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"Bibliotheken sind das Herz unserer Informationsgesellschaft"

Professor Dr. Claudia Lux; Copyright: Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Professor Dr. Claudia Lux; Copyright: Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Seit August 2007 steht Prof. Dr. Claudia Lux an der Spitze der IFLA, des Weltverbands der Bibliotheken. Wir haben mit ihr über die Ziele ihrer Präsidentschaft gesprochen.

Frau Lux, wie haben Sie die ersten Monate Ihrer Präsidentschaft erlebt?

Sehr schön aktiv. Und es gab unglaublich viel Zuspruch und viele Angebote zur Unterstützung. Das war für mich eine sehr bewegende Erfahrung. Es ist schön, so viel Rückendeckung zu bekommen, wenn man eine solche ehrenamtliche Aufgabe übernimmt.

Wie würden Sie die Arbeitsbedingungen und -atmosphäre in der IFLA beschreiben?

Die Atmosphäre innerhalb der IFLA ist sehr arbeitsam. Überall ist man sehr gewillt, Dinge zu verändern. Wir wollen den Bibliotheksverband stärker in Richtung einer Serviceeinrichtung für die Mitglieder entwickeln und hier vor allem den Bereich des aktiveren Eintretens für Bibliotheken nach außen ausbauen.

Auch die Zusammenarbeit im internationalen Umfeld habe ich als sehr positiv erlebt. Bei der UNESCO beispielsweise kommt man auf uns zu und ist bereit, gemeinsam mit uns etwas für Bibliotheken zu gestalten. Da öffnen sich Türen, das ist wunderbar.

"Bibliotheken auf die Tagesordnung" lautet Ihr Motto für die Präsidentschaft. Was verstehen Sie darunter?

Das hat für mich zwei Aspekte. Der erste ist auf die Politik bezogen. Bibliotheken werden sehr oft in die Schubladen Kultur und Bildung gesteckt. Dabei vergisst man oft, dass wir der Politik mit unserer Infrastruktur, unserem Wissen und unseren Methoden auch in anderen Bereichen eine ganz besondere Unterstützung sein können.

Zum Beispiel?

Überall dort, wo es um Planungen für Stadtentwicklung, gesundheitliche Aufklärung oder Migrationsfragen geht. Bibliotheken sind Orte, an denen Informationen verbreitet werden. Zudem können Bibliotheken einiges zur Entwicklung eines schwierigen Stadtteils beitragen. Das wird zu wenig gesehen.

Und der zweite Aspekt?

Die andere Seite ist, dass wir selber klarer, überzeugter und geschlossener auftreten müssen. Da müssen wir etwas ändern. Nur wenn wir uns tagtäglich für Bibliotheken einsetzen, kommen Bibliotheken auf die Tagesordnung – und bleiben auch dort.

Als Weltverbandspräsidentin sind Sie ja den Interessen der mehr als 150 Nationen, die in der IFLA organisiert sind, verpflichtet. Wie kann das gelingen?

Indem man sehr sorgfältig nach den Interessen und Methoden der unterschiedlichen Kulturen fragt. Wenn wir beispielsweise versuchen, so eine Art Anleitung zum Handeln für "Bibliotheken auf die Tagesordnung" zu schreiben, dann muss diese Richtlinie die kulturellen Gegebenheiten in allen Mitgliedsländern abdecken.

Ein Schwerpunktthema Ihrer Arbeit ist es, dem "digital divide" entgegenzuwirken. Welches Problem verbirgt sich dahinter?

Bibliotheken sind das Herz unserer modernen Informationsgesellschaft. Doch in einigen Ländern versteht die Politik nicht, dass Bibliotheken überhaupt mit digitalem Wissen zu tun haben. Dort werden Bibliotheken ausschließlich mit Büchern verbunden. Wenn es in solchen Ländern Programme gibt, irgendwo einen Internetanschluss zu legen, dann wird das im Bereich der Telekommunikation gemacht. Niemand kommt auf die Idee die wunderbare Infrastruktur von Menschen zu nutzen, die wissen, wie man Wissen organisiert und den Zugang zu Wissen sinnvoll gestaltet – eben die Bibliothekare.

Darum sind wird gerade dabei, ein Manifest für die Digitale Bibliothek zu erstellen, das wir hoffentlich zusammen mit der UNESCO verabschieden. Unser Ziel ist es, deutlich zu machen, dass Bibliotheken auch das digitale Wissen anbieten. Das wäre ein wichtiger Schritt, die digitale Spaltung aufzuheben.

Ist die digitale Spaltung auch für Deutschland ein Thema?

Ja, hier setzen wir uns dafür ein, dass das Internet in Bibliotheken frei verfügbar ist. Diejenigen, die zu Hause keinen Computer oder keinen Internetanschluss haben, sollen in den Bibliotheken die Möglichkeit haben, das World Wide Web zu nutzen oder dort auch Zugriff auf teure Datenbanken etc. zu haben.

Was wollen Sie in den nächsten zwei Jahren konkret erreichen?

Ich möchte erreichen, dass sich das Image der Bibliotheken im Bewusstsein der Gesellschaft ändert – hin zur modernen und hochtechnologischen Bibliothek, die ja schon seit langem Realität ist.

Was ist bereits an Aktivitäten geplant?

Neben dem Manifest für die Digitale Bibliothek, das den öffentlichen Zugang zum Internet und die Rolle der Bibliotheken dabei thematisiert, wollen wir einen Argumentationsleitfaden für Bibliothekare erstellen. Hier werden bestimmte Fragen, mit denen Bibliothekare weltweit konfrontiert werden, aufgegriffen. Ein Beispiel: "Wofür brauchen wir Bibliotheken? Wir haben doch das Internet!" Wir versuchen, Bibliotheken zu helfen, richtige und klare Antworten auf solche Fragen zu finden. Wir unterstützen sie dabei, ihre Leistungen angemessen zu präsentieren – auch, um ihren Anspruch auf Förderung besser vertreten zu können.

Welche Impulse erhoffen Sie sich von Ihrer Präsidentschaft für die Bibliothekslandschaft in Deutschland?

Ich erhoffe mir für Deutschland eine größere Wahrnehmung der Bibliotheken. Es wäre schön, wenn meine Präsidentschaft die Bibliothekare in Deutschland noch stärker motivieren könnte, aufzustehen und für ihre Sache einzutreten – und zwar in einer geschickten, humorvollen Art und Weise.

Das Gespräch führte Dagmar Giersberg
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Dezember 2007

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