Ein Experiment verläßt seine vier Wände

Das historische Gebäude und ein einfacher Block vereinigen die Kunst. Projekt: Simon Louis du Ry, 1779
Die Biennale in Venedig hat ihre nationalen Pavillons und teilt auch ihre Ausstellungen klar nach nationalen Kriterien ein. Die documenta in Kassel hat das Fridericianum. Ohne dieses Gebäude wäre der Regelverstoß nicht möglich, der die documenta ausmacht und mit dem sie glänzt.
Noch vor 20 Jahren konnte man Festivals für visuelle Kunst an fünf Fingern einer Hand abzählen; für die wirklich bedeutenden, europaweit bekannten, hätten auch zwei genügt.Und Mitte der 1950er Jahre? Europa ähnelt einer Baustelle. Deutschland liegt in Schutt und Asche und kann sich nicht mit allzu vielen Orten brüsten, die der Kunst eine angemessene Unterkunft bieten würden. Als Arena für das wagemutigste Festival visueller Kunst dient im damaligen Europa das Fridericianum – die Ruinen eines Palastes aus dem 18. Jahrhundert. Die Cleveren wissen, dass sich Schwächen auch zu Stärken machen lassen.
Wir schreiben das Jahr 1955. Der Künstler und Kurator Arnold Bode entwirft eine innovative Idee zur Ausstellungsorganisation. Es soll nicht mehr wie bisher darum gehen, einige Objekte gleichmäßig an die Wand zu nageln, das Format passend zu machen und einen hübschen Titel zu finden, sondern darum, die Ausstellung selbst als Kunstwerk zu konzipieren. Bode sucht sich das Fridericianum aus und versucht zugleich, dorthin zu entkommen, um keine Assoziationen mit dem noblen Museum aus der Vorkriegszeit zuzulassen. Antizipierend stellt er abstrakte Gemälde vor dem Hintergrund von Trümmerhaufen aus, zeigt, wie Kunst mit dem Raum spielen kann und stellt die Konzeption des White Cube bloß, die gerade das Piedestal erklimmt.
Mit ihr wird die Crème de la Crème der Kunstwelt auch während späterer documenta-Ausstellungen ringen. Es genügt, an Joseph Beuys zu erinnern, der vor dem Fridericianum 7.000 Eichen gepflanzt hat und dabei eine Eiche genau vor dem Galerieeingang setzte. Dieses Projekt ist zum einen im Raum gewachsen – schließlich würden einige Tausend Eichen für einen ganz stattlichen Park ausreichen –, und zum anderen hat Beuys die magischen hundert Tage überschritten, die das Festival eigentlich nur dauern soll, indem er sein Projekt erst während der achten Ausgabe der Veranstaltung abschloss. Auch Jeff Koons, der Meister des visuell Absurden, hat auf die Natur gesetzt, indem er in Kassel aus Blumen eine zwölf Meter hohe Hundeskulptur mit dem liebevollen Namen „Puppy” errichtet hat.
Den weißen Würfel zu verlassen war das oberste Ziel der ersten documenta-Ausstellungen, was deren kritisches Denken ebenso offenbart wie ihren Widerwillen gegen die vorgefundene Ordnung in der Kunst. Ein derart gigantisches Festival könnte freilich nicht in einer einzigen Ausstellungshalle stattfinden, und sei sie auch noch so groß. Das zur Galerie mutierte Museum öffnet nicht nur einmal alle fünf Jahre und wartet dann hundert Tage lang auf die Kunsttouristen. Seine Formel funktioniert anders. Ein Beispiel: Die Kunsthalle hat Paweł Althamer eingeladen, der mit den Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Polen spielt. Althamer hat schon 2002 im Rahmen einer die documenta X begleitenden Sammelausstellung die Strukturen der Galerie angekratzt, wenn auch noch in recht harmloser Form, kehrte aber 2009 ans Fridericianum zurück, um sich richtig auszutoben: Wie es sich für ihn gehört, hat Althamer in einem sozialen Kollektiv gearbeitet (der Künstler hat für seine Arbeit über 300 Kinder engagiert) und im Gebäude selbst wie auch auf dessen Fassade Märchenlandschaften, Geisterhäuser, ägyptische Tempel und das trojanische Pferd entworfen und so in diesem vornehmen Raum eine Welt von Kinderphantasien kreiert. Dies paßt großartig zu der Idee, eine öffentliche Galerie in die gesellschaftliche Debatte einzubeziehen.
Die Ruhe und den Frieden (insbesondere den gesellschaftlichen) in Kassel hat schon Artur Żmijewski bei der zwölften documenta gestört. Der künstlerische Fauxpas des obersten Kritikers der polnischen Wirklichkeit war vor vier Jahren in der Kunsthalle zu sehen. Zur Erinnerung: Workshops, darin vier Gruppen, und zwar Vertreter der Allpolnischen Jugend, „Kirchenomis”, junge Linke und polnische Juden. Sie präsentieren visuelle Äquivalente ihrer politischen Ansichten und bestärken uns in der Überzeugung, dass symbolische Gewalt tief in unserer visuellen Kultur verwurzelt ist. Anstelle einer Verständigung bringen die Workshops nichts als ein großes Durcheinander hervor, wobei der Autor im Einklang mit seinen eigenen politischen Überzeugungen dem linken Flügel in diesem Streit zuzuneigen scheint. Dies ist keineswegs das einzige Beispiel für einen Reinfall aus Kuratoren- bzw. Organisatorensicht, doch sind solche Fehlschläge wirklich zu vermeiden, wenn man auf neue, kritische, und daher fast zwangsläufig experimentelle Kunst setzt?

Das ausgefülle Friedericianum. Ausstellung von Danh Vo: July, IV, MDCCLXXVI, (bis 31.12.2011)
Die documenta-Ausstellungen spielen sich immer als Experimente ab; 1997 schlug die Kuratorin Catherine David als Leitthema das Eintauchen der Kunst in der visuellen Kultur vor, die Vielfalt der Erzählungen, von denen die moderne Kunst überwuchert ist. Fünf Jahre später hat uns der Nigerianer Okwui Enwezor einige Lektionen über den Postkolonialismus in der Gegenwartskultur erteilt. Das Fridericianum wandelte sich von einem Laboratorium der visuellen Künste zu einem Ort, an dem sich Musik, gesellschaftliche Debatte und plastische Künste treffen. Womit wird uns Roger Buergel überraschen, die Kuratorin der nächsten documenta, Carolin Christov Bakerquiev? Was wird sie aus dem Fridericianum machen? Man kann spekulieren, aber es wäre wohl ein Schritt zurück, überließe man die Galerie nun den Artgenossen eines Banksy. Soll man die Galerie zum Squatting machen, oder zu einer Fabrik für Selbstverlag publizierte Bücher? Aber vielleicht überrascht sie uns ja mit dem Allerbesten, einem Novum, das wenigstens für die kommenden fünf Jahre bestimmt, was aktuell ist. Diese Frage betrifft auch das Gebäude selbst. Der Weg des Fridericianums hat bisher von einer Bibliothek über eine Kunstkammer bzw. ein Museum bis hin zur Galerie geführt. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, es einen offenen Raum zu nennen.
Übersetzung: Pascal Trees
Copyright: Goethe-Institut
November 2011








