) und Kathrin Röggla mit ihren „Mental Maps“ in Abrauschen (1997) und Irres Wetter (2000).
Was bleibt vom Hype?
Momentan flaut der Boom von Berlin-Romanen etwas ab. Trotzdem: Gibt es aktuelle Tendenzen?
Das letzte Kapitel meines Buchs heißt „Atlantis Ost-West-Berlin“. Es beschäftigt sich mit nostalgischen Erinnerungen an den Berliner Heimatraum vor 1989 und seine subversiven Stadtkulturen. Diese Auseinandersetzung vor allem mit den Stadtmythen des alten Westberlins hat sich im gegenwärtigen Schreiben – etwa bei Sven Regener – durchgesetzt.
Haben Sie einen Lieblings-Berlin-Roman?
Sogar eine ganze Reihe! Herausheben möchte ich Uwe Timms Johannisnacht und Rot sowie Ulrich Peltzers Alle oder keiner und Teil der Lösung.
Timms Johannisnacht ist eine hochpoetische Odyssee durch das verwandelte Berlin zur Zeit von Christos Reichstagsverhüllung, Rot eine überzeugende Wiederbelebung des Berliner Gesellschaftsromans mit deutscher Geschichts- und Sozialkritik. Und Peltzer legt dann 2007 mit Teil der Lösung doch noch den lang ersehnten „Berliner Metropolenroman" vor.
führte das Gespräch. Unter dem Titel „Bilderschrift Großstadt“ promovierte er mit einer Arbeit zum urbanen Raum in der Literatur des Expressionismus. Heute leitetet er ein Redaktionsbüro und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









