dOCUMENTA (13)

Wissen im Disneyland-Maßstab

Michał Woliński – BOOKSTORE of LOOSE ASSOCIATIONS: part of SIMPLE RATIONAL APPROXIMATIONS a curatorial project at ARTISSIMA 18, Torino by BUREAU of LOOSE ASSOCIATIONS (Piotr Rypson, Jacek Staniszewski, Michał Woliński), foto: Sebastiano Pellion di Persano „Massentauglich“ kann auch „experimentell“ bedeuten. „Politisch“ heißt nicht zwangsläufig „unpopulär“. Zumindest, wenn wir von der documenta sprechen. Michał Woliński, Direktor der Galerie Piktogram/ BLA und Chefredakteur des Magazins Piktogram talking pictures magazine, sprach mit uns über die größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Das von dir geleitete „Piktogram“ – ein internationales, zweisprachig erscheinendes Kunstmagazin, das du selbst als „Ausstellung in Zeitschriftenform“ bezeichnest – wurde 2007 auf der documenta 12 präsentiert, im Rahmen eines Überblicks über Kunstmagazine aus aller Welt. Auch bei der dOCUMENTA (13) werden verlegerische Aktivitäten eine große Rolle spielen. Im Rahmen der Schriftenreihe „100 Notizen – 100 Gedanken“ erscheinen bereits jetzt Faksimiles, Essays und Skizzenbücher. Welche Bedeutung haben Kunstmagazine für eine so große Kunstausstellung?

Michał Woliński, Piktogram: Vor vier Jahren habe ich im Rahmen der Vorbereitungen zur documenta 12 an einem Projekt teilgenommen, das aus einer Initiative von Georg Schölhammer entstanden war. Georg hatte sich schon länger mit dieser Idee beschäftigt, er hatte nach einem passenden Ort, einem Kontext, nach Organisationsmöglichkeiten gesucht – und diese Möglichkeit schließlich in der Zusammenarbeit mit der Kuratorin der documenta 12 Ruth Noack und ihrem künstlerischen Leiter Roger M. Buergel gefunden. Das Projekt beruhte auf der Schaffung einer – ich verwende dieses Allgemeinwort nur ungern – „Austauschplattform“ für Herausgeber von Magazinen, die sich ernsthaft und kritisch mit dem Thema Kunst auseinandersetzen. Und genau darauf beruhte das Projekt: Es ermöglichte Treffen zwischen Redakteuren, gab bestimmte Themen zur Diskussion vor und regte zur Zusammenarbeit an.

Die erste Phase bestand aus Workshops. Ich habe mit Piktogram an Workshops in Wien und Bratislava teilgenommen, Łukasz Ronduda, der damals eng mit Piktogram zusammenarbeitete und heute Kurator des Museum für Moderne Kunst in Warschau ist, fuhr nach São Paulo. Die Workshops fanden überall auf der Welt statt, denn an dem Projekt nahmen über 100 Magazine aus fast allen Kontinenten teil. Neben den Workshops hatten wir die Gelegenheit, uns mit der künstlerischen und institutionellen Szene der jeweiligen Region vertraut zu machen.

Anschließend wurden wir mit den drei Leitmotiven der documenta 12 konfrontiert. Hier wurde das eigentliche Ziel des Projekts realisiert: die Generierung von Wissen. Jede der Redaktionen beantwortete die in den Leitmotiven gestellten Fragen entsprechend ihrer eigenen Art und Weise der „Wissensproduktion“. Artikel zu den Leitmotiven erschienen in den Magazinen und anschließend – in einer Auswahl – in drei zur documenta 12 erschienenen Textsammlungen, den Magazinen der Magazine. Der erste Band zum Thema „Ist die Moderne unsere Antike?“ enthielt circa 20 Artikel, darunter auch einen aus Piktogramm, einen Text von Łukasz Ronduda zum Thema Soz-Art.

Die dritte und abschließende Phase – nach den Workshops und Treffen, nach dem Erscheinen der Texte in den teilnehmenden Zeitschriften und der Herausgabe der drei „Magazine der Magazine“ – war bereits im Rahmen der documenta 12 die Präsentation sämtlicher Zeitschriften, die am Projekt teilgenommen hatten. Diese Magazine wurden auch in der documenta-Buchhandlung verkauft, die erstmals von „Pro qm“ betreut wurde, einer kleinen, aber äußerst aktiven Berliner Buchhandlung mit einer Affinität zu Zeitschriften.

Michał Woliński – BOOKSTORE of LOOSE ASSOCIATIONS: part of SIMPLE RATIONAL APPROXIMATIONS a curatorial project at ARTISSIMA 18, Torino by BUREAU of LOOSE ASSOCIATIONS (Piotr Rypson, Jacek Staniszewski, Michał Woliński), foto: Sebastiano Pellion di Persano

100 Magazine! Und das ist nur ein Bruchteil dieser Veranstaltung. Ist diese Zahl ein Ausdruck der Größenordnung der documenta? Ihres Massencharakters?

Die documenten sind als Massenveranstaltungen angelegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie ihr intellektuelles Niveau senken oder dass sie Experimente meiden. Es bedeutet auch nicht, dass sie davor zurückscheuen, sich politisch zu engagieren – in diesem Fall ist das kein Widerspruch. Auch wenn die 750 000 Besucher vor vier Jahren selbstverständlich ein wichtiges Argument in der Diskussion über diese Veranstaltung darstellen.

Das ist so viel wie die gesamte Bevölkerung Krakaus.

Man kann es also kaum als eine Nischenveranstaltung für Kunstexperten bezeichnen. Ich denke, dass es der documenta darum geht, wichtige Probleme anzusprechen und gleichzeitig einen Ausstellungsapparat zu erschaffen, der kommunikativ ist und eine breite Zuschauerschaft anspricht. Selbstverständlich ist das eine vielschichtige konzeptionelle Konstruktion, die auf die Rezeption durch anspruchsvolle Experten ausgerichtet ist. Sie bietet intellektuelle Herausforderungen, stellt kühne Thesen auf und setzt bahnbrechende Initiativen in Gang – innerhalb der Ausstellung selbst, auf der Ebene der Kunst oder, allgemeiner ausgedrückt, der Kultur- und Meinungsbildung. Doch gleichzeitig befriedigt sie auch die Bedürfnisse von Wochenendbesuchern, ganz gewöhnlichen Kunsttouristen.

Aber zeigt das Beispiel der documenta nicht auch, dass Professionalismus in der Kunst allmählich massentauglich wird? Dass die Beschäftigung mit Kunst zu einem neuen Industriezweig geworden ist? Denn wären die documenten ganz gewöhnliche Massenveranstaltungen, dann würden sie doch mehr populäre, leicht verständliche Elemente aufweisen, nicht wahr?

Wenn man sieht, wie viele Künstler in Westeuropa leben und wie viele Hochschulen inzwischen Studiengänge für Kuratoren anbieten, dann wird Kunst tatsächlich immer populärer. Aber stellen wir uns einmal die Frage, ob zum Beispiel Politik „populär“ ist. Wenn man sich ansieht, was täglich in den Zeitungen steht und was den gewöhnlichen Passanten auf der Warschauer „Krakowskie Przedmieście“ alltäglich bewegt, dann ist Politik durchaus ein Bereich, der großes Interesse hervorruft. Wenn also Kuratoren, Künstler, Kritiker und Autoren politische Themen aufgreifen, dann wenden sie sich damit an einen großen Rezipientenkreis. Selbstverständlich ist eine akademische Abhandlung oder ein Artikel in einem kleinen experimentellen Magazin etwas anderes als der Aufbau eines Verlagsapparats für mehrere hunderttausend Leser. Und über politische Themen kann man auf unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Ebenen diskutieren. Auf der documenta 12 spielte Ai Weiwei eine wichtige Rolle. Fragen wir uns also einmal: Ist er ein politisch engagierter, radikaler Künstler, der brisante Themen aufgreift, soll heißen ein Nischenkünstler.

Ich würde eher sagen, er ist eine prominente Figur der Kunstszene.

Genau, oder ist er also, nennen wir es einmalpopulär? Die Antwort ist einfach: Sowohl als auch. Wir sehen also, dass man eine Veranstaltung im Maßstab von Disneyland organisieren kann, die gleichzeitig der Versuch einer künstlerischen und intellektuellen Stellungnahme zu den Problemen der Gegenwart ist. Diese Beschreibung der Welt, diese Definition der Gegenwart, die von der documenta 12 zur Diskussion gestellt wurde, war vielschichtig und enthielt neben dem Bezug auf das „bloße Leben“ (eines der Leitmotive) auch Hinweise auf die Geschichte der documenta selbst. Die Kuratoren erinnerten an das Anliegen und die Form dieses Projekts, an das „Politikum“, das eine internationale Kunstausstellung in einer gegen Ende des Krieges von den Alliierten zerstörten Stadt, in einem Staat der diesen Krieg ausgelöst hatte, darstellte. Es wurde deutlich, dass die documenta einen unmittelbaren Einfluss auf die Wirklichkeit eines jeden Einzelnen hat. Sie versucht gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Alle documenta verfolgten und verfolgen konkrete Ziele. Auch wenn diese Ziele heute selbstverständlich andere sind. Die documenta ist – genau wie andere große Veranstaltungen dieses Typs – in gewissem Sinne auch ein riesiger Promotion-Apparat.

 Cover „Piktogram. Talking Pictures Magazine”, Summer 2005

Promotion wofür?

Verkürzt könnte man sagen, Promotion für eine bestimmte politische Weltsicht, für einen Staat mithilfe der Kultur. Es geht hierbei auch um Erziehung durch Kultur. Es gibt jemanden, der dafür Geld ausgibt und der damit ein bestimmtes Ziel verfolgt. Staaten wie z. B. die Vereinigten Arabischen Emirate oder China gehen anders mit den politischen Inhalten solcher Kunstevents um, obwohl auch sie Kunst zu Werbezwecken, oder vielmehr zu Propagandazwecken gebrauchen.

Man könnte also sagen, die documenta ist ein gesponsertes Modell der Welt und der neuesten Ideen, in gebündelter Form?

Die documenta ist ein komplexes System der Erzeugung von Bedeutungen und der Manifestierung einer Kulturpolitik. Manchmal ist es schwer zu sagen, ob sie mehr das eine oder das andere ist. Dieses Format trägt gewisse innere Widersprüche in sich. Man kann die documenta mit Worten beschreiben, die sich gegenseitig ausschließen. Und das bedeutet keineswegs, dass sie falsch oder unpassend wären.

Welchen Eindruck nimmt der Einzelne aus der Konfrontation mit dieser Masse an Kunstwerken mit? Nicht aus der Sicht des gewöhnlichen Kunstliebhabers, sondern des Experten?

Ich bin von der documenta mit einer positiven intellektuellen Verblüffung abgereist. Die vorgeschlagenen Themen, die Art und Weise, wie sie auf die Ausstellung übertragen wurden, die zentralen Ideen – die Verbindung unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher historischer Momente, die Verbindung von Kunst und Fakten bzw. außerkünstlerischen Emanationen – waren außerordentlich interessant. All dies rief ein lebendiges Interesse an der letzten documenta hervor, das voll und ganz gerechtfertigt war.

Anna Theiss
führte das Gespräch. Sie ist Publizistin und Kunstkritikerin.

Übersetzung: Heinz Rosenau

Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2012

Links zum Thema