Theater

Von Stoffen, Technik und Empfindsamkeiten – Kostümbildner

Seite aus Andrea Schraads Skizzen-Buch für die Produktion „Der Prozess“ von Franz Kafka an den Münchner Kammerspielen; Foto: Andrea SchraadKostümbildner brauchen gute Ideen und gute Nerven. Sie arbeiten kreativ und menschennah – zwischen Werkstätten, Probebühnen und Persönlichkeiten.

Manchmal ist es ein fehlender Knopf am Jackett, der eine ganze Geschichte erzählt, oder ein – absichtlich – schlecht sitzendes Kleid. Mit seinem Kostüm, und sei es auch noch so alltäglich, wird der Schauspieler erst zur Bühnenfigur. „If clothes make the men, then costumes certainly make the actors“, so hat es Audrey Hepburn auf den Punkt gebracht. Noch weit vor ersten Skizzen und der ersten Anprobe steht die Lektüre: Theaterstücke, Sekundärtexte, Materialien. Dann wird recherchiert, wird Bildliches und Assoziatives gesammelt, werden Ideen zu Papier gebracht.

Skizze von Klaus Bruns; Foto: Klaus BrunsBei den ersten Treffen mit dem künstlerischen Team präsentiert der Kostümbildner seine Vorschläge, entwickelt sie weiter, verwirft sie, erfindet neu. Im künstlerischen Prozess nähert man sich immer wieder aufs Neue an zwischen Regie, Dramaturgie, Bühne und Kostüm. Kostüme sind stark vom Regie-Konzept geprägt, sie unterstreichen die jeweilige Regiesprache, die Lesart des Stücks. Und sie konterkarieren oder unterstützen die ästhetische Setzung des Bühnenbildners. So darf nicht unerwähnt bleiben, dass Anna Viebrock, Jahrgang 1951, mit ihren seltsam-surrealen Bauten voller irritierender und überraschender architektonischer Elemente, nicht nur einen prägenden Einfluss auf die Ausstattungsszene hatte, sondern auch auf die Kostümbildner.

Zwischen Werkstätten und Probebühne

„Die Krönung Richards III.“, Historische Tragödie von Hans Henny Jahnn am Schauspielhaus Hamburg, Kostüme von Muriel Gerstner; Foto: A.T. SchaeferZu den gefragtesten Kostümbildnerinnen und Kostümbildnern gehören derzeit Marysol del Castillo, Aino Laberenz, Andrea Schraad, Anja Rabes, Nina Wetzel, Janina Audick, Maria Roers, Muriel Gerstner und Klaus Bruns. Sie arbeiteten mit Christoph Schlingensief oder arbeiten mit Tom Kühnel, Nicolas Stemann und Falk Richter zusammen. Sie statten Inszenierungen von Stefan Pucher, Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig aus, von Anselm Weber oder Christina Paulhofer. Sie arbeiten mit Thomas Ostermeier, René Pollesch oder Matthias Langhoff, mit Johan Simons, Karin Beier, Sebastian Nübling, Götz Friedrich oder Kirsten Harms. Diese Kostümbildner haben eine Schneiderlehre absolviert oder als Theatermaler angefangen, haben hospitiert, assistiert, Kunst und Design, Bühnen- oder Kostümbild studiert. Sie alle sind viel unterwegs. Sie sind in Hamburg tätig, genauso wie bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen und den Ruhrfestspielen. Sie sind immer wieder fremd in einer Stadt, fremd an einem Haus. Sie alle kennen ihr Fach, wissen um seine Tücken.

Seite aus Andrea Schraads Skizzen-Buch für die Produktion „Der Prozess“ von Franz Kafka an den Münchner Kammerspielen; Foto: Andrea Schraad

Tatsächlich üben mehrheitlich Frauen diesen zeitintensiven Beruf aus. Vermutlich liegt die Frauenquote darin begründet, dass mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität stets eine körperliche Nähe zu den Schauspielern hergestellt werden muss. Bei den Anproben und Änderungen wird immer wieder geguckt und gezupft, ist man nah dran am Menschen, kennt Schokoladenseiten und Problemzonen. Denn dann, wenn der Bühnenbildner abgereist ist, bleibt der Kostümbildner noch lange vor Ort. Er begleitet den gesamten Probenprozess, bespricht sich mit den Werkstätten, lässt Änderungen vornehmen, Ersatzkostüme fertigen. Er muss sich durch- und seine Ideen umsetzen. „Ob in den Werkstätten oder auf der Probebühne: Man hat es immer mit Persönlichkeiten zu tun“, erläutert Marysol Del Castillo und fügt hinzu: „Sensibel muss man, doch dünnhäutig sollte man besser nicht sein.“

„Weihnachten bei Iwanows“, Schauspielhaus Düsseldorf (1994, Regie Karin Beier), Kostüme von Maria Roers; Foto: Maria RoersDie Wahl der Maske, Schuhe und der Perücken ist ebenso Teil der kostümbildnerischen Arbeit wie das Entwerfen von Anzügen, Kleidern, Zebra-Kostümen oder Hasenohren. Das klingt nach bunter Fantasie und freier Kreativität, doch technisches Verständnis ist gleichermaßen gefragt. „Als Kostümbildner muss man wissen, wie Schnittvorgänge ablaufen, man muss das Material realistisch beurteilen können“, bemerkt Del Castillo. Man sollte „eine große Ahnung und Wertschätzung von den unterschiedlichsten Gewerken haben“, rät auch Bettina Walter. „Und sehen können, wie Menschen sind, was sie ausmacht. Woran man Berufe, Biografien, Schicksale erkennt. Als Kostümbildner arbeiten“, fügt sie hinzu, „das ist die Verbindung von Literatur, Musik, Psychologie und den Bildenden Künsten. Man sollte leidenschaftlich gerne mit Menschen arbeiten. Mit Menschen, unterschiedlichster Art.“

Künstlerisches Talent trifft technisches Zeichnen

„Die drei Elfen“, Skizze von Klaus Bruns für Antonin Dvoraks Oper „Rusalka“ an der Komischen Oper Berlin; Foto: Klaus Bruns

Bettina Walter ist schon lange in der Branche. Sie ist Professorin für Kostümbild an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart. Jedes Semester bewerben sich dort zwischen 20 und 40 junge Menschen mit einer Mappe um einen Studienplatz. Maximal vier Studenten werden nach der zweitägigen Eignungsprüfung, die eine Skizzenarbeit, einen Modellentwurf und ein persönliches Gespräch beinhaltet, aufgenommen. Während des Studiums stellen die Studenten regelmäßig ihre Entwürfe zur Diskussion, besuchen Kurse zu Kostümgeschichte, zum Gewandzeichnen, zu Dramaturgie und Theatergeschichte, beschäftigen sich mit Theatertexten, Opernlibretti und den verschiedenen Arbeitsmethoden im textilen Handwerk. Wo die Absolventen der jeweiligen Hochschulen nach der circa fünfjährigen Ausbildung landen, ist (auch) Glücksache. Irgendwo zwischen Kiel, Zürich und Berlin.

Katrin Ullmann
ist freie Theaterkritikerin unter anderem für Tagesspiegel, Theater heute, Stuttgarter Zeitung, nachtkritik.de und Szene Hamburg. Als Redakteurin arbeitet sie für das arte-Magazin und LFI-Leica Fotografie International. Seit 2011 ist sie Jurymitglied der Hamburger Kulturbehörde im Förderbereich Sprech-, Musiktheater & Performance.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2011

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