Ein Kino auf historischen Schichten


Neben dem Fridericianum und der Karlsaue gibt es noch einen dritten, bedeutend kleineren Veranstaltungsort der documenta: das Kasseler Programmkino Gloria.
340 Personen – nur so viele Besucher fasst das in den Jahren 1953-1954 erbaute Kino. Ursprünglich war das Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße für eine doppelt so große Besucherzahl erbaut worden, als eine der größten kulturellen Attraktionen Kassels. In den 50er-Jahren sollte das Gloria ein Symbol des Wandels sein – das Kassel der Nachkriegszeit wollte seinen Einwohnern Unterhaltung und moderne Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bieten. Das neue Kino war als ein zwar exklusiver, doch gleichzeitig für möglichst viele Besucher zugänglicher Ort konzipiert worden. Die 20er-Jahre, als die Städte im Schwange der Moderne mit den Errungenschaften der Neuzeit, mit Warenhäusern und Kinos anschwollen, waren lange vorbei. Das Gloria sollte weniger ein Symbol des technischen Fortschritts als vielmehr ein lebendiger Teil Kassels und ein funktionales Gebäude im Zentrum der Stadt sein. Die fast 700 Zuschauer, die im Februar 1954 die erste Vorstellung besuchten (Paul Martins Komödie Die Privatsekretärin aus dem Jahr 1953) waren ein Beweis dafür, dass die Stadt und ihre Einwohner nur zu gern bereit waren, das Trauma des Zweiten Weltkrieges abzuschütteln. Umso mehr, als das moderne Lichtspielhaus auf den Trümmern zweier Wohngebäude entstanden war, die am 22. Oktober 1943 bei Luftangriffen zerstört worden waren.
Seine heutige Gestalt erhielt das Kino bei einem Umbau in den 80er-Jahren. Die Zahl der Sitze wurde drastisch reduziert, doch wie durch ein Wunder blieben die monumentalen architektonischen Ornamente aus den 50er-Jahren und ein Teil der Innenausstattung, einschließlich eines imposanten Kronleuchters, erhalten.
Was hat die Kuratoren der dOCUMENTA (13) dazu bewogen, diesen Raum mit Kunst zu füllen? Warum bedient sich eine Veranstaltung, die im Laufe von 100 Tagen 750 000 Besucher anzieht, eines zwar stilvollen, doch geradezu mikroskopisch kleinen Kinos? Die Wahl dieses Veranstaltungsorts ist nicht nur eine stilistische, sondern auch eine inhaltliche Entscheidung. Die documenta ist eng mit der Geschichte der Stadt Kassel verknüpft, sie ist die älteste globale Kunstausstellung überhaupt. Die erste documenta fand 1955 statt, ungefähr zur selben Zeit, in der auch das Kino Gloria entstand. Mit der Entscheidung für das Gloria besinnt sich die documenta gewissermaßen auf ihre eigenen ästhetischen und sozialen Wurzeln zurück. Man kann das Kino Gloria auch als ein Miniaturmodell der documenta betrachten: Ein sich ständig veränderndes, modernisierendes Gebilde, das jedoch gleichzeitig eine enge Verbindung zur Stadt und eine eigene, unverwechselbare Identität bewahrt.
Publizistin, Kunstkritikerin
Übersetzung: Heinz Rosenau
Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2012








