Die Grenzen der Übersetzung: die zweite Haut der Erinnerung


Roland Barthes schrieb in seinem Buch Fragmente einer Sprache der Liebe (1977), die Sprache sei wie eine Haut, mit der wir uns an einer anderen Sprache reiben. Wenn das stimmt, dann erfordert eine Begegnung über Sprachgrenzen hinweg von uns eine radikale Verwandlung: Wir müssen unsere alte Haut abstreifen und in eine neue schlüpfen. Selten wird dieser Prozess so offensichtlich und bedeutsam wie bei der Übersetzung von Literatur. Mithilfe von Literaturübersetzungen sprechen wir über Grenzen hinweg zueinander und hören einander zu. Und das, worüber zu sprechen uns am schwersten fällt, ist auch am schwierigsten zu übersetzen.
Die Diskussionsreihe „O przekładzie na przykładzie / Grenzen der Übersetzbarkeit“ widmete sich literarischen Übersetzungen zwischen dem Deutschen und dem Polnischen, die ein besonders leidvolles Thema berühren: das jüdische Gedächtnis und das Gedenken der Juden. Unter den Teilnehmern waren bisher Joanna Bator, Esther Kinsky und Ilay Halpern (Piaskowa Góra / Sandberg), Robert Schindel und Jacek St. Buras (Gebürtig / Rodowody), Bożena Keff und Michael Zgodzay (Utwór o Matce i Ojczyźnie / Ein Stück über Mutter und Vaterland) sowie Eric Fischer und Katarzyna Weintraub (Aimée & Jaguar und Himmelstrasse / Droga do nieba).
Wie übersetzt man Jedwabne
Sandberg von Joanna Bator (dt. Übers.: Esther Kinsky), das vor Kurzem auch in einer hebräischen Übersetzung von Ilay Halpern erschien, ist nicht nur eine der ersten Geschichten über die polnischen „neuen Juden“, die erst als Erwachsene von ihren jüdischen Wurzeln erfuhren, sondern auch eine polnisch-jüdische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Jedwabne. Bator lässt ihren jüdischen Helden Ignacy Goldbaum genau am Jahrestag des Pogroms von Jedwabne umkommen: Er verbrennt in einer Hütte, die von einem Helden des polnischen Widerstands (der nicht zufällig den Namen Janek Kos, einer Figur aus der polnischen Fernsehserie „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ trägt) angezündet wurde. Sandberg zeigt auch eindrucksvoll, wie sehr sich der Antisemitismus in der polnischen Sprache festgesetzt hat. Esther Kinsky musste Neologismen erfinden, um bestimmte Verben wie „zżydzić“ oder „użydzić“ zu übersetzen, und improvisieren, um den Effekt des „Jiddelns“, der Verballhornung der jiddischen Sprache, wiederzugeben. Und doch bleibt die Allegorie Jedwabne für den deutschen Leser wohl nur zum Teil verständlich. Die Nachbilder der brennenden Scheune gehen in der Übersetzung verloren. Aber lässt sich das kollektive Gedächtnis eines Volkes überhaupt übersetzen? Können die Deutschen die Geister der polnischen Vergangenheit verstehen? Oder bleibt jeder letztendlich mit seinen eigenen Gespenstern allein?
Der Opfermythos
Der Roman Gebürtig des österreichischen Schriftstellers und Lyrikers Robert Schindel entstand unter dem Eindruck der Waldheim-Affäre, die polnische Übersetzung erschien 2006 auf dem Höhepunkt der Debatte um das Buch Angst: Antisemitismus nach Auschwitz in Polen des polnisch-amerikanischen Historikers Jan T. Gross. Die 1985 losgetretene Affäre um die Wehrmachtsvergangenheit des damaligen österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim und die polnische Debatte um die Pogrome in Kielce und Jedwabne hatten etwas gemeinsam: Sie bedeuteten für beide Nationen das Ende des Opfermythos. Robert Schindels Roman, der von Jacek St. Buras bravourös übersetzt wurde, ist eine Geschichte über Schuld und über die Unmöglichkeit, sich vom Ballast der Geschichte zu befreien, aber auch über ein vererbtes Trauma. Österreicher und Polen – erklärt Schindel – haben eigene Formen der traditionellen Feindseligkeit gegenüber den Juden hervorgebracht und tragen heute an einer Schuld, die auch zukünftige Generationen noch belasten wird. Nur die mutige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – scheint Schindel in Gebürtig zu sagen – kann uns heilen.
Mutter und Vaterland
Eine solche mutige Auseinandersetzung ist ohne Zweifel Ein Stück über Mutter und Vaterland von Bożena Keff. Die radikale Sprache des Stücks, die von den Kritikern mit einer Oper oder einem Oratorium verglichen wurde, heilt – wenn überhaupt – indem sie alte Wunden aufreißt. In dem vergifteten Dialog zwischen Mutter und Tochter – oder vielmehr dem Nebeneinander zweier Monologe – werden diverse Tabus gebrochen – insbesondere, da die Mutter Jüdin, also per se ein Opfer ist. Ein Stück über Mutter und Vaterland bringt die Stimme der „zweiten Generation“ zu Gehör, einer Generation, die von der Geschichte vergiftet und vom Schmerz ihrer Eltern infiziert ist und die außerhalb des engen Korsetts des Märtyrertums nach einer eigenen Identität sucht. Michael Zgodzay musste sprachliche Äquivalente für die sehr onomatopoetische, aber auch aggressive Sprache Keffs finden, die vor polnischen Phobien geradezu pulsiert. „Negeraffe, Schwuchtel, Saujude, Abschaum, Verräter, Bolschewiken-Fresse!“ – in diesen Vulgarismen findet nicht nur der Hass der Tochter auf ihre Mutter Ausdruck, sondern auch der polnische Fremdenhass.
Eine historische Wahrheit?
Doch wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen dem Literarischen und dem Historischen? Diese Frage drängt sich bei der Lektüre von Erica Fischers Aimée & Jaguar (1994) auf, das erst vor Kurzem (2008) in polnischer Übersetzung erschien. Der Roman rekonstruiert die Liebesgeschichte zwischen Felice Schragenheim, einer jungen Jüdin, die sich in Berlin versteckt hält, und Lilly Wust, der Ehefrau eines Wehrmachtssoldaten. Ausgehend von den Erinnerungen Lilly Wusts, Aussagen von Zeitzeugen und Archivmaterial erzählt Fischer eine Geschichte über die Suche nach der historischen Wahrheit und zugleich über die Aussichtslosigkeit einer solchen Suche. Die zahlreichen Kommentare von Katarzyna Weintraub bringen dem polnischen Leser den historischen Kontext und die Wirklichkeit eines „U-Boot-Daseins“ im nationalsozialistischen Berlin näher – einem Schicksal, das zwar vergleichbar, jedoch nicht identisch mit der Situation der polnischen Juden ist, die sich auf der arischen Seite versteckt hielten. Wie uns die Geschichte von Aimée und Jaguar lehrt, gibt es mehr als eine historische Wahrheit, und die Suche nach ihnen und ihre Übertragung (translatio) über Grenzen hinweg ist gleichermaßen eine Aufgabe für Historiker wie für Schriftsteller und Literaturübersetzer.
Übersetzung: Heinz Rosenau
Copyright: Goethe-Institut Polen
April 2013











