Krimis im Fokus

Für jeden etwas - der deutsche Kriminalroman

Nach langen erfolglosen Jahren, in denen der Kriminalroman als anspruchslose Lektüre abgetan wurde, erlebt dieses Genre zuletzt in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine wahre Renaissance.

Inzwischen ist das Schreiben und Lesen von Krimis geradezu eine Mode geworden, und zwar in sämtlichen Teilen der Gesellschaft. Die deutschen Verlage wissen diese Mode für sich auszunutzen und geben massenweise Krimis in allen möglichen Buchformaten (und entsprechenden Preiskategorien), als Hörbücher und immer häufiger auch als E-Books heraus.
Der deutschsprachige Kriminalroman ist außerordentlich vielfältig, sowohl hinsichtlich seiner Themen und Schauplätze als auch hinsichtlich seines Zielpublikums.

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Themen

Neben den klassischen Kriminalromanen finden sich auch Thriller und Psychodramen sowie die typischen Trivialkrimis. Doch es gibt auch zahlreiche literarisch ambitionierte Krimis für eine anspruchsvolle Zielgruppe.
Nicht nur erwachsene, sondern auch junge Leser finden ihre Autoren, denn es mangelt nicht an Detektivromanen für Kinder und Jugendliche. Alljährlich werden renommierte Literaturpreise für die besten Kinder- und Jugendkrimis verliehen.
Nicht selten finden sich in der deutschen Literatur auch Beispiele hoher Literatur mit kriminalistischen Elementen, die dadurch auch bisweilen als eine Mischform angesehen wird.

Unter den deutschsprachigen Krimiautoren sind die Frauen fast ebenso stark vertreten wie die Männer. Allein schon die Grande Dame der deutschen Krimiszene Ingrid Noll tritt den Beweis an, dass es auch in Deutschland würdige Nachfolgerinnen Agatha Christies gibt. Diese haben sich in der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen mit dem reizvollen Namen „Mörderische Schwestern“ zusammengeschlossen, die neben der traditionellen Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur „Syndikat“ existiert.

Die deutschsprachigen Krimileser bilden eine äußerst interessante Zielgruppe. Der wohl bekannteste deutsche Krimikritiker, Thomas Wörtche, gibt an, dass es im deutschsprachigen Lesegebiet ein Publikum von jeweils ca. 10.000 Lesern für sämtliche spezialisierten Subgenres der Kriminalliteratur gibt. Der Krimi ist wohl das einzige literarische Genre, das so unterschiedliche Leseinteressen zu bedienen vermag.

Auch für polnische Verleger lohnt sich ein Blick auf den deutschen Krimibuchmarkt, sowohl für jene, die auf der Suche nach interessanten Übersetzungslizenzen sind, als auch für jene, die eigene Titel auf dem ausländischen Buchmarkt anbieten möchten.

Schauplätze

www.colourbox.comBesonderer Popularität erfreut sich die regionale Thematik: Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt wimmelt es von Stadtkrimis, die in Frankfurt, Berlin, München oder Wien spielen, von Eifelkrimis, Ruhrgebietskrimis oder auch Krimis aus weitgehend unbekannten Kleinstädten und Regionen. In ganz Deutschland existieren solche „literarisch-kriminalistischen” Schauplätze, die inzwischen sogar zu einer Landkarte des deutschen Detektivromans zusammengefasst wurden. Es scheint, als manifestiere sich in der Kriminalliteratur des deutschsprachigen Raums das in Mitteleuropa zuletzt so populäre Phänomen der „Literatur der kleinen Heimaten”, das in der polnischen Literatur wesentlich stärker in der Belletristik vertreten ist (langsam jedoch fängt dieses Motiv eine Rolle auch im polnischen Krimiroman zu spielen). Ein Krimischauplatz besonderer Art ist Berlin, die Stadt der Schriftsteller und der jungen literarischen Szene. Ganz in der Tradition des nach dem Fall der Mauer entstandenen „Berlinromans”, spielen die meisten dieser Krimis in der Welt der Politik. Viele von ihnen bieten einen ausgezeichneten Kommentar zu den aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa. Nicht minder interessant – wenn auch nicht so nah an der großen Politik – ist Bayern mit seiner Hauptstadt München. Hier begegnen wir waschechten Bayern und ihrer Kultur. Durch den Blick über die Schulter der typisch bayrischen Ermittler erfahren wir, wie sehr und wodurch sich diese – auch ihrem eigenen Selbstverständnis nach – von den übrigen Einwohnern Deutschlands unterscheiden. Doch der deutsche Krimi überschreitet auch kühn regionale und nationale Grenzen, bevorzugt in Richtung Mittelmeerraum. Nicht wenige deutsche Kriminalromane spielen in Italien oder auch in Spanien und versetzen so ihre Leser in Urlaubsstimmung. Auch die nördlichen Länder Europas, wie Skandinavien oder Russland, dienen den deutschsprachigen Autoren als Krimischauplätze. In einigen seltenen Fällen überquert das Genre sogar die Oder-Neiße-Grenze und taucht – nach Art eines modernen deutschen Krimihelden – für kurze Zeit in Kattowitz auf, um gleich wieder nach Berlin zurückzukehren.

Zeitbezug

Die meisten deutschen Kriminalromane spielen in der Gegenwart, doch auch die nahe Vergangenheit der deutschen Teilung oder die etwas weiter zurückliegende Zeit des Nationalsozialismus spielen eine wichtige Rolle. Viele dieser Romane sind ein besonderer Ausdruck der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Doch der zeitgenössische deutsche Kriminalroman kommentiert nicht nur die politischen Verhältnisse, sondern auch Medienereignisse mit kriminellem Hintergrund, wie Entführungen oder Familientragödien. Von besonderem Interesse ist hierbei der soziale Aspekt, die Schilderung der sozialen Wirklichkeit in diesem Teil Europas. Großer Beliebtheit erfreut sich in Deutschland der historische Roman, auch der historische Kriminalroman. Interessanterweise spielen die meisten dieser historischen Krimis im kirchlichen Milieu. Sowohl bei weltlichen als auch bei religiös orientierten Verlagen erscheinen Krimis, die im mittelalterlichen Rom oder im protestantischen Deutschland Martin Luthers spielen. Doch auch zeitgenössische Kriminalfälle werden hin und wieder von Detektiven in Soutanen gelöst.

Ermittler

www.colourbox.comDas Spektrum der Ermittler im deutschen Kriminalroman ist ebenso breit wie das der begangenen Verbrechen. Inspektoren, Polizisten, Detektive, Rechtsanwälte, Mediatoren und manchmal auch Journalisten, Staatsbeamte oder Privatpersonen ermitteln in den unterschiedlichsten Verbrechen, die von Vertretern sämtlicher gesellschaftlicher Gruppen begangen werden. Auffällig ist hierbei der hohe Anteil von weiblichen Detektiven. Diese stehen häufig fester im Leben als ihre zumeist familienlosen – und nicht selten auch zügellosen – männlichen Arbeitskollegen. Viele von diesen Krimiheldinnen (die wenig überraschend oft der Feder von weiblichen Schriftstellern entstammen) sind Ehefrauen und Mütter, die gleichzeitig in irgendeinem Bereich der Rechtsprechung arbeiten und im Rahmen dieser Tätigkeit oder auch „in Überstunden“ die gefährlichsten Kriminalfälle lösen. Viele dieser Krimis tragen leicht feministische Züge.

Für jeden etwas

Dem allgemeinen Interesse der deutschen Leser an Kriminalromanen – das sich nach einer Blütezeit englischsprachiger Krimis zunehmend hin zu deutschen oder europäischen Titeln verschiebt – kommen auch die elektronischen Medien nach. Das Fernsehen sendet zahlreiche Kriminalfilme und -serien, die erfolgreichsten Kriminalromane sind auch als Hörbücher erhältlich, und im Internet existieren zahlreiche Seiten, Blogs und sogar Podcasts (z. B. Krimi-Couch-TV) zum Thema Kriminalliteratur. Auch die Radiosender produzieren zahlreiche Kriminalhörspiele und Sendungen zum Thema Kriminalliteratur. Das interessanteste Beispiel ist die zweimonatlich vom WDR ausgestrahlte Kultsendung „Telefonische Mord(s)beratung“, bei der drei Experten ihre Lieblingsbücher vorstellen und für jeden Anrufer den passenden Kriminalroman finden. In der wirklichen Welt gibt es zahlreiche Buchhandlungen, die sich auf Kriminalromane spezialisiert haben, sowie kleine und große Verlage, die Krimireihen herausgeben. Daneben existieren diverse Institutionen und Initiativen, die Auszeichnungen für die besten deutschsprachigen Kriminalromane vergeben und eigene Bestenlisten veröffentlichen. Die bekannteste Auszeichnung ist der „Deutsche Krimi-Preis“, dessen Preisträger alljährlich die Bestsellerlisten aufmischen.

Die Buchmessen in Frankfurt und Leipzig bieten spezielle Programme und Begleitveranstaltungen zum Thema Kriminalliteratur. Darüber hinaus gibt es in ganz Deutschland entsprechende Festivals und Fachkongresse, die oft internationalen Charakter haben. Einen großen Bekanntschaftsgrad haben das Krimifestival München und die Biennale „Mord am Hellweg” im Ruhrgebiet, die hunderte von Autoren und tausende von Lesern anziehen.

 

(September 2009)

Dr. Natasza Stelmaszyk ist Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Deutschen. Sie ist im deutsch-polnischen Verlagswesen und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen tätig, wo sie u. a. Projektseminare leitet (u.a. www.eurolit.uni-siegen.de, www.literaturfestival-siegen.de, aktuell: Europäisches Literaturfestival 2010.).

Übersetzer: Heinz Rosenau

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