Countdown

Zwei Monate vor dem Beginn der 7. Berlin Biennale haben wir deren Veranstaltungsbüro in der deutschen Hauptstadt besucht.
Warschau und Berlin sind 517 Kilometer voneinander entfernt. Keine Distanz also für eine E-Mail, die beide Städte binnen weniger Sekunden miteinander verbindet. Diesem Kommunikationsmittel ist es zu verdanken, dass wir seit fünf Monaten die Vorbereitungen für das größte Kunstevent Mitteleuropas sozusagen „live“ verfolgen konnten, indem wir elektronisch mit den Kuratoren der Veranstaltung und dem tadellosen Pressebüro des KW Institute for Contemporary Art korrespondiert haben. Außerdem haben wir die Mitglieder der mit der Biennale kooperierenden Krytyka Polityczna in ihrem Warschauer Büro getroffen. Wir haben die Nähe wohl genutzt, die das Netz, die neuen Medien und auch die Verbindungen zwischen Berliner und Warschauer Kunstkreisen schaffen. Aber fast 60 Tage vor dem Beginn des Events sind wir doch zu der Auffassung gelangt, dass der Moment gekommen sei, gesicherte Positionen aufzugeben, stattdessen zu Mitteln aus der analogen Ära zu greifen und direkt an die Quelle zu gehen: das Büro der Berliner Biennale in der Auguststrasse der deutschen Hauptstadt. Mit Katarzyna Białousz, der Webseitenredakteurin des Goethe-Instituts, sind wir ins Auto gestiegen und haben die polnische A2 Richtung Westen genommen. Vor Ort hat uns Igor Stokfiszewski empfangen, der an der Organisation der Biennale mitarbeitet, der Krytyka Polityczna angehört und der uns mit seiner Fähigkeit imponiert hat, abstrakte Ideen in eine praktische Sprache zu übertragen.
1. Empört in Berlin
Unsere gründliche Erkundung der Berliner Biennale haben wir im Café Bravo begonnen, einem von Dan Graham entworfenen Lokal, das die Form eines Glaswürfels hat und im Hinterhof der Augustrasse 69 steht, also gleich vor dem Eingang zum KW Institute for Contemporary Art. Hier hat uns Igor die theoretischen Grundlagen der Biennale auseinandergesetzt (die Aufzeichnung des Interviews wird schon bald hier zu lesen sein) und uns außerdem eröffnet, dass unser Vorhaben, noch am Abend desselben Tages nach Warschau zurückzukehren, ein großer Verlust sei. Der Grund? Die Bewegung der Empörten wollte gerade dann auf der Auguststrasse zusammenkommen. Es sollte ein Arbeitstreffen sein, auf dem die Aktivisten der Bewegung sich auf die Teilnahme an der Biennale vorbereiten. Sie haben vor, von Ende April bis Anfang Juni das Erdgeschoß des Gebäudes an der Auguststrasse zu besetzen. Der Raum zwischen Hinterhof, Empfangshalle und Garten des KW wird für die Zeit der Biennale keine Galerie mehr sein, sondern zu einem öffentlichen Raum mutieren, einem Ort zum Debattieren, an dem man die Aktivisten treffen kann. Es ist ein offenes Projekt, d.h. das Ausmaß der Beteiligung der Empörten an der Veranstaltung wird veränderlich sein und sich ständig neu formen.
2. Besuche zu Studienzwecken
Über zehn Kunsttheoretiker, Künstler und Kuratoren aus Belarus und eine Gruppe deutscher Journalisten sind nur einige Gäste im Büro der Biennale, die wir während unseres Kurzbesuchs kennengelernt haben. Wie sich herausstellt, ist die Arbeit an einem der größten Kunstevents überhaupt nicht nur inhaltliche und produktive Arbeit, sondern auch ein ständiges Bemühen, das Konzept der Veranstaltung einem möglichst großen Kreis von Professionellen nahezubringen. Die Führung durch die Kunstwerke und auch die Berichterstattung über die Pläne für die Biennale hat Joanna Warsza übernommen, die Mitkuratorin der Ausstellung ist. Ihre Einführung ist auch notwendig, denn die 7. Berlin Biennale ist nicht bloß eine Kunstschau mit einer langen Liste von Begleitveranstaltungen, sondern ein neuer Vorschlag, über Kunst und ihre Verbindungen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nachzudenken, sowie der Versuch, eine neue Sprache für die Kunst zu finden. Joanna Warszas Erläuterungen, aber auch unser Gespräch mit Igor Stokfiszewski ähneln ein wenig einer Unterrichtsstunde über eine neue Annäherung an die Kunst und sind nicht einfach eine Konversation über das, was „auf der Ausstellung los sein wird“.
3. Forget Fear
Den Live-Bericht über die Biennale nutzen nur wenige, aber die Kuratorengruppe hat auch massentaugliche Texte und Materialien. Bei unserem Besuch in Berlin hat uns Igor eines der ersten Exemplare von Forget Fear gegeben, eine umfangreiche Sammlung von Essays, Interviews und Kommentaren, die den theoretischen Kontext der Biennale schaffen. Eine dicke, dunkelblaue Mappe mit dem Logo der Berliner Biennale enthält das Material, das Artur Żmijewski und Joanna Warsza auf ihren Studienreisen gesammelt haben. Darin finden sich u.a. Gespräche mit Árpád Schilling, dem prominenten ungarischen Theaterregisseur und ein Interview mit Yael Bartana über die Bewegung der jüdischen Wiedergeburt in Polen. Forget Fear ist eine Art „Black Box” der 7. Berlin Biennale: eine Aufzeichnung von Ideen, Inspirationen und der Verweis auf Schlüsselfiguren und –akteure des Events. Das 416 Seiten starke Buch soll jeden Moment in den Buchläden erhältlich sein, und ein Teil der darin enthaltenen Texte wird in polnischer Übersetzung in der nächsten Ausgabe der Krytyka Polityczna erscheinen.
4. Open Call
Unser Besuch in Berlin war auch eine Gelegenheit, einen Blick in einen anderen, indessen gänzlich dreidimensionalen Winkel zu werfen, in dem sich Texte und Ideen angesammelt haben. Eine der Wände des Büros der 7. Berlin Biennale ist vollständig von einem Regal imposanten Ausmaßes ausgefüllt. Es enthält sämtliche Bewerbungen, die Künstler aus der ganzen Welt im Rahmen des Open Call nach Berlin geschickt haben, also in einem offenen Bewerbungsverfahren zur Teilnahme an dem Event. Alphabetisch sortiert, aber noch in ihren Originalumschlägen harren sie der Begutachtung. Solange die Berlinale dauert, werden sie wie in einer Bibliothek für das Besucherpublikum zugänglich sein. Der Kurator und seine Mitkuratoren haben schließlich beschlossen, nicht nur die besten bzw. die am besten zum Profil des Events passenden Bewerbungen auszuwählen, sondern den Besuchern alle Arbeiten mitsamt den Lebensläufen und den Originalbeschreibungen der Künstler zur Verfügung zu stellen. Die technischen Mittel, die dazu im Einzelnen nötig sind, werden erst noch erarbeitet, aber es ist klar, dass auf diese Weise eines der Grundprinzipien der Biennale umgesetzt wird: Sie soll einen Rahmen schaffen, in dem eine Vielzahl von Ansichten und Stimmen darüber zu hören sind, was Engagement der Kunst bedeutet.
Publizistin, Kunstkritikerin
Übersetzung: Pascal Trees
Copyright: Goethe-Institut Polen
März 2012








