dOCUMENTA (13)

Die Rückführung des Films auf die Zeichnung

Ohne Titel, Filmstill: Stereoscope, mit freundlicher Genehmigung von Rubell Family Collection, copyright William Kentridge

Obwohl er sich selbst wie ein Besucher aus der Dritten Welt vorkommt, der vom Wagen aus Bananen verkauft, eroberte William Kentridge doch 2010 New York. In diesem Jahr werden seine Arbeiten auf der dOCUMENTA (13) zu sehen sein.

Seine internationale Karriere begann vor vierzehn Jahren auf der documenta X. Bevor er sich jedoch einen Namen in der Kunstwelt machte, hatte dieser überaus vielseitige Künstler einen ungewöhnlichen Weg zurückgelegt. Der 1955 in Johannesburg als Nachfahre litauischer Juden geborene Kentridge studierte zunächst Politik und Afrikanistik, bevor er sein Kunstdiplom an der Johannesburg Art Foundation erwarb. Seine künstlerische Ausbildung setzte er in den 80er-Jahren an der L'École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq in Paris fort, wo er Pantomime und Theater studierte. Obwohl das Studium – wie er selbst zugibt – eher Zweifel an seinem schauspielerischen Talent aufkommen ließ, arbeitete er lange Jahre als Schauspieler und Regisseur an der Junction Avenue Theatre Company in Johannesburg. Seine Faszination für das Theater ist auch in seinen späteren Werken deutlich spürbar.

Dasselbe gilt auch für seinen familiären Hintergrund: Kentridges Großmutter war die erste weibliche Anwältin in Südafrika und die zweite innerhalb des Commonwealth, sein Vater Sydney Kentridge war einer der wichtigsten Anwälte im Widerstand gegen die Apartheid – unter anderem verteidigte er Nelson Mandela. Und auch wenn das Thema der Rassentrennung und ihrer Folgen in den Arbeiten Kentridges nie direkt angesprochen wird, so ist es in seinem Schaffen doch stets präsent. Kentridge selbst erklärt dies folgendermaßen: “Ich habe niemals versucht, Illustrationen von Apartheid zu machen, aber meine Zeichnungen und Filme sind sicherlich durch diese brutale Gesellschaft motiviert und werden von ihr genährt. Mich interessiert politische Kunst, mich interessiert die Ambivalenz, der Widerspruch, unvollendete Gesten und unsichere Ausgänge. Eine Kunst (und eine Politik), wo sich sowohl der Optimismus als auch der Nihilismus in Grenzen hält.”

Kentridges politische Kunst nimmt viele unterschiedliche Formen an: Obwohl er vor allem für seine Zeichnungen und Filme bekannt ist, schuf er in den letzten Jahren auch Buchillustrationen, außergewöhnliche Installationen (die nicht selten an Kinderspielzeug erinnern), Videos, Skulpturen und auch so ausgefallene Kunstformen wie Gobelins und Tapeten. Auch die Oper hat sich als ein ideales Ausdrucksmittel seiner vielfältigen künstlerischen Neigungen erwiesen. “Den lautesten Applaus erhielten nicht die Sänger oder das Orchester, sondern William Kentridge, der Regisseur und Mitgestalter der Bühnenbilder und Hintergrundanimationen.” – schrieb die News York Times nach der Uraufführung von Schostakowitschs Die Nase in der Metropolitan Opera.

William Kentridge
Sobriety, Obesity and Growing Old, 1991, mit freundlicher Genehmigung von Rubell Family Collection copyright William Kentridge

Die Oper stellt eine relativ neue Qualität im Schaffen Kentridges dar. Bis dahin machte er vor allem durch seine charakteristische Filmsprache auf sich aufmerksam. Seine Filme basieren auf Kohlezeichnungen, denen er neue Elemente hinzufügt, wieder ausradiert und neu zeichnet – indem er jeden Schritt filmisch aufzeichnet, erzeugt er die Illusion von Bewegung. Ausgehend von einer ersten groben Skizze, die als ein Gerüst für die nachfolgenden Änderungen dient, lässt Kendridge seine animierten Palimpseste entstehen. Bisweilen verstärkt er diesen Effekt noch durch den Einsatz roter oder blauer Pastellfarben. „Das Faszinierende an den Filmen von William Kentridge ist nicht zuletzt, wie sie den Prozess ihrer Entstehung sichtbar machen. Da er seine Bilderwelten erschafft, indem er zeichnet, filmt, radiert und abermals filmt – anstatt eine Reihe von Einzelbildern zu zeichnen oder digital zu gestalten – bin ich mir seiner Mittel und sogar seiner Bewegungen bewusst. Es war Kentridges Genie, zu zeigen, wie die Unmittelbarkeit des Zeichnens der Mittelbarkeit der kamerabasierten Kunst widerstehen kann.” – schrieb Janet Koplos in Art in America.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die neun Animationsfilme, die er unter dem charakteristischen Titel 9 Drawings for Projection zusammenfasste. Den Anfang der Serie machte 1989 der aufsehenerregende Kurzfilm Johannesburg, 2nd Greatest City After Paris, später folgten Monument (1990), Mine (1991), Sobriety, Obesity & Growing Old (1991), Felix in Exile (1994), History of the Main Complaint (1996), Weighing and Wanting (1998), Stereoscope (1999) und Tide Table (2003). In all diesen Filmen präsentiert Kentridge seinen Geburtsort auf eine ebenso poetische wie beklemmende Weise. Häufig bringt er sich auch selbst in die Geschichten um seine beiden Protagonisten Soho Eckstein and Felix Teitlebaum ein. Ohne die Apartheid direkt zu zeigen, porträtiert er Johannesburg als einen Ort extremer sozialer Spannungen und der Auseinandersetzung zwischen Anarchie und Bourgeoisie.

Kritiker erblicken in Kentridges Schaffen Ähnlichkeiten mit den Werken Francisco de Goyas. Er selbst bevorzugt jedoch den Vergleich mit Tadeusz Kantor oder Bruno Schulz. „Die Polnische Schule der Plakatkunst, die ich in den 80er-Jahren für mich entdeckt habe, hat mich stark beeinflusst. Auch Tadeusz Kantor, dessen Stück Die Künstler sollen krepieren ich auf einem Festival in Berlin – ich glaube es war 1968 – gesehen habe, war für mich wichtig. (…) Grundlegend für mein Schaffen waren auch die Übersetzungen polnischer Lyriker wie Miłosz, Herbert, Zagajewski oder Szymborska. Vor vier Jahren erschien in New York eine bibliophile Ausgabe meines Buchs Reverse, für das ich sieben meiner Lieblingsgedichte von Wisława Szymborska ausgewählt und illustriert habe. Außerdem schätze ich Ryszard Kapuściński als einen der wenigen Autoren, die – vor allem in König der Könige – der Wahrheit über Afrika nahe gekommen sind.” – erklärte Kentridge in einem Interview mit Zbigniew Basara von der Gazeta Wyborcza.

Das vergangene Jahr war für William Kentridge äußerst ereignisreich: Neben seinem Operndebüt präsentierte er seine Werke im Rahmen der Eröffnung des von Zaha Hadid entworfenen MAXXI-Museum in Rom, erhielt den Kyoto-Preis in der Kategorie Kunst und Philosophie und gestaltete ein Plakat für die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Außerdem wurden seine Werke im Museum of Modern Art in New York, im Museo de Arte Contemporáneo in Oaxaca sowie in renommierten Galerien in Moskau und Budapest ausgestellt. Ein Jahr zuvor waren seine Arbeiten in der Wiener Albertina und im Pariser Louvre zu sehen – und in diesem Jahr auf der dOCUMENTA (13). Es sieht ganz so aus, als sei Kentridge ein Künstler, dem bereits zu Lebzeiten das Prädikat „groß“ verliehen wird. Vielleicht weil er eine Kunst schafft, die sich mit schwierigen Themen auseinandersetzt und gleichzeitig – wie es der Guardian-Journalist Adrian Searle, einer der weltweit bekanntesten Kunstkritiker, formulierte – „so fesselnd, so verblüffend und so unverortbar ist, dass sie wirklich erfrischend wirkt.“

Text: Agnieszka Kozak
Publizistin

Copyright: Goethe-Institut Polen
Februar 2012

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