Polnische Literatur in deutscher Sprache? – Artur Becker im Porträt

Der Autor Artur Becker behauptet bei jeder passenden Gelegenheit, er schreibe polnische Literatur – nur eben in deutscher Sprache. Stimmt das? Goethe.de versucht, sich einer Antwort auf diese Frage im Autorenporträt anzunähern.Der 1968 in Bartoszyce in Masuren geborene, seit 1985 in Deutschland lebende Artur Becker schreibt Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte. Dabei liegen die Schauplätze seiner Werke meistens in seiner Herkunftsregion. Nur: Becker, überaus beschlagen in deutscher Geistes- und Kulturgeschichte, handhabt die deutsche Literatursprache derart virtuos, dass man ihn mit einigem Recht als deutschen Schriftsteller bezeichnen darf, und zwar als einen der besten im Lande. Dass er ein Grenzgänger zwischen Deutschland und Polen ist, wird jedem Leser seiner Werke bald klar.
Fabulierlust und Sprachkraft
Als 1997 der Roman Der Dadajsee erschien, mischte sich ein Erzähltalent höchsten Grades ins literarische Leben des Landes ein. Und hier hatte jemand sein Thema, seinen Kosmos gefunden: die Seen und Wälder, die Dörfer und Kleinstädte des nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch gewordenen Masuren, wo die Geschichte der letzten hundert Jahre besonders tiefe Narben hinterlassen hat – nicht zuletzt in den Seelen der Menschen.
Die Region ist Schauplatz seiner seit 2003 veröffentlichten Romane und seiner Novelle Die Zeit der Stinte (2006). Sollte Masuren, beziehungsweise das an der Grenze zum Oblast Kaliningrad liegende Ermland einmal nicht im Mittelpunkt seiner Erzählungen stehen – ganz ohne geht es nirgendwo, wie Onkel Jimmy, die Indianer und ich (2001) oder Die Milchstraße (2002) zeigen.
Onkel Jimmy, die Indianer und ich
In diesem vergnüglichen Schelmenroman erzählt Becker von einer ost-westlichen Odyssee: Der für Frank Zappa schwärmende sechzehnjährige Musiker Teofil Baker, seine zwei Jahre ältere, ein besseres Leben suchende Freundin und sein vor einer sicheren Gefängnisstrafe fliehender Onkel Jimmy verlassen ihr masurisches Heimatdorf Rothfließ. Sie erwarten wahre Wunder von der kanadischen Großstadt Winnipeg, in deren Einwanderer- und später Indianerviertel sie sich wacker durchzuschlagen versuchen. In prägnanten Episoden voller Heiterkeit, Melancholie und Witz erzählt Becker auf so zärtlich-melancholische wie provozierende Art vom Zusammenprall zwischen Ost- und West-Mentalität.
Onkel Jimmy macht mit allem, was ihm begegnet, reichlich dubiose Geschäfte und ist am Ende genauso pleite wie bei seiner Ankunft in der Neuen Welt. Sein etwas zielloser Neffe gründet zwar eine Musikband, bleibt aber an seiner Seite und löst sich nur allmählich von der liebenswerten Tyrannei des Onkels. Nach vielen absurd-grotesken Abenteuern kehren Teofil und Onkel Jimmy, erneut auf der Flucht, nach Rothfließ zurück: Der oft sehr komische Entwicklungsroman endet dort, wo alles begonnen hatte.
Identitätsverlust, Exil, Armut, auch die politischen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa sind wichtige Themen des Romans; zur Sprache aber kommen sie auf eine Weise, die ihren Ernst nur als wehmütiges Hintergrundsäuseln spürbar macht.
Wodka und Messer
Den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2009 erhielt Artur Becker für sein bisheriges Lebenswerk als Romancier, Erzähler und Lyriker, besonders aber für Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken. In diesem Roman, so heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung, erzähle er „spannend, kraftvoll und vielschichtig von der nach 20 Jahren in Deutschland unternommenen Reise seines … mehrfach traumatisierten Protagonisten in dessen frühere Heimat“. Dieser Protagonist, Kuba Dernicki, sucht Gerechtigkeit für seine frühere Freundin Marta, die 1981, gejagt von Geheimdienstleuten, im Dadajsee ertrank.
Das Messer, mit dem Kubas Vater einst seine Mutter erstochen hatte, soll endlich den Schuldigen an Martas Tod treffen – doch Kuba irrt herum, gefangen zwischen den durch seine Alkoholexzesse mächtig und lebendig werdenden Hirngespinsten und einer nicht recht greifbaren Wirklichkeit. Ein ganzes Dorf spielt verrückt, Bürgermeister ebenso wie Pfarrer, die einäugige Tante, ihr Liebhaber und viele andere. Beckers postbarocke Fabulierkunst entführt den Leser in eine Welt, in der die Grenzen zwischen historisch plausibler Realität und magisch verklärtem Traumreich immer mehr verwischen.
Der Lippenstift meiner Mutter
Mitten in der masurischen Seenlandschaft liegt das Städtchen Dolina Róz, das einst Rosenthal hieß. Dort herrscht eine „sozialistische Ordnung“, die „der katholischen und mittelalterlichen sehr ähnelte“. Der Leser erlebt das pralle polnische Provinzleben der späten Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive des dort heranwachsenden Bartek, dem nach der Wahrheit ebenso dürstet wie nach der Liebe respektive dem, was er dafür hält. Die schrägen Vögel, mit denen er es zu tun hat, sind allesamt vom grauenhaften Schicksalsjahrhundert Europas und speziell Polens bis ans Ende ihrer Tage gezeichnet.
Zentrum des Treibens der polnisch-deutsch-ukrainisch-jüdischen Mischpoche von Dolina Róz ist eine verstaubte Schusterwerkstatt. Der Schuster und sein buckliger Sohn, die mannstolle Tochter, die stets in Rot gekleidete stalinistische Dichterin, der beinamputierte Opa und die vom Dritten Reich schwärmende Oma – jede Romanfigur ist lebendig und glaubwürdig gezeichnet, das soziale Mit- und Gegeneinander der Akteure tritt plastisch zu Tage, krass und gelegentlich auch etwas obszön.
An die besten Traditionen des magischen Realismus anschließend erweist sich Becker als wortgewaltiger Chronist einer heillosen und trotzdem bisweilen sehr komischen irdischen Existenz – und legt dabei immer wieder Spuren ins Metaphysische.
Mitteleuropa reloaded
Die literarische Stimme von Becker schafft Verbindungen zwischen Polen und Deutschland, zwischen Ost und West, zwischen der ideologisch verseuchten Konfrontation der Blöcke vor 1989 und dem zaghaften nachbarschaftlichen Miteinander des frühen 21. Jahrhunderts. Becker selbst legt wenig Wert darauf, als „Brückenbauer“ angesehen zu werden. Er ist Literat und als solcher, unter anderem, auch Chronist versunkener, in der Erinnerung jedoch lebhaft präsenter und mit Phantasie und Sprachlust ausgemalter Welten und Zeiten. Es sind gerade Künstler wie Artur Becker, die dazu beitragen, ein Deutschen und Polen gegenwärtiges Bewusstsein einer gemeinsamen mitteleuropäischen Identität entstehen zu lassen. In seinen Büchern wird polnische Zeitgeschichte erfahrbar, und mit denselben Büchern kann man ein Deutsch lernen, das sich wohltuend vom herkömmlichen deutschen Alltagsgerede abhebt.
arbeitet als Publizist, Literaturkritiker und Redakteur der Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“ in München.
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April 2011
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