dOCUMENTA (13)

Alternatives Lernen

Mobile Acadamy Warsaw, plakat, 2006Wissenserwerb ist in. Vor allem wenn man sich dieses Wissen auf unkonventionelle und attraktive Weise, fernab von erdrückenden Hörsälen aneignen kann. Dies beweisen Projekte wie zum Beispiel das im Rahmen der dOCUMENTA (13) organisierte Antiuniversity Research Project.

Olaf Breuning, Skeletons, Mobile Academy

Initiator des Projekts ist der dänische Künstler und Aktivist Jakob Jakobsen. Sein Projekt verweist unmittelbar auf die Tradition der Antiuniversity of London, die in den 60er-Jahren aus dem Widerstand gegen die institutionalisierte, vom Staat abhängige und partikulären Zielen dienende Universitätslehre entstand. Ihr Ziel war die Förderung des Individuums, die Erweiterung des Bewusstseins und die Entwicklung alternativer Denkweisen. Alternative Universitäten wurden unter verschiedenen Namen in ganz Europa gegründet: die Kritische Universität in Deutschland, die Negative Universität in Italien und die Freie Universität in New York.

Sie alle verfolgten einen ähnlichen Ansatz: Es ging um die Erweiterung des Wissens zur Überwindung sozialer Barrieren und zur Förderung und Verbesserung des menschlichen Lebens. Sie protestierten gegen die kapitalistische Beschränkung des Wissenszugangs und gegen die Ausrichtung der Lehre auf die Bedürfnisse des Staates. Sie stellten die traditionelle Schüler-Lehrer-Beziehung infrage und kehrten diese Rollen einfach um. Das Umfeld der Antiuniversität (eine der Teilnehmerinnen war zum Beispiel Yoko Ono) verwandelte sich mit der Zeit in eine Art wissenschaftliche Kommune.

Jakobsen will mit seinem Projekt an die Idee der Antiuniversität erinnern und die Diskussion um moderne Formen der Wissensvermittlung wieder aufleben lassen. Also eines jener Themen, denen die Macher der dOCUMENTA (13), die ganz im Zeichen des Ideenpluralismus und der Dekonstruktion wissenschaftlicher Systeme steht, besonderes Augenmerk widmen.

Urbanes Wissen

Die Idee einer institutionsfreien Wissensvermittlung und wissenschaftlichen Diskussion ist in letzter Zeit äußerst populär geworden und gewinnt immer mehr Anhänger. Alternatives Lernen ist einfach in und wird immer mehr zu einem Teil der städtischen Off-Kultur. Wie attraktiv Wissen sein kann, zeigen unter anderem die TED-Konferenzen, die den Beweis dafür liefern, dass auch die kompliziertesten und originellsten Konzepte keiner langen und breiten Vorträge bedürfen und sich neue Ideen auch auf eine leichte, humorvolle und spannende Weise „verkaufen“ lassen.

Das Rezept ist ganz einfach: Wissenschaftler, Designer und Geschäftsleute sprechen über Themen aus den Bereichen Technologie, Entertainment und Design (daher auch der Name TED). Den Rednern stehen jedoch nur wenige Minuten zur Verfügung, um ihre Inhalte an das Publikum zu bringen – also ziehen sie sämtliche Register, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln. Ein charakteristisches Merkmal der TED-Konferenzen, die in den USA Hunderte von Zuschauern anziehen und auf denen die Redner wie Rockstars gefeiert werden, sind zweifellos ihre nicht alltäglichen Auftritte. Anstelle von langweiligen Vorträgen, weitschweifigen Erläuterungen und komplizierten technischen Analysen gibt es lebendige, kurze und humorvolle Präsentationen, die mit zahlreichen Beispielen, Bildern und Filmen illustriert sind.

Ebenso wichtig wie die Inhalte sind das Charisma und die Persönlichkeit des Vortragenden. Und hier kommen wir zu einem weiteren charakteristischen Merkmal der TED-Konferenzen: Auf der seit 25 Jahren in Kalifornien stattfindenden internationalen Konferenz nehmen die bedeutendsten Vertreter ihres jeweiligen Faches teil, u. a. James Cameron, Bill Gates, Al Gore, Steve Jobs, Bono, Stephen Hawking und Gordon Brown.

Mücken gefällig?

Kein Wunder also, dass die Konferenzen keinerlei Ähnlichkeit mit langweiligen wissenschaftlichen Kongressen haben, sondern Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau bieten. Es mangelt nicht an Attraktionen: Hans Rosling, ein Experte für medizinische Statistiken, betätigte sich gegen Ende seiner Präsentation als Schwertschlucker, und Bill Gates ließ inmitten seines Vortrags über Malaria plötzlich einen Mückenschwarm auf die Zuschauer los.

Bill Gates auf der Konferenz TED. Um den Vortrag zu hören, drücken Sie bitte auf das Bild

Leider ist die Teilnahme an der TED nur einem exklusiven Kreis vorbehalten. Wer die Konferenz in Long Beach selbst miterleben möchte, muss eine Teilnahmegebühr von 6000 Dollar bezahlen und darüber hinaus gute Reflexe haben, da die Eintrittskarten in der Regel innerhalb weniger Stunden ausverkauft sind. Aus diesem Grund werden jedes Jahr überall auf der Welt sogenannte TEDx-Konferenzen organisiert, die auf der TED-Lizenz basieren und nach demselben Muster ablaufen. Seit Kurzem finden solche Veranstaltungen auch in Polen statt, unter anderem in Posen, Gdynia, Łódź und Warschau. Im Gegensatz zu ihren westlichen Vorbildern haben die polnischen TEDx-Konferenzen eher geisteswissenschaftlichen als technologischen Charakter. Dennoch erfreuen sich auch diese innovativen Konferenzen großen Interesses: Die bisherigen Veranstaltungen wurden von mehreren Hundert Besuchern vor Ort und mehreren Tausend Zuschauern im Internet verfolgt.

Vom Diskurs zum privaten Narrativ

Mobile Acadamy Warsaw, plakat, 2006Auch die Veranstalter des „Schwarzmarkts für nützliches Wissen und Nichtwissen“ konnten sich über mangelndes Zuschauerinteresse nicht beklagen. Diese Veranstaltung wurde 2005 und 2006 in Warschau von der Mobilen Akademie organisiert, die ähnliche Projekte in der ganzen Welt durchführt (die 15. Ausgabe des „Schwarzmarkts“ wird im September dieses Jahres in Bern stattfinden). Die Veranstaltungen der Mobilen Akademie bieten den Besuchern die Möglichkeit, sich auf ungewöhnliche Weise mit Expertenwissen vertraut zu machen. Für nur 2 Złoty konnten sich die Teilnehmer ein halbstündiges Gespräch mit diversen Experten – Künstlern, Kritikern, Journalisten, Schauspielern, Regisseuren und Wissenschaftlern – reservieren. Wer nicht den Mut zu einer persönlichen Begegnung mit den Experten aufbrachte, konnte den Gesprächen auch als Zuhörer beiwohnen. Jeder der 100 teilnehmenden Experten (u. a. Paweł Althamer, Bartek Chaciński, Magdalena Cielecka, Grzegorz Jarzyna und Dorota Masłowska) empfing seine „Schüler“ zu einem privaten Gespräch, in dem er ihnen sein spezielles Fachwissen vermittelte. Auf diese Weise verwandelten sich theoretische Diskurse oder spezifische Wissenskontingente in persönliche Narrative und private Gespräche, die eine Alternative zu den traditionellen Vorlesungen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen darstellen.

Logo Wolny Uniwersytet Warszawy - die Freie/Langsame Universtität WarschauNoch eine andere Form der Antiuniversität ist die virtuelle Freie/Langsame Universität Warschau, ein „nomadisches Zentrum für interdisziplinäre Studien, kritische Reflexionen und unabhängiges Denken über Kunst und Gesellschaft“. In der Gründungserklärung heißt es, die Universität solle parallel zu den offiziellen Kunsthochschulen und Universitäten funktionieren. Ihr Prinzip beruht auf der Verbindung von Theorie und Praxis sowie von Kultur und sozialem Kontext. Der „Lehrplan“ der Universität besteht aus einer Reihe von Veranstaltungen und künstlerischen Aktionen zum Thema Bildung in der Kunst und durch die Kunst: Performances, Aktionen im öffentlichen Raum, Workshops, Diskussionen, Filmvorführungen, Seminare und Vorträge.

Text: Sylwia Kawalerowicz
Chefredakteurin des Magazins „Aktivist“

Übersetzung: Heinz Rosenau

Copyright: Goethe-Institut Polen
Juli 2012
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