Musikindustrie im Wandel: nur die Kreativen überleben
Was machen Musiker, wenn niemand mehr ihre Platten kaufen will? Ein Blick ins Netz zeigt: Die Möglichkeiten, bekannt zu werden, waren nie größer, doch beim Geldverdienen wird es schwer.
Noch nie war Musik so billig wie heute. Jedenfalls kommt es vielen Internet-Usern und -Userinnen so vor: Im Online-Musikladen iTunes gehen die Preise schon bei 69 Cent pro Song los, Alben gibt’s ab 6,99 Euro. Beim Konkurrenten Amazon wird es zum Teil noch günstiger: In der Startphase konnte man sich für 4,99 Euro mit populären Platten eindecken. All das geht bequem vom Schreibtisch aus. Für Musik muss niemand mehr in die verstopfte Innenstadt fahren.
Und wem das noch zu teuer ist, der bedient sich in Internet-Tauschbörsen. Dort machen Nutzer sich untereinander alles kostenlos verfügbar – illegal, versteht sich. Beim Prozess gegen die populäre Dateitauschbörsen-Suchmaschine Pirate Bay in Schweden wurden die vier Hauptbeteiligten kürzlich zu jeweils einem Jahr Gefängnis und insgesamt 2,7 Millionen Euro Strafe verurteilt. Viel helfen wird das nicht: Erstens legten die Betreiber Berufung ein, zweitens finden viele Nutzer inzwischen, dass das kostenlose Herunterladen ihr gutes Recht sei.Das Konzept des „geistigen Eigentums“ bleibt für die heutige Internet-Generation ein wolkiger Begriff. In Schweden bringt die „Piratenpartei“, die sich für die Freiheit des Netzes und für eine Abschaffung des heutigen Urheberrechts-Begriffs stark macht, Tausende auf die Straße. Inzwischen gibt es Ableger der Gruppe in vielen Ländern, auch in Deutschland.
Kontrollierte Downloads
Jeremie Zimmermann, ein Netzaktivist aus Paris, der sich gegen das französische Gesetz für Internet-Sperren einsetzt, das dreimal beim Dateitausch erwischte Nutzer und Nutzerinnen mit dem Verlust ihres Online-Zugangs für mehrere Monate bedroht, glaubt nicht mehr daran, dass sich Geld mit „1:1-Kopien“, wie er es nennt, verdienen lässt. „Das Thema ist vorbei, das ist durch“, findet der 31-Jährige. Im digitalen Zeitalter sei es einfach zu simpel, Inhalte ohne Qualitätsverlust zu vervielfältigen und dem Nutzer von heute nicht zu erklären, warum er Geld dafür zahlen müsse. Eine Lösung, wovon Musikerinnen und Musiker denn dann künftig leben sollen, hat er auch schon parat: Die Menschen seien immer noch bereit, für Ereignisse gutes Geld zu zahlen; für Konzerte, Begegnungen mit Stars oder auch Merchandising.
Große Namen in der Showbranche haben dies tatsächlich bereits begriffen. Stars wie Madonna schließen Verträge mit so genannten Omnimedia-Konzernen ab, die gleichzeitig Plattenvertrieb wie Tourneeleben vermarkten. Die Preise für Konzerte haben sich dementsprechend in den letzten Jahren bis zu vervierfacht. Andere Künstler setzen dagegen auf die radikale Selbstvermarktung und schalten Zwischeninstanzen, wenn möglich, ganz aus. Trent Reznor, Gründer der Industrial-Rock-Formation Nine Inch Nails, gibt die Grundversion seiner Alben in den letzten Jahren stets zum kostenlosen Download frei. Wer mehr haben will – vom exklusiven Remix bis zum klassischen Vinylalbum mit vielen Extras –, zahlt.Ein Gleichgewicht zwischen „frei“ und „bezahlt“ erlauben dabei neuartige Lizenzen wie der so genannte Creative-Commons-Vertrag (CC). Dabei entscheidet sich ein Urheber, sein Werk beispielsweise für nichtkommerzielle Nutzungsformen vollständig frei zu geben, für kommerzielle Verwendungszwecke aber Geld zu verlangen. Die Idee dabei: Die Verbreitung kultureller Werke soll erleichtert werden, ohne dass der Urheber oder die Urheberin gänzlich auf seine oder ihre Rechte verzichtet.
Aufblühen der Dateiaustauschbörsen
Auch in Deutschland wird das Thema Musik und zukünftige Finanzierung heiß diskutiert. Im Frühjahr 2009 beschäftigten sich gleich drei Veranstaltungen in Berlin mit der Zukunft der Musikindustrie. Bei dem Kongress des Medienfestivals „Transmediale“ wurde nach den Chancen und Risiken der sich wandelnden Musikkultur gefragt, während im Hebbel-Theater ein Wochenende lang über „Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung“ debattiert wurde. Auf dem Festival und Kongress „Audio Poverty“ zeigte sich unterdessen, dass das neue Leben im Post-CD-Zeitalter nicht ganz einfach wird. Ekkehard Ehlers, einer der Kuratoren des Kongresses, erlebte das hautnah: Auf 1.000 verkaufte Exemplare seines in der deutschen Presse hochgelobten Albums A Life Without Fear kamen mindestens 25.000 illegale Downloads. Ehlers fühlte sich, als sei er von seinen eigenen Fans enteignet worden.Ein Ausweg könnte die so genannte Kultur-Flatrate sein, die von Online-Aktivisten, aber auch von immer mehr Kulturschaffenden gefordert wird. Die Idee: Jeder Nutzer zahlt mit seinem Internet-Zugang eine Abgabe, die dann an Künstlerinnen und Künstler verteilt wird. Dafür darf er sich dann beliebig aus Dateitauschbörsen bedienen. Noch ist allerdings völlig unklar, wie ein entsprechender gerechter Verteilschlüssel aussehen könnte.
Ben Schwan
schreibt von Berlin aus über Internet-Themen, Medien und Wissenschaft für Online- und Print-Publikationen. Zuletzt erschien sein Porträt über den Blogger Robert Basic im Buch „Alpha-Journalisten 2.0“ (Herbert von Halem Verlag 2009).
schreibt von Berlin aus über Internet-Themen, Medien und Wissenschaft für Online- und Print-Publikationen. Zuletzt erschien sein Porträt über den Blogger Robert Basic im Buch „Alpha-Journalisten 2.0“ (Herbert von Halem Verlag 2009).
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Juni 2009
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