dOCUMENTA (13)

Eine Konstrukteurin dehnbarer Welten

Goshka Macuga, Foto: Hugo Tillman

Wenn man überhaupt von einer klassischen Definition des Künstlers oder künstlerischer Aufgabenbereiche sprechen kann, dann ist eines ganz sicher: Goshka Macuga überschreitet diese Grenzen. Ihre Strategie gleicht eher der Arbeit eines Detektivs, eines Zauberkünstlers und eines Bühnenbildners. Vor Kurzem wurde Goshka Macuga mit dem Arnold-Bode-Preis ausgezeichnet.

Es ist 2003. Die Innenräume der Londoner Galerie Gasworks sind mit großen Holzpaneelen verkleidet, die den weißen, asketischen Raum in eine Art bürgerliches Studierzimmer verwandeln. Auf eleganten Sockeln sind alle möglichen Gegenstände ausgebreitet: Fotos, Bücher, Zeitschriften, Briefbeschwerer. Darüber hängen die eigentlichen Werke: Grafiken, Fotografien, Collagen. Das Ganze wirkt wie ein perfekt stilisierter britischer Salon, der aus einem Magazin für Inneneinrichtung stammen könnte, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine weitere Installation der in Polen geborenen britischen Künstlerin Goshka Macuga, einer Absolventin der Central Saint Martins School of Art und des Londoner Goldsmith College. Das Werk trägt den treffenden Titel "Picture Room" und ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sir John Soane's Museum, einer Ikone des britischen Ausstellungs- und Sammlungswesens. Der im 18. Jahrhundert geborene Architekt und Philanthrop Sir John Soane hatte in seinem Londoner Wohnhaus alle möglichen Kunstgegenstände angesammelt und auf diese Weise ein Kabinett visueller Kuriositäten geschaffen: von Piranesi-Skizzen bis hin zu Pygmäenfiguren. 300 Jahre später hat Goshka Macuga das Interieur des Soane'schen Studierzimmers in der Galerie nachgebildet, eine Ausstellung mit Werken von 30 zeitgenössischen Künstlern darin eingerichtet und das Ganze – selbstverständlich – mit Grafiken von Giovanni Battista Piranesi abgerundet. Dies ist der Moment, in dem klar wird: Macuga arbeitet zwar mit den Mitteln der Grafik, der Malerei und des Films, doch ihr größtes Steckenpferd ist die – gänzlich physische – Konstruktion eigener Welten.

Goshka Macuga, Picture Room, 2003, courtesy Gasworks

Eine Galerie ist ein zu großer und nichtssagender Raum. Wirkliche Bedeutungen lassen sich nur in Räumen herstellen, die man selbst errichtet. Picture Room, 2006

Einen solchen Raum hatte Macuga – in etwas kleinerem Maßstab – schon vorher ins Leben gerufen. 1999 stellte sie ihre Arbeit "Cave" vor: eine Höhle, deren Wände aus zerknittertem grauem Papier bestanden, wie es auch in der Pastellmalerei verwendet wird. Dieser Grundstoff der Malerei wurde von der Künstlerin als nichtssagender Füllstoff präsentiert, doch gleichzeitig auch als Material zur Erschaffung neuer Räume. In dem auf diese Weise arrangierten Innenraum stellte Macuga Werke von Künstlern wie Keith Tyson aus. Visionäre Kulissen und Werke anderer Künstler – das sind die Elemente, mit denen die Künstlerin am liebsten arbeitet. 2002 verwandelte Goshka Macuga die Warschauer Galerie Foksal in eine traditionelle Berghütte, in der sie Werke anderer Künstler ausstellte. Auf der Biennale von São Paulo konnte man 2006 eine von ihr geschaffene Struktur bewundern, die einem Projekt des modernen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer nachempfunden war. Gleichzeitig rief Macuga auf der Liverpool Biennial das monumentale architektonische Projekt "Sleep of Urlo" ins Leben, dessen Raumaufteilung an das Pariser Muséum national d’histoire naturelle erinnern sollte. Diese außergewöhnliche Umgebung stellte sie Künstlern wie Simon Moretti und Mai-Thu Perret zur Verfügung. Die Besucher, die sich durch diesen Raum bewegten, machten eine äußerst merkwürdige Erfahrung: Das Gewirr von Sälen erinnerte an ein bekanntes Gebäude – einschließlich seiner Ornamentik im Stil der Neorenaissance – und war doch gleichzeitig ein ganz und gar künstliches, neuartiges und abstraktes Gebilde. Genau wie im Traum, wo bekannte Orte ihren Charakter verändern, doch nach wie vor erkennbar bleiben. Die Entrealisierung und die Poetik des Traums sind übrigens stilistische Mittel, die der Künstlerin sehr vertraut sind. Im Rahmen von „Sleep of Urlo“ präsentierte sie auch eine eigene Arbeit: die Skulptur einer auf einer zusammengerollten Matte liegenden menschlichen Gestalt, in einer Position, die sich als tiefe Entspannung oder auch als Aufbahrung auf einem Katafalk deuten lässt. Der Titel der Arbeit lautet „The Sleeper“.

Goshka Macuga, Somnabulik, dzięki uprzejmości CSW Znaki Czasu w Toruniu

Was tut die Person auf dem Foto? Schläft sie oder liegt sie auf einem Katafalk? Goshka Macuga verwischt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Imagination. The Sleeper, 2006

Konstruktion bedeutet für Macuga mehr als nur die Erschaffung einer architektonischen Gestalt und deren Ausgestaltung mit bereits existierenden Bildern, Skulpturen und anderen künstlerischen Erzeugnissen. Sie sorgt dafür, dass ihre räumlichen Strukturen nicht von einer einzelnen konkreten Botschaft oder festgelegten Narration beherrscht werden. Wenn man sich die Werke ansieht, mit denen Macuga die von ihr geschaffenen Räume füllt, wird deutlich, dass diese keiner übergeordneten Struktur folgen. Alles ist einander gleichwertig – jede Arbeit ist genauso wichtig wie die anderen. Es gibt keinerlei Dominanten, keine Punkte, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich lenken. Eine Skulptur von Mai-Thu Perret ist genauso wesentlich wie die Zeitungsausschnitte, Archivalien und Andenken. Erst der Blick des Betrachters soll einen Sinn herstellen und damit den von Macuga vorgegebenen Rahmen ausfüllen. Das Auge und die Sensibilität des Rezipienten sollen die von der Künstlerin bereitgestellten Informationen und Bilder zueinander in Beziehung setzen. Ein Beispiel gefällig? Die brillante Ausstellung The Nature of the Beast (2009) in der Londoner Whitechapel-Galerie, bei der unter anderem ein runder, verglaster Tisch präsentiert wurde, in dessen Innerem sich Pressemitteilungen und Publikation zum Thema Irak-Krieg befanden – sowohl von Kritikern als auch von Befürworten dieser Intervention. Das elegante, von Macuga selbst projektierte Möbelstück – abermals eine para-plastische Struktur – barg einiges an Diskussionsmaterial. Und zwar wortwörtlich, denn der Tisch wurde Gruppen zur Verfügung gestellt, die Lust hatten, an ihm zu debattieren. Nicht nur über den Irak.

Macuga selbst lässt durchblicken, dass ihre Neigung zum Konstruieren noch weiter reicht: Auch ihre eigene künstlerische Identität ist ein Konstrukt aus vielen gleichwertigen Elementen. „Ich bin eine Künstlerin, die versucht, ihre Arbeit zu erweitern: um die Tätigkeit einer Kuratorin, Historikerin, Geschichtenerzählerin, Kritikerin, Archivarin, Ausstellungsleiterin, Architektin, Komponistin, Galeristin, Soziologin, Biologin, Filmemacherin, Sammlerin, Fotografin, Performerin, Zauberkünstlerin etc.“ – sagte sie in einem Interview.

2008 schaffte es Goshka Macuga auf die Shortlist der Nominierten für den renommierten britischen Turner Prize. Am 25. Oktober 2011 wurde sie mit dem Arnold-Bode-Preis ausgezeichnet. Zu den Laudatoren gehörte auch Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der documenta 13.

Text: Anna Theiss
Publizistin, Kunstkritikerin

Übersetzung: Heinz Rosenau

Copyright: Goethe-Institut Polen
November 2011

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