Schicht auf Schicht

Warschau im Objektiv von Christian de Lutz. Mittels digitaler Bearbeitung wird aus der unschuldigen Fotografie ein Bild, das an die Aufnahme einer städtischen Überwachungskamera erinnert.Christian de Lutz arbeitet mit Objekten, auf die er vor Jahren gestoßen ist, mit Bildern aus seinem eigenen Archiv und mit Gebäuden aus dem Berliner Stadtteil Wedding. Den einen gibt er neue fotografische Existenzen, die anderen macht er zu einem unabhängigen Kunstzentrum. Er verknüpft seine Rollen als Kurator, Künstler und Kunstanimateur.
Veränderung findet in der Zeit statt. Um eine neue Qualität produzieren zu können, muß man das Objekt von einer anderen Seite und mit frischem Blick betrachten, scheint Christian de Lutz zu sagen. Man muß sich nur die Datierung seiner Arbeiten näher ansehen. Das Bild Poland 1.0, (1994/2002) zeigt einen in der Mitte durchgeschnittenen Kulturpalast, auf dessen Fassade er mit Photoshop das polnische Staatswappen angebracht hat. Dieses Bild hat der Künstler während einer seiner Reisen durch Ostmitteleuropa aufgenommen, als die Blockstaaten dort an einer neuen politischen Identität arbeiteten. Aus der Aufnahme eines Reporters ist so erst nach acht Jahren ein Teil eines Autorenprojektes geworden, als de Lutz es mit einem Grafikprogramm veränderte, indem den Hintergrund abdunkelte und eine Zeile HTML-Code über das Bild legte. Ein anderes Beispiel, Bez tytułu [Ohne Titel] (1996 / 2005), stammt aus dem Zyklus "Light drawings" und ist ein Schwarzweißbild von einem Autowrack, das am Straßenrand und vor einer Gebäuderuine verfällt. Die fotografische Quelle ist dabei ohne weiteres zu erkennen, doch wurde das Bild durch einen digitalen Filter gepreßt, der die Linien ein wenig so aussehen läßt, als seien sie mit dem Bleistift gezogen. Außerdem lesen wir im Begleittext, dass ein Teil der Motive einfach aus dem Bild entfernt wurde. Bevor der Künstler sich zu diesem Eingriff entschloß, mußten neun Jahre vergehen. Während dieser Zeit war das Bild eine Art privates Fotofeuilleton, das auf der Festplatte des Künstlers schlummerte. Seit 2005 ist es einfach eine Arbeit des Künstlers, mit der er fotografische Sprache erprobt. De Lutz’ arbeitet so, als beschleunige er erdgeschichtliche Prozesse: er überdeckt Fotografien absichtlich mit neuen Schichten und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf diesen um Jahre verschobenen Prozeß.
Die Arbeiten von Christian de Lutz wirken wie eine Antiarchäologie: Der Künstler überdeckt die Bilder mit Schichten, und diesen Vorgang dehnt er in der Zeit aus.
De Lutz’ Kunst will zeigen, dass die Form eines Bildes oder Objektes eine zweite historische Wirklichkeit verdeckt und dass die Grenze zwischen beiden veränderlich ist. Die gleiche Botschaft läßt sich der Kuratorentätigkeit des Künstlers entnehmen. Im Oktober 2006 hat er zusammen mit Regine Rupp und Sandra Frimmel mit dem „Art Laboratory Berlin“ einen eigenen, unabhängigen Galerieraum eröffnet. Das verlassene Gebäude an der Prinzenallee 34 ist zu einem Feld für Ausstellungen, Performances und Veranstaltungen geworden. Die Kunst überlagert so als neue Bedeutungsschicht das städtische Gewebe, und durch sie verändern Stadtteile ihren Charakter. Auf der anderen Seite formen die Stadt selbst und ihre Geschichte auch die Art und Weise, in der Kunst gezeigt wird, und sei es nur durch die Architektur der Orte, in denen sie präsentiert wird. Aber das ist ja auch logisch, insbesondere, wenn man die fotografischen Arbeiten des Künstlers schon kennt.
Publizistin, Kunstkritikerin
Übersetzung: Pascal Trees
Goethe-Institut Polen
November 2011








