dOCUMENTA (13)

Hund. Ein Sonderprojekt

Dog Project, design Leftloft, copyright dOCUMENTA13

Der offizielle Kalender der dOCUMENTA (13) enthält Bilder von Hunden unterschiedlicher Künstler. Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin dieser weltweit bedeutendsten Veranstaltung für zeitgenössische Kunst, behauptet, dies habe einen tieferen Sinn. Ein Scherz?

„Liebe Carolyn, es tut mir leid, ich habe keinen einzigen Hund. Ich habe Asthma, das ist noch am ehesten so etwas wie ein Haustier. Alles Liebe, AC” - schreibt der mexikanische Konzeptkünstler Abraham Cruzivillegas in einer Mail an die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13). Dies ist eine von etwa einem Dutzend Absagen, die Carolyn Christov-Bakargiev erhalten hat. Neben Cruzivillegas mussten auch die in Deutschland lebende georgische Bildhauerin Thea Djordjadze und der finnische Experimentalfilmer Mika Taanila bei der Hundefrage passen. Auf den 18 Seiten des documenta-Kalenders für die Monate April 2011 bis September 2012 sind Fotografien von Hunden (und ausnahmsweise auch zwei Katzen) abgedruckt. Sämtliche Tiere wurden von ihren Besitzern, unterschiedlichen Künstlern und Kulturschaffenden, fotografiert. Bereits hier stellt sich die Frage nach dem Status dieser Bildersammlung. Wird der Kalender durch die Tatsache, dass die abgebildeten Fotografien von Künstlern angefertigt wurden, zu einem Kunstwerk? Handelt es sich um ein eigenständiges Projekt oder lediglich um Werbematerial?

Dog Project, design Leftloft, copyright dOCUMENTA13

Der Hundekalender wird auf der offiziellen Internetseite der dOCUMENTA (13) als „Sonderprojekt” geführt. Zusammen mit dem Link, unter dem man ihn sich herunterladen und ausdrucken kann, erhalten wir einen ersten Interpretationshinweis: „Der 18-Monats-Kalender zeigt verschiedene Hund-Mensch und zwei Katzen-Mensch-Beziehungen, die zugleich hinter die Kulissen der heutigen Kunstwelt blicken lassen und aufzeigen, was derartige Beziehungen über unsere vielgestaltigen Universen aussagen”. Uff! Ein Blick auf die 18 Kalenderseiten belegt, dass diese Versprechen auch eingelöst werden: „Wie können wir eine Allianz schmieden zwischen der fortgeschrittensten Recherche und den ältesten Formen des Wissens?” - wird neben der Fotografie eines Golden Retrievers (dem Hund des indischen Filmemachers und Videokünstlers Amar Kanwar) gefragt, dessen Maul auf einem Buch mit chemischen Formeln ruht. Auch die übrigen Fragen, die Carolyn Christov-Bakargiev in ihrem Kalender stellt, sind von nicht geringer Bedeutung: „Was wird von uns übrig bleiben?”, „Was sind die überschwänglichen Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Körpern?”, „Was kann die documenta leisten?”. Jede dieser Fragen wäre ein Thema für ein ganzes Ausstellungsprojekt oder für eine wissenschaftliche Abhandlung in einer documenta-Publikation. Und doch hat sich die künstlerische Leiterin der Ausstellung dazu entschieden, diese Fragen auf eine überaus witzige Weise zu stellen. Weshalb?

Dog Project, design Leftloft, copyright dOCUMENTA13 Erstens zerstört Christov-Bakargiev nimmt sie der Veranstaltung damit ganz bewusst etwas von ihrem künstlerischen Nimbus. Indem sie die Künstler nicht anhand ihrer Werke, sondern anhand ihrer tierischen Schützlinge vorstellt, setzt sie ein klares Statement: Der moderne Künstler ist kein Genie mehr, das als Kind von den Musen geküsst wurde, sondern ein Mensch, der in einem Netz von Beziehungen lebt. Darunter auch so einfacher Beziehungen, wie zu seinem Haustier und zu seinen Nachbarn, die er kennenlernt, wenn er mit seinem Hund spazieren geht. Die Kunst hat keine Legitimation mehr, sich von oben herab, aus der Distanz zu äußern, Künstler können nicht mehr außerhalb der Realität leben. Zweitens ist der Hundekalender wohl auch eine hintergründige Antwort auf die Boulevardisierung der Kunstwelt. In einer Zeit, in der die Medien aufmerksam jeden Schritt des chinesischen Künstlers Ai Weiwei verfolgen und die Regenbogenpresse sich über die Exzentrizitäten eines Jeff Koons oder eines Damien Hirst und über die für ihre Werke erzielten Preise echauffiert, ist die Präsentation des eigenen Haustiers auch ein Spiel mit der Zurschaustellung des eigenen Privatlebens. Und nicht zuletzt ist der Kalender auch ein Seitenhieb auf die Kommerzialisierung der Kunst, die nicht mehr ausschließlich Kunstwerke produziert, sondern auch Gadgets: Tragetaschen, Mousepads oder Kugelschreiber, die sich Ausstellungsbesucher überall auf der Welt gegenseitig aus den Händen reißen.

Ein weiteres Mal demonstriert die documenta ihren Avantgarde-Charakter. Und ihre künstlerischen Leiter scheuen auch vor den subversivsten Ideen nicht zurück.

Text: Anna Theiss
Publizistin, Kunstkritikerin

Übersetzung: Heinz Rosenau

Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2012

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