Ulrich Ritzel (*1940)

Es ist ein ganzer Komplex von Elementen, der Ritzels Leser begeistert: Mit Lakonie und untrüglichem Blick fürs Groteske geschilderte Szenen aus dem Alltag deutscher Verwaltung, Bürokratiesatire vom Feinsten, komplexe, in filmischer Mehrperspektivität und Schnitttechnik durchgeführte Handlungsstränge, detailgesättigte Darstellung technischer, historischer und sozialer Zusammenhänge, plausible Auflösung ohne Happy End, eleganter, plastischer, witziger Stil.
Ritzels leitender Ermittler Hans Berndorf, zunächst Kommissar in Ulm, neuerdings Privatermittler aus dem Ruhestand, liest viel, er liebt Montaigne und Lichtenberg. Ritzels Erzählhaltung ist am subjektiven Skeptizismus dieser frühen Aufklärer trainiert. Der Autor stellt Beweise, Fakten, Erinnerungen und Taten zusammen – der Leser muss sich daraus sein Bild machen. Dass dies sich von dem des Autors kaum unterscheiden wird, ist in Ritzels Prägnanz als leiser, aber scharfer Analytiker und Satiriker begründet.
Fast sein ganzes Leben lang hat Ritzel die deutsche Provinz in aller Schönheit und Verkorkstheit studiert, fünfunddreißig Jahre davon als Reporter an Tageszeitungen. 1981 wurde er mit dem „Wächterpreis der Tagespresse“ ausgezeichnet. Seine Romane, die Ulm, den letzten Ort seines journalistischen Wirkens mal in engen, mal in weiten Kreisen umrunden, sind präzise Vivisektionen des Zeitgeists. Wer wissen will, wie die Bundesrepublik im Innersten tickt, kommt um Ritzel nicht herum.
Beifang (2009)
In seinem vielleicht besten und vielschichtigsten Roman verbindet Ritzel zwei Ereignisebenen: Die Ausplünderung und systematische Ausgrenzung der deutschen Juden vor ihrer Vernichtung während der nationalsozialistischen Diktatur und den Mord an einer jungen Frau in der Gegenwart. Verknüpft sind sie durch einen jüdischen Hochzeitsring, den die ermordete Kunsthistorikerin als Halskette trug. Ritzel verquickt genaue historische Recherche mit ernüchterter Betrachtung der heutigen schwäbischen Politikverhältnisse: Raffgier, Bereicherungswut, Betrügerei und Menschenverachtung damals wie heute.
Bei einem Verbrechen ist das
Was die Welt das Verbrechen nennt
Selten das
Was die Strafe verdient,
Sondern da ist es,
Wo unter der langen Reihe von Handlungen
Womit es sich gleichsam als mit Wurzeln in unser Leben
hinein erstreckt
Diejenige ist,
Die am meisten von unserem Willen dependierte,
Und die wir am allerleichtesten hätten nicht tun können
ist Krimiexperte, freischaffender Journalist, Literaturkritiker
und Mitglied der Jury für den Deutschen Krimipreis.
© Goethe-Institut
Januar 2011












