Berlin Biennale

Subversiv, aber massenkompatibel

Natalia Sokol i Oleg Vorotnikow. fot: Thomas Peter, copyright 7. Berlin Biennale

Sie nennen sich Voina, also Krieg, aber ihre Vorgehensweise ist ganz gewaltfrei. Das russische Künstlerkollektiv, das mit anarchisch-satirischen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht hat, ist am Aufbau der 7. Berlin Biennale beteiligt.

Die moderne Kunst ist langweilig und hat die Fähigkeit verloren, auf die Welt zu reagieren, meinen die Mitglieder von Voina. Deshalb muss man sie völlig auf den Kopf stellen und zu Mitteln wie den konzeptionskünstlerischen Aktionen Andrej Monastyrskijs greifen oder zur Arbeit des oppositionellen Dichters und Schriftstellers Dmitrij Prigov. Nur künstlerisches Handeln, das tatsächlich in einen Dialog mit der gewalttätigen politischen Realität tritt, hat Kraft und Existenzberechtigung. Dies ist der ideologische Rahmen, der das Aktionsfeld der Gruppe Voina absteckt.

Die Gruppe Voina führt ihren Krieg achthändig: Dem 2006 entstandenen Künstlerkollektiv gehören Oleg Vorotnikow, Natalia Sokol, Leonid Nikolayev und Alex Pluster-Sarno an. Letzterer hat in einem Interview betont: „Uns verbindet das, was gegenwärtig in Russland vor sich geht.“

 

Oleg Vorotnikov, Artur Zmijewski, Zofia Waslicka, Kasper Nienagliadny Sokol, Natalya Sokol. Photo: unknown, copyright 7. Berlin Biennale, fot. Anna Eckold

 

Auf Bildern sehen sie wie eine Familie aus: Sie posieren in Pyjamas, mit Kindern an der Hand, in Badehosen und -anzügen an der Newa. Auch dies ist ein Statement. Es sagt aus, dass die Kunst mit dem Leben in Kontakt stehen und mit der Wirklichkeit Verbindung haben sollte; der Künstler ist kein inspiriertes Genie, das mehr sieht und fühlt als der Rest der Gesellschaft, sondern er ist Vater und Ehemann, ein Mensch, der isst, schläft und Spaß hat.

Zwei Ereignisse waren es, mit denen die russische Gruppe ins Gespräch gekommen ist. Im Dezember 2010 ging die Nachricht um die Welt, dass ein Star der globalen Kunstszene, der britische Street-Artist Banksy, die Aktionen von Voina mit 80.000 Pfund unterstützen wolle. Die Summe war für die Kaution bestimmt, die zu zahlen war, damit die verhafteten Mitglieder der Gruppe wieder auf freien Fuß kamen. Zuletzt wurde die Gruppe in den engen Kreis der Ko-Kuratoren der 7. Berlin Biennale berufen, die eins der renommiertesten regelmäßig stattfindenden Kunstevents ist. In diesem Jahr ist es Artur Żmijewski, der die Biennale vorbereitet, ein Praktiker und Ideologe der Kunst, dem zufolge die Kunstproduktion einen echten Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen haben sollte. Die Gruppe Voina wurde von Żmijewski hinzugebeten, um ein detailliertes Konzept für die Veranstaltung zu organisieren und auszuarbeiten, obwohl sie mit klassischer Kuratorenarbeit nichts am Hut hat. Um diese offizielle Popularität im ersten Umlauf zu erreichen, hat Voina mit kompromisslosen, stark linkslastigen Performance-Aktionen mit anarchistischem Beigeschmack arbeitet. Die bekanntesten davon fassen wir hier zusammen.

 

Natalia Sokol aresztowana podczas protestów w Sankt Petersburgu, 31 Marca 2011, fot: Igor Simkin, copyright 7. Berlin Biennale

 

1. „A Dick Held Prisoner” (2010)
Eine Brücke über die Newa in Sankt Petersburg. Eines Nachts erscheint auf dem hochgezogenen Brückenteil eine gigantische, 65 Meter lange Penis-Zeichnung. Sie erinnert an unanständige Wandschmierereien, die man von Wohnblocks in üblen Stadtvierteln kennt, aber ihre Bedeutung wird erst im räumlichen Kontext deutlich: Auf der anderen Seite der Brücke befindet sich der Sitz des FSB (früher KGB). Die Zeichnung ist eine Geste, die sich gegen diese Institution richtet und wird schon nach wenigen Stunden entfernt. Und oh Wunder, die Arbeit findet die Anerkennung der offiziellen Kunst: Das Nationale Zentrum für Moderne Kunst in Moskau zeichnet Voina für ihre Innovativität aus. Andrej Jerofejew, der Kurator des Wettbewerbs, kommentiert in einem Interview, dass die Aktion in der russischen Tradition der „gesellschaftlich engagierten Kunst“ stehe.

2. „Palace Revolution” (2010) 3. „Stypa po Dmitrym Prigovie” (2007)
In einem Waggon der Moskauer Metro veranstalten die Mitglieder der Gruppe einige Tage nach dem Tod des Dichters und Dissidenten Dmitry Prigov, einer Ikone des Widerstands gegen den Staat, eine Feierlichkeit. Im Metrowaggon sind Tische aufgestellt, auf denen Wodkagläser und zu Hause auf die Schnelle zubereitete Gerichte stehen. Das, was unterdrückt, an den Rand gedrängt und bekämpft wurde, also die Kreativität und die Person des aufsässigen Dichters, selbst die Erinnerung an ihn, stellt das Performer-Kollektiv mitten in den öffentlichen Raum, in den überfüllten öffentlichen Personenverkehr. Wieder zeigt Voina, dass die Mitglieder der Gruppe eine künstlerische Strategie verfolgen, die ebenso subversiv wie massenkompatibel ist.

4. „Fuck for the heir Puppy Bear!” (2008)
Diesmal besetzen die Mitglieder der Gruppe und ihre Sympathisanten einen anderen öffentlichen Raum, nämlich einen Saal im Staatlichen Biologischen Museum in Moskau. Gleichen neben den Exponaten und Vitrinen sind Transparente aufgespannt, die zum Kopulieren aufrufen, als Geste der Unterstützung für den neuen Präsidenten Dmitrij Medwedjew, und zehn Personen ziehen sich tatsächlich aus und haben Sex. Die Aktion findet kaum zwei Tage vor den Präsidentenwahlen statt, deren Ergebnis angesichts politischer Unterdrückung, der Niederhaltung oppositioneller Aktivitäten und von Wahlmanipulationen von vornherein feststeht.

Text: Anna Theiss
Publizistin, Kunstkritikerin

Copyright: Goethe-Institut Polen
Februar 2012

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