Die Ausweitung der theatralischen Kampfzone – Kunstprojekte im Stadtraum

Theaterprojekte im Stadtraum werden immer populärer. Reichen die herkömmlichen Bühnen den Performern und Theatermachern nicht mehr aus?
Merkwürdiges tut sich in der Shopping Mall: Auf einmal laufen lauter Menschen mit merkwürdig gestreckten Armen und im 90-Grad-Winkel nach oben gedrehten Handflächen herum. Alle auf die gleiche Weise, was den Passanten im Gewimmel die Strenge eines Reliefs auf einer ägyptischen Vase verleiht. Dann starren sie unvermittelt in die Höhe, alle zur gleichen Zeit und in dieselbe Richtung. Bald darauf rauscht Beifall durch die Etagen der weitläufigen Einkaufspassage, ohne dass man einen Grund dafür ausmachen kann. Und plötzlich hört man das massenhafte Fallen von Geldmünzen auf den Granitboden.
Synchron gegen die öffentliche Ordnung verstoßen
Was ist hier los? Die Sicherheitsleute in ihren blauen Uniformhemden blicken nervös um sich angesichts der Menschenmenge, die hier so synchron die öffentliche Ordnung stört. Was die Hüter der Ordnung in dieser privatwirtschaftlichen Zone nicht wissen: Es handelt sich um Teilnehmer an einem Projekt der Hamburger Performance-Gruppe „Ligna“. Teilnehmer wohlgemerkt, nicht Zuschauer. Denn im vorliegenden Fall erwirbt der Theaterteilnehmer mit dem Erwerb seiner Eintrittskarte zunächst nur das Recht, an der Performance (Erste Internationale der Shopping Malls, 2010) mitzuwirken. Er bekommt nun ein kleines Radio mit Kopfhörern, über die dann bei Veranstaltungsbeginn eine sanft-suggestive Stimme Verhaltensanweisungen oder Theoriefetzen ins Bewusstsein des Teilnehmers tröpfelt.
Bei einem anderen Ligna-Projekt (Verwisch deine Spuren, 2010) kann man sich bei Erwerb seiner Eintrittskarte ein App aufs Smart-Phone laden, bevor man zum definierten Veranstaltungsort im Stadtraum fährt, wo sich dann beim Flanieren per GPS-Ortung unerwartet kleine Hörspiele aktivieren. Wieder ist man über Kopfhörer ferngesteuert, wird zu kleinen und größeren Verstößen gegen die öffentliche Ordnung aufgefordert. Oder erhält mehr oder weniger sinnvolle Informationen zu dem Ort, an dem man sich befindet. Widerstand ist zwecklos, zumindest solange man die Kopfhörer im Ohr hat und den Stimmen, die auf diesem Weg ins Hirn eindringen, ausgeliefert ist. Big Brother is watching you? Oder werden wir hier durch eine Schule für verschärfende Wahrnehmungsmaßnahmen geschleust?
Misstrauen gegen die kommerzialisierte Wirklichkeit
Seit der Konsum immer aggressiver die Lebenswelten durchdringt, Stadträume bis zur Unkenntlichkeit kommerzialisiert und alle Wirklichkeit immer ausschließlicher nur als inszenierte Oberfläche von Macht- und Wirtschaftsinteressen in Erscheinung tritt, haben Theatermacher sich zunehmend herausgefordert gefühlt, die geschlossene moralische Anstalt Theater zu verlassen. Und zwar mit dem Ziel, die theatralische Kampfzone auf den öffentlichen Raum auszudehnen, um seine inszenierten Oberflächen zu stören, zu dekonstruierten oder auf ihre Konstruiertheit überhaupt aufmerksam zu machen.
Ob das Duo „Auftrag: Lorey“ (Björn Auftrag und Stefanie Lorey) die Wiederaufbautristesse des Frankfurter Rossmarktes in Goethes Wunderkammer zurückzuverwandeln versucht (Museum des Augenblicks, 2008) oder das Kölner Künstlerpaar Hofmann & Lindholm (Hannah Hofmann und Sven Lindholm) mit seinen Multimediaprojekten die Manipulationen und Konstruktionen unseres kollektiven Gedächtnisses durch Bildaufzeichnungen erforscht (Serie Deutschland 2008/10, Basler Unruhen, 2010): Motor der Projekte ist meist ein grundsätzliches Misstrauen in die Benutzeroberflächen unserer Gegenwart oder der Versuch, die durch den Kommerz restlos entzauberten Dinge wieder mit einer Aura aufzuladen. Die wichtigsten Gruppen fanden sich in den 1990er-Jahren nach dem Kollaps des Kommunismus zusammen, als so aussah, als hätte der Kapitalismus für alle Zeiten gesiegt.
Traumpfade durch die verwahrlosten Ränder des Urbanen
Zu den verwahrlosten und verbrauchten Rückseiten der Städte und Ballungsräume, ihren Wohnsilos, Supermärkten und ihrer beschädigten Natur führen die Stadtreisen des 41-jährigen Kölner Künstlers Boris Sieverts. Seit 1997 sensibilisiert Sieverts’ „Büro für Städtereisen“ für die verborgene Poesie so profaner Orte wie schnell errichteter Einkaufsmärkte oder Industriebrachen. Auf langen Wanderungen entziffert er Zeichen der Kolonisierung (und Kommerzialisierung) von Landschaft und Stadtraum, schärft die Sinne seines Publikums für die Prägung ihrer Wahrnehmung durch den Konsum, Ideologien oder die Macht wirtschaftlicher Interessen.
Im Rahmen seiner minutiös recherchierten stundenlangen (manchmal mehrtägigen) „Reisen“, geleitet er durch Grenzgebiete zwischen urbanisierter Landschaft und vom Konsum/Kapital wieder verlassener Stadt, deren Hinterlassenschaften die Natur zurückerobert. In seinen Kölner Wanderperformances wie Der Kölner Norden (2008), Ein Tag entlang des Alten Deutzer Postwegs (2001) oder jetzt in Warschau im Kontext des Projekts Promised City (2010) entwickelt Sieverts Traumpfade abseits der kulturellen, politischen und ökonomischen Kodierung von Städten. Er lenkt den Blick auf eine untergründige mythische Landkarte jenseits unserer gängigen Sehgewohnheiten und legt Schichten früherer Nutzungen und Bedeutungen von (Stadt-) Landschaften frei. Auf diesem Weg versucht er, auch das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie stark unser Blick selbst bereits ein kolonisierter ist.
Im Geist von Beuys, Warhol und Leonardo da Vinci
Einer der spektakulärsten Störer von Sehgewohnheiten ist der Performancekünstler Johan Lorbeer. Da lehnt er plötzlich, in etwa zwei Metern Höhe lässig und schwerelos an einer Hauswand: ein Mann im grauen Business-Outfit. Das einzige, das ihn mit fester Materie verbindet, ist die Handfläche, mit der er die Wand berührt. Die Passanten staunen. Wie ist das möglich? Zauber? Übernatürliche Kräfte? Das Geheimnis lüftet sich nur dem, der Geduld hat: einige Stunden später, wenn der Performer herabsteigt, und man sieht, dass es komplizierte, ausgeklügelte und unter der Kleidung verborgene Stahlkorsetts sind, die diese physikalisch unmögliche Körperhaltung ermöglichen.
Aus der Nähe betrachtet sehen sie wie Konstruktionen Leonardo da Vincis aus, die der 1950 geborene Aktionskünstler Johan Lorbeer nun mit dem Geist von Joseph Beuys und Andy Warhol kurzgeschlossen hat: Proletarisches Wandbild ist eine seiner berühmtesten Still-Life-Performances, 1997 zuerst im Prater der Berliner Volksbühne gezeigt. In luftiger Höhe ragt Lorbeer von einer weißen Wand als lebender Müllmann in oranger Dienstkluft mit Besen horizontal in den Raum hinein, kommuniziert mit Besuchern, die staunend zu ihm aufblicken.
Die unerträgliche Nutzlosigkeit des Raums
Manchmal werfen die Interventionen öffentlicher Räume jedoch die Frage auf, ob sie sich nicht leicht auch von den kommerziellen Diskursen vereinnahmen lassen, als deren Unterwanderung sie sich begreifen. Ob sie vielleicht selbst nur Symptome eines Zustands sind, als dessen Therapie sie verstanden sein wollen. Johan Lorbeers irritierende Still-Leben funktionieren wunderbar auch in Einkaufszonen und an den Fassaden neueröffneter Flagshipstores.
Boris Sieverts’ Erkundungen der Randzonen von Ballungsgebieten sind auch leicht als Aufwertungsmaßnahmen von Industriebrachen zu künftigen Investitionsstandorten einsetzbar, wie jetzt seine Wanderungen durch das Ruhrgebiet im Rahmen von Ruhr.2010. (A 40, eine Reise) zeigt. „Lignas“ Radiotheaterperformances verhalten sich dem teilnehmenden Subjekt gegenüber oft ähnlich manipulativ, wie die inszenierten und reglementierten öffentlichen Räume, die sie unterwandern und dekonstruieren wollen.
So haben diese Performances im öffentlichen Raum einen Januskopf: Ihre wachsende Popularität könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass wir das Ungestaltete und Ungedeutete, das Nutzlose, nicht in einen Diskurs oder Warenfluss Einspeisbare heute gar nicht mehr aushalten können. Dass die Kunst hier also letztlich an der Entfremdung mitwirkt, statt an ihrer Überwindung.
ist Mitbegründerin und Redakteurin des Internettheaterportals nachtkritik.de. Davor hat sie Theaterkritiken unter anderem für Theater heute, die taz und die Financial Times Deutschland geschrieben.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de











