Der Deutsche Tanzpreis

Seit 1983 verleiht der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik (Essen) den mittlerweile international angesehenen Deutschen Tanzpreis und seit sieben Jahren den Tanzpreis Zukunft für junge Tänzer und Choreografen.
Initiator ist Ulrich Roehm, Mitgründer (1975) und bis heute 1. Vorsitzender des Berufsverbandes. „Wir wollten unsere alten Heroen ehren“, begründet er die Auslobung des undotierten Preises, „und unserem Nachwuchs auch verstorbene Persönlichkeiten ins Bewusstsein bringen, deren pädagogisches und künstlerisches Wirken weiter ausstrahlt – wie etwa Kurt Jooss, Mary Wigman und Harald Kreutzberg.“ Die Auszeichnung soll in der Öffentlichkeit auch für eine qualifizierte Ausbildung werben. Nicht jeder, der in Deutschland ein Ballett- oder Tanzstudio eröffnet, ist für den Unterricht geeignet. Ein Diplom von einer anerkannten Akademie oder Hochschule ist nicht erforderlich. Die Gesamtzahl der Ballett- und Tanzstudios in Deutschland schätzt Roehm auf 2.500 bis 4.000. Dem Berufsverband gehören rund 750 Pädagogen an.
Ausgezeichnet werden können Künstler aller Stilrichtungen, vom klassischen Ballett bis zum Stepptanz und Flamenco. Geehrt wurden bisher vor allem Tänzer und Choreografen, aber auch Ballettdirektoren und Manager, Kritiker und Pädagogen. Unwichtig ist die Nationalität der Kandidaten. Entscheidend sei allein, so Roehm, „der Bezug zu Deutschland, die Leistung für den deutschen Tanz, möglichst auch auf pädagogischem Gebiet“. Den Tanzpreis 2011 nahm Ende Februar im Rahmen der traditionellen, vierstündigen Gala im eleganten Essener Aalto-Theater der Tänzer Egon Madsen entgegen. Der 68-jährige Däne war Tänzer beim Stuttgarter Ballett (1961–1981), Ballettdirektor in Frankfurt, Florenz und Stockholm, danach Ballettmeister in Stuttgart. Seit 2009 begeistert das „Tanz-Wunder“ mit seinen Auftritten und als Company Coach von Gauthier Dance am Tanzhaus Stuttgart.
Erste Ehrung für Gsovsky und Palucca
Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie ein Who’s who des Tanzes. Da finden sich Legenden wie Tatjana Gsovsky und Gret Palucca, Hans van Manen und Maurice Béjart, Pina Bausch und Susanne Linke, Marcia Haydée und Konstanze Vernon, Tom Schilling und Heinz Spoerli, Flamenco-Star José de Udaeta und Kritikerpapst Horst Koegler.
Demonstrativ rückten Deutschland-West und -Ost 1983 zusammen mit der gleichzeitigen Auszeichnung von Tatjana Gsovsky (West-Berlin) und Gret Palucca (Dresden). Die Wigman-Meisterschülerin Palucca, „eine der bedeutendsten Vertreterinnen des freien Tanzes deutscher Prägung“ – so die Begründung der Ehrung für die Gründerin der Dresdner Schule – erhielt von der DDR-Regierung keine Genehmigung für die Anreise zu dem Festakt.
Mutige Entscheidung in brisanter Zeit
Als mutige Entscheidung in der Zeit drohender Spartenschließungen und des allgemeinen Ballett- und Tanztheatersterbens in Deutschland erwies sich die Ehrung von William Forsythe (2004). Ein Dutzend deutscher Ballettdirektoren kam zu der Preisverleihung. Als der weltberühmte Frankfurter Noch-Ballettdirektor den Preis entgegennahm, hatte die Mainmetropole dem Amerikaner bereits den Stuhl vor die Tür gesetzt. Man hatte sich immerhin aber – vielleicht auch wegen der Solidarität der Ballettszene – für eine „kleine“ Lösung der Kooperation mit Dresden entschieden.
Einer der außergewöhnlichsten Preisträger ist Hans Werner Henze (2001). Zum ersten Mal wurde mit dem deutschen Wahl-Italiener ein Musiker ausgezeichnet. Sein Ballett Orpheus erlebte im Rahmen der Gala die komplette Aufführung in der (leider alten, wenig gelungenen) Choreografie von Heinz Spoerli. Für Glanz sorgte der Laudator: Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker würdigte das Engagement Henzes für den deutschen Bühnentanz.
Einzigartig ist bislang die zweifache Auszeichnung von John Neumeier: hatte der Intendant und Chefchoreograf des Hamburg Balletts 1988, nach der Gründung seines Ballettzentrums mit Internatsschule, den Tanzpreis erhalten, so wurde das umtriebige Multitalent zum Jubiläum des 25-jährigen Besetehens des Tanzpreises, 2008, für sein Lebenswerk geehrt.
Deutscher Tanzpreis Zukunft
Nicht bei allen Tanzschaffenden in Deutschland stößt der Deutsche Tanzpreis auf uneingeschränktes positives Echo. Manche kritisieren die eindeutige Bevorzugung der gesamten Stuttgarter Schule. Moniert wird aber auch das meist relativ hohe Alter der Preisträger. Es werde Zeit, so meinen viele, nicht mehr allein „die alten Heroen“ zu ehren, sondern überragenden Nachwuchs zu fördern. Birgit Keil, Tanzpreisträgerin 1998, Direktorin der Mannheimer Akademie des Tanzes und Direktorin des Karlsruher Balletts, gehörte zu den Wortführern.
Anlässlich seines 30-jährigen Bestehens 2005 reagierte der Berufsverband mit der Gründung des Vereins zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland e. V. Erstmals verlieh er, finanziell unterstützt von der Tanzstiftung Birgit Keil, den Tanzpreis Zukunft. So ist nach dem brasilianischen Tänzer-Choreografen Thiago Bordin (Hamburg/Karlsruhe), dem Deutschen Christian Spuck (Stuttgart) und dem Australier Terence Kohler (Karlsruhe) im Jahr 2011 der Kanadier Eric Gauthier (Gauthier Dance, Stuttgart) ausgezeichnet worden. Er präsentierte sich bei der Gala als Tänzer (mit Madsen in Christian Spucks Don Q.) und Choreograf (Orchestra of Wolves, Bang) erfrischend frech und originell.
In der Reihe junger Startänzer wie etwa Katja Wünsche (Stuttgart) und Iana Salenko (Berlin), Flavio Salamanka (Karlsruhe) und Marijn Rademaker (Stuttgart), schließt sich jetzt der erst 19-jährige Daniel Camargo (Stuttgart) an.
Erstmalig erhielt mit Achim Thorwald vom Badischen Staatstheater Karlsruhe ein Intendant Anerkennung für seine „vorbildliche Unterstützung und Erhaltung der Sparte Künstlerischer Bühnentanz, auch stellvertretend für wenige gleichgesinnte, verstorbene Kollegen wie Grischa Barfuß (Förderer von Erich Walter in Düsseldorf), Walter Schäfer (für John Cranko in Stuttgart), Arno Wüstenhöfer (für Pina Bausch in Wuppertal) oder August Everding (für John Neumeier in Hamburg und Konstanze Vernon in München).
Journalistin und Theaterwissenschaftlerin, arbeitet als freie Autorin, Tanz- und Musiktheaterkritikerin.
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März 2011
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