„Johann Peter Hebel kann man gut in der S-Bahn lesen.“ – Bernhard Viel im Gespräch

Mit den „Kalendergeschichten“ und den „Alemannischen Gedichten“ ist Johann Peter Hebel der große unbekannte Klassiker der deutschen Literatur. Am 10. Mai 2010 jährte sich sein Geburtstag zum 250. Mal. Goethe.de sprach mit dem Hebel-Biografen Bernhard Viel über die Modernität des vermeintlichen Moralapostels – und über seine Aktualität in Zeiten der Finanzkrise.
Herr Viel, in seinem berühmten Dialektgedicht „Die Vergänglichkeit“ beschreibt Johann Peter Hebel, wie alles auf der Welt vergehen muss. Auch sein Werk wird heute kaum noch gelesen. Warum?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen gilt Hebel gemeinhin als ein eher biederer und christlich-moralischer Erzähler, dessen in Geschichten verschlüsselte Mahnungen nicht mehr zeitgemäß sind. Und tatsächlich hatte er als Volksaufklärer ja den Standpunkt, dass der Mensch aufrichtig und gut sein und im Sinne sozialer Gerechtigkeit nach Gottes Gesetz leben solle.
Ein Dichter der Geschäftsmoral
Wenn man Gott streicht, klingt das in Zeiten der Finanzkrise zumindest nicht unmodern ...
Das denke ich auch. Hebels Bewunderer Walter Benjamin hat dem Autor ja bescheinigt, sich gerade auf „Geschäftsmoral“ vortrefflich zu verstehen. Tatsächlich sagt Hebel ja immer, dass der Mensch bei seinem Handeln zuvorderst auf sein Gewissen – also seine innere Stimme – hören soll.
Dass seine Helden auf diese innere Stimme nur selten bauen und permanent die moralischen Grenzen übertreten, macht sie bis heute lebensnah.
Darüber hinaus: Aus welchem Grund sollte man wieder Hebel lesen?
Na, nicht zuletzt auch deshalb, weil seine Texte ungemein unterhaltsam und leicht geschrieben sind! Und Klassiker wie Kannitverstan oder Unverhofftes Wiedersehen kann man nicht nur wegen ihrer Kürze zudem ausgezeichnet in der S-Bahn lesen.
„Hebel sagt kein Wort zuviel“
Zu Hebels Bewunderern zählten Goethe, Tolstoi oder die Gebrüder Grimm. Elias Canetti gab an, jedes seiner Bücher „heimlich“ an dessen Sprache zu messen, Hermann Hesse nannte ihn den „größten deutschen Erzähler“. Was ist Hebels literarische Finesse?
Hebel hat verschiedene ästhetische Kniffe. Der zentrale Punkt ist wohl, dass es ihm literarisch gelingt, in der Beschreibung des einfachen Menschen und seines alltäglichen Tuns eine sinnvolle Weltordnung durchscheinen zu lassen. Er hat bei jedem Detail immer das Ganze im Blick. Auch dieser „ganzheitliche“ Zug seiner Texte ist sehr zeitgemäß.
Und dann hat Hebel beim Versuch, jenseits aller Aufklärung und Moral mit Esprit und subtilem Augenzwinkern vor allem auch unterhaltsam zu sein, journalistische Qualitäten entwickelt, die man auch heute noch genießen kann. Da ist kein Satz zu viel oder zu wenig. Und trotzdem ist in dieser auch wieder sehr modern wirkenden Sprachökonomie immer etwas Tiefsinniges verborgen.
Der Tod ist nicht das Schlimmste
Welche Rolle spielt der teils ja sogar schwarze Humor dabei?
Eine zentrale Rolle. Hebels Geschichten sind eben keine Moralpredigten, sondern Texte, in denen sich immer wieder menschliche Abgründe auftun. Der schwarze Humor und die Doppelbödigkeit illustrieren illusionslos, dass das Böse und das Sterben zum Menschen schicksalhaft dazugehört.
Sinnfällig wird dies in der Geschichte Glück und Unglück, in der zwei russische Matrosen während einer Seeschlacht durch eine lebensrettende Explosion von ihrem ausweglos brennenden Schiff geschleudert werden, dummerweise aber genau in den Händen des Feindes landen, aus denen sie dann durch eine weitere Explosion wieder entrissen werden, die ihnen allerdings die Beine raubt.
Da verweist der schwarze Humor vor allem auch darauf, dass der Mensch sterblich ist und der Tod in jedem Augenblick neben einem steht. Nicht von ungefähr endet die Geschichte mit der Erkenntnis, dass der Tod für die beiden Matrosen „nach allem, was vorangegangen war, nicht das Schlimmste“ gewesen sei.
Ein zerrissener Charakter
Trägt Ihre Biografie deshalb „Das Glück der Vergänglichkeit“ im Untertitel?
Ja. Für Hebel war klar, dass der, der die eigene Vergänglichkeit erkennt, den ersten Schritt getan hat, um sie zu überwinden. Das ist die zentrale, sehr christliche, an die Auferstehung gemahnende Botschaft hinter seinem Werk.
Es gibt ja schon einige Biografien über Hebel. Was ist neu an Ihrer?
Ich versuche, Hebel vom Geruch der Biederkeit zu befreien und ihn in seiner ganzen Zwiespältigkeit darzustellen. Als lutherischer Theologe, Gymnasialdirektor und Botaniker führte er nach außen zwar ein eher angepasstes Leben. Eigentlich aber war er ein schillernder Charakter, der Zeit seines Lebens am frühen Tod seiner Mutter litt und immer hin- und hergerissen war zwischen seinem Glauben und der zweiflerischen Neigung, aus den vorgegebenen Mustern auszubrechen.
Und schließlich habe ich versucht, Hebels bisher als solitär geltendes Werk geistes- und literaturgeschichtlich zwischen Spätaufklärung, Klassik und Romantik einzuordnen.
„Ich hielt Hebel auch erst für langweilig"
Was hat Sie dazu gebracht, sich mit Hebel zu beschäftigen?
Ganz persönlich: Meine Frau kommt aus jener südbadischen Region zwischen Freiburg und Basel, wo Hebel aufgewachsen ist, wo seine „Alemannischen Gedichte“ und Geschichten spielen. In ihrer Familie ist Hebel, wie in der ganzen Gegend, ein noch völlig präsenter und verehrter Autor.
Ich hielt Hebel auch erst für langweilig. Aber dann habe ich mich aus diesen persönlichen Gründen näher mit ihm beschäftigt und mein Vorurteil revidiert.
Haben Sie Lieblingstexte?
Das Gedicht Die Vergänglichkeit gehört sicher dazu, und dann die in ihrer Abgründigkeit an Heinrich von Kleist gemahnende Erzählung Unverhofftes Wiedersehen ...
... die der Philosoph Ernst Bloch die „schönste Geschichte der Welt“ genannt hat...
... wobei Bloch meines Erachtens übersehen hat, dass die Geschichte unerhört abgründig ja vor allem dadurch wird, dass die darin geschilderte Liebe einer Braut zu ihrem vor 50 Jahren verunglückten und nun in seiner damals konservierten Gestalt wieder zu Tage geförderten Bergmann nur deshalb so unverbrüchlich war, weil sich die Ehe nicht verwirklichen konnte.
Autobiografisch fußt die Erzählung meiner Interpretation nach darauf, dass Hebel selbst nie geheiratet hat und überhaupt ein schwieriges Verhältnis zu Frauen hatte. Gleichzeitig setzt sie natürlich auch in einer Zeit, die die wahre Liebe feiert, einen ironischen, ja, wieder einmal: modernen Kontrapunkt.
stellte die Fragen. Bis 2005 lehrte er am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz. Heute leitet er ein Redaktionsbüro und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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Mai 2010
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