Tanz und Theater

Nicht pädagogisch, aber wertvoll – Kinder- und Jugendtheater in Deutschland

Die Kinder- und Jugendtheater-Szene in Deutschland ist vielseitig und bewegt – indem sie gegenüber anderen Sparten und dem Erwachsenentheater durchlässiger wird.

Strikte Trennung, das war einmal. Die Grenzen zwischen einem Theater für junge Zuschauer und einem für Erwachsene sind längst durchlässig geworden. Und auch ästhetisch hat sich das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland in den letzten Jahren geöffnet, während die Pädagogik in den Hintergrund tritt.

Natürlich gibt es weiterhin jene Häuser, die auf ein junges Publikum spezialisiert sind: das legendäre Grips-Theater in Berlin, das Theater Junge Generation in Dresden, das Theater der jungen Welt in Leipzig, das Schnawwl in Mannheim, die Schauburg in München oder das Junge Ensemble Stuttgart. Aber das Grips-Theater ist mit seinem Festhalten an dem einst (erfolgreich) eingeschlagenen Weg – sozialkritische Gegenwarts-Stücke in realistischer Erzählweise mit pädagogischem Einschlag – eher die Ausnahme.

Kümmern um das Publikum von morgen

Grips-Theater Berlin Logo | © GRIPS Theater2012 verabschiedet sich Volker Ludwig nach über 40 Jahren als Grips-Leiter, sein Nachfolger wird Stefan Fischer-Fels. Er leitet zurzeit das Junge Schauspiel Düsseldorf, hat aber bis 2003 als Dramaturg am Grips gearbeitet. Auch wenn er das Haus nicht radikal umkrempeln wird – das Theater, das Fischer-Fels in Düsseldorf als Satellit des großen Schauspielhauses ermöglicht, weitet sich in Richtung eines mit zirzensischer Verspieltheit punktenden Theaters. Zwar werden immer noch Geschichten erzählt und Figuren-Einfühl-Flächen geboten. Aber die performativen Momente rücken gleichberechtigt in den Vordergrund.

Wie in Düsseldorf richten immer mehr Stadttheater eigene Kinder-und-Jugendtheater-Sparten ein, die sie durch eigene, spezialisierte Ensembles und Künstlerische Leiter aufwerten. Man kümmert sich an den großen Bühnen also durchaus um sein Publikum von morgen. Das 2005 gegründete Junge Schauspielhaus Hamburg unter Klaus Schumacher gehört zu den hochgelobten Vorzeigeprojekten für ein gegenüber verschiedenen Theater- und Schauspielformen offenes und anspruchsvolles Kinder- und Jugendtheater. Und auch das traditionsreiche Deutsche Theater Berlin hat seit dem Intendanzstart Ulrich Khuons im Herbst 2009 die Programmsparte „Junges DT“ eingerichtet, allerdings ohne eigenes Ensemble.

All-Age-Trend

So gibt es auch in der Theaterszene den Trend zur All-Age-Inszenierung. Ebenso wie Verrücktes Blut, in dem Nurkan Erpulat am Berliner Ballhaus Naunynstraße die Leitkulturfrage anhand von Schiller und einer Waffengewalt anwendenden Lehrerin ad absurdum führt und nebenbei all die Klischeehaltungen überdeutlich als Posen ausstellt, ist auch das mit dem Brüder-Grimm-Preis 2009 ausgezeichnete Warngedicht von Tamer Yiğit und Branka Prlić nicht an einem genuinen Kinder- und Jugendtheater entstanden. Das rau-poetische Stück über die Schulrealität Kreuzberger Teenager in Rap-Battle-Ästhetik und mit hohem Dringlichkeitsfaktor kam am Berliner Off-Kombinat Hebbel am Ufer (HAU) heraus, ebenso wie Constanza Macras’ toll turbulente Kindheits- und Pubertäts-Vertanzungen Scratch Neukölln und Hell on Earth.

Höchst polarisierend wirkt Jo Fabians ungemein bildstarkes
(Alb)Traumspiel Wendelgard. the first level am Theater Junge Generation in Dresden. Auf der Bühne türmen sich alte Möbel, Hakenkreuzfahne und Helden-Accessoires, tanzen somnambule Frauen in Bauschkleidern und grölt ein linkischer Marilyn-Manson-Doppelgänger – der Zuschauer bekommt keinerlei roten Erzähl-Faden an die Hand, sondern ist ganz auf seine Assoziationen zurückgeworfen. Bei den letzten Werkstatt-Tagen der Kinder- und Jugendtheater 2010 in Leipzig diskutierten die dort versammelten Fachleute sehr kontrovers darüber, ob derart deutungsoffene, nicht gerade politisch korrekte Bilder wirklich ins Jugendtheater gehören.

Die alle zwei Jahre stattfindenden Werkstatt-Tage sind eines der wichtigsten Branchentreffen. Veranstaltet werden sie von der deutschen Sektion der ASSITEJ, der internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche. Als Interessensvertretung mit rund 360 Mitgliedern versammelt sie Theater, Verlage, Organisationen, Wissenschaftler und Journalisten unter ihrem Dach, organisiert Festivals, Tagungen und Seminare und gibt Publikationen heraus. Die zweite zentrale Institution ist das 1989 gegründete Kinder- und Jugendtheaterzentrum (kjtz) mit Sitz in Frankfurt am Main, deren Rechtsträger wiederum die ASSITEJ ist, und das quasi als ausführendes Organ dieser Dachorganisation fungiert.

Lieber über- als unterfordern

Das kjtz organisiert das deutsche Kinder und Jugendtheatertreffen Augenblick mal!. Diese Biennale wird von einem zehnköpfigen Fachgremium kuratiert, Gastgeber ist das Theater an der Parkaue in Berlin. Deutschlands einziges Staatstheater für Kinder und Jugendliche kann in seinem Bestreben, eine Vielfalt sehr unterschiedlicher Ästhetiken nebeneinander zu präsentieren und immer wieder den Blick über den Tellerrand auf andere Disziplinen zu wagen, exemplarisch für die Öffnung des Kinder- und Jugendtheaters stehen: vom Dokumentar- bis zum Einfühltheater, von der Mitmach- bis zur Multimediashow, von Performance bis Tanz. An Kay Wuscheks Haus gilt die Devise, die jungen Zuschauer lieber zu über- als zu unterfordern. Theater ist hier mehr Rockkonzert, Entladungs- und Ausagier-Raum als Bildungsanstalt im Guckkastenformat – eine lustvolle Angelegenheit.

So inszenierten hier schon viele renommierte Künstler aus dem Erwachsenentheater. Volksbühnen-Star Milan Peschel etwa gab mit Der Fischer und seine Frau sein Regiedebüt, inklusive hochspaßigem Mitmachfaktor, und zeigte, dass die der Volksbühne nachgesagte Kindergeburtstagshaftigkeit bei jungen Zuschauern hervorragend ankommt. In Räuber Hotzenplotz des Performance-Kollektivs Showcase Beat Le Mot wird hingegen ein unterspannt lässiges Zeichen-und-Zeige-Spiel mit allerhand Spektakel gepflegt und der Räuber zur Sympathiefigur in spießiger Pflaumenkuchen-Welt. 2007 wurde die Produktion auf dem renommierten Off-Festival Impulse mit dem Preis des Goethe-Instituts ausgezeichnet – als ein Theater, das Erwachsene und Kinder gleichermaßen anspricht.

Anne Peter
ist Redakteurin bei Nachtkritik.de und schreibt als freie Theaterkritikerin unter anderem für die taz, die Zitty und die Berliner Morgenpost. Sie war Mitglied der Jury für den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin 2009.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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