dOCUMENTA (13)

Surrealismus als ein Weg zur Heilung der Seele



Alejandro Jodorowsky ist ein „totaler” Künstler, der die Kunst ganz im Sinne der Romantik als seine Mission betrachtet. Seine surrealistischen, monumentalen Filmwerke sind auch heute noch so lebendig, dass ihm eine zentrale Rolle bei der dOCUMENTA (13) zukommen wird. Auch eines der Notizbücher aus der Reihe 100 Notizen – 100 Gedanken ist dem chilenischen Künstler gewidmet.

Seine Filme lösten Skandale aus, man erklärte ihn für ehrlos, beschuldigte ihn der Bilderstürmerei, des Tabubruchs und des Wahnsinns. Man warf ihm Manieriertheit und barocken Schwulst vor. Seine Kritiker vertreten die Ansicht, seine Werke haben das Genre des surrealistischen Films lediglich gestreift, es jedoch nicht wirklich weiterentwickelt. Seinen Fans gilt er nicht nur als ein bedeutender Film- und Theaterregisseur, sondern auch als ein Guru, der sich durch eine Reihe von Initiationen nahezu übermenschliches Wissen erworben und dieses Wissen in die Sprache des Films übersetzt hat. Tatsächlich jongliert der New-Age-Mystiker Jodorowsky mit den Traditionen des jüdisch-christlichen Glaubens und des Buddhismus sowie mit Symbolen des präkolumbianischen Amerikas.

Eine Ikone des unangepassten Denkens

Die Globalisierung hat uns mit den seltsamsten Zusammenstellungen vertraut gemacht, und die Welt der Reklame hat all jene Inhalte für sich vereinnahmt, die uns einst exotisch und unerreichbar erschienen. In den 60er- und 70er-Jahren jedoch, als der 1929 geborene Jodorowsky seine bedeutendsten Projekte realisierte, hatte die Überschreitung kultureller Grenzen noch den Beigeschmack der Sensation, galt als innovativ und bahnbrechend. Aus diesem Grund wurde Jodorowsky zu einer Ikone der Gegenkultur. Zu seinen Anhängern und Unterstützern zählten u. a. John Lennon und Yoko Ono. Auch Peter Gabriel, der bereits mit Jodorowsky zusammenarbeitete, erklärte seine Begeisterung für die visionäre Kraft des Regisseurs. Jodorowsky fügte sich ohne jegliche Ironie in die Rolle eines spirituellen Lehrers, auch wenn er sich in Interviews gern ein wenig unernst gibt und sich von diesem Titel distanziert. Seine mehrdeutigen, emotionalen Äußerungen sind als Angriffe auf das bestehende Weltbild konzipiert. Vielleicht sind dies die Gründe dafür, dass die Organisatoren der documenta, die traditionell eine Bastion des unangepassten Denkens und ein Angriff auf die herrschende Kunstordnung ist, sich auf die Künstlerlegende Alejandro Jodorowsky zurückbesannen.



Die Schock-Doktrin

Jodorowskys Laufbahn reiht sich in die großen künstlerischen Abenteuer des 20. Jahrhunderts ein. In seiner Jugend kam er mit all den avantgardistischen Strömungen und spirituellen Lehren in Berührung, mit denen die intellektuellen und künstlerischen Eliten in Westeuropa und Nord- und Südamerika zu jener Zeit experimentierten. Noch während seiner Zeit in Chile gründete er eine Pantomimengruppe, mit der er 1953 sein erstes Stück Der Minotaurus (El Minotauro) aufführte. Schon bald darauf reiste er nach Paris, um dort mit den bedeutendsten Pantomimen seiner Zeit zusammenzuarbeiten: Étienne Decroux und Marcel Marceau. Später begründete er gemeinsam mit Roland Topor und Fernando Arrabal die Panik-Bewegung (Mouvement Panique), in der er seine Experimente mit unterschiedlichen Darstellungsformen fortführte. Die Grundsätze der Panik-Bewegung – Terror, Humor und Spontanität – knüpften an die künstlerischen Strategien der Filme von Luis Buñuel und des von Antonin Artaud gegründeten Theaters der Grausamkeit an. In den folgenden Jahren inszenierte Jodorowsky die Stücke der führenden Autoren des modernen Theaters: Samuel Beckett, Eugène Ionesco, August Strindberg und Leonora Carrington. Und obwohl er auch als Mainstream-Regisseur erfolgreich war, entwickelte er sein experimentelles Potenzial auch in unabhängigen Produktionen weiter. Im Rahmen der Panik-Bewegung veranstaltete er Happenings, bei denen er Gänsen die Kehle durchschnitt, Hühner kreuzigte und die Zuschauer mit lebenden Schildkröten und Nahrungsmitteln bewarf. Ergänzt wurden diese Performances durch Artefakte mit religiöser und sexueller Konnotation. Das primäre Ziel war es, das Publikum zu schockieren.

Multidisziplinarität

Die dramatische Intensität und der szenische Gestus fanden auf natürliche Weise Eingang in Jodorowskys Filmschaffen. Die drei großen Produktionen, die er in den 60er- und 70er-Jahren realisierte, zeichnen sich durch ihre hitzige Bildersprache und ihre dichte Symbolik aus. Mit ihnen spaltete der Regisseur sein Publikum in glühende Anhänger und erbitterte Gegner. Unabhängig von ihrer Bewertung sind sie ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie die Sprache des Kinos zum Ausdrucksmittel hermetischer Visionen und spiritueller Offenbarungen gemacht werden kann. So zum Beispiel in Fando y Lis (1968), der Verfilmung eines Theaterstücks von Fernando Arrabal, in dem sich ein junges Paar – die beiden Titelhelden Fando und Lis – auf die Suche nach der mythischen Stadt Tar begibt. Der Film fiel der Zensur zum Opfer, nachdem er einen Skandal auf dem Acapulco Film Festival ausgelöst hatte. In Mexiko wurde er aufgrund seiner antikolonialistischen Tendenzen vollständig verboten.

Trotzdem verschaffte Fando y Lis Jodorowsky eine Popularität, die ihm die Realisierung weiterer Projekte ermöglichte. Das Motiv der Reise auf der Suche nach Kraft und spiritueller Erleuchtung wurde in Jodorowskys nächstem Film, dem mystischen Western El Topo (1970), weiterentwickelt. Seine Kritiker sahen in El Topo einen Ausdruck von Machismus, Sexismus, Voyeurismus und unverhohlener Misogynie. Die politische Linke feierte ihn als eine schonungslose Dekonstruktion der postkolonialen politischen Ordnung in Nord- und Südamerika, die auf Rassismus und wirtschaftlicher Ausbeutung beruhte. Montana Sacra – Der heilige Berg ist das bekannteste Werk des chilenischen Regisseurs. Der Film ist ein satirischer Bilderbogen, dessen Struktur an die biblische (apokryphe) Schilderung der Pilgerreise Jesu nach Jerusalem angelehnt ist. Der Film löste nicht nur aufgrund seiner naturalistischen Darstellung von Gewalt und Perversion heftige Kontroversen. Ebenso extrem wie Jodorowskys filmische Botschaft war auch seine Arbeit mit den Schauspielern. Die Produktionsvorbereitungen bestanden aus einem mehrmonatigen Fasten und verschiedenen okkulten Ritualen. Der Regisseur stellte sich und sein Team auf die Probe. Aus diesem Grund ist Montana Sacra – Der heilige Berg nicht nur ein filmisches Kunstwerk, sondern auch das Dokument eines kollektiven Experiments, einer Überschreitung von Grenzen und einer invasiven Therapie, die bis hin zu psychotischen Zuständen führen kann. Klingt – von Letzterem vielleicht abgesehen – wie das Rezept für eine moderne und progressive kuratorische Strategie. Mehr zum Thema Alejandro Jodorowsky und seiner Beziehung zur bildenden Kunst und zur dOCUMENTA (13) erfährt man im Notizbuch Nr. 014 aus der Reihe 100 Notizen – 100 Gedanken.

Text: Lidia Pańków
Publizistin

Übersetzung: Heinz Rosenau

Copyright: Goethe-Institut Polen
Februar 2012