Tanz und Theater

Erkundungen des Fremden – das achte Festival Politik im Freien Theater in Dresden

Das Logo des Festivals Politik im Freien Theater1988 hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) das Festival Politik im Freien Theater ins Leben gerufen. Es ist, neben dem Festival „Impulse“ in Nordrhein-Westfalen, die deutschlandweit wichtigste Leistungsschau der Off-Theaterszene und findet im Turnus von drei Jahren in wechselnden Städten statt. Eingeladen werden Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie seit 2008 auch fremdsprachige internationale Inszenierungen.

Die Preise:
Der Preis des Goethe-Instituts, der an eine deutschsprachige Produktion als Zuschuss für eine internationale Gastspielreise vergeben wird, ging an Chris Kondek und Christiane Kühl für Money – It Came From Outer Space.
Den Preis der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), mit dem eine Gastspieltournee in Deutschland unterstützt wird, erhält der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó für seine Inszenierung Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein.

Aus der Jurybegründung:
In ähnlichem Sinne ist Money – It Came From Outer Space nicht nur „ein Abend über das Geld“ (wie sich das Stück bei der Premiere 2010 selbst definierte), sondern entwirft unter dem Vorwand der Science-Fictionalisierung und des Formats einer Lecture-Performance eine erstaunlich präzise Biografie der aktuellen Finanzkrise – so anschaulich, dramatisch effektiv und sachlich nüchtern, wie man sie in den Medienberichten, in Aussagen von Experten oder Statements der Politik kaum findet. In wenig mehr als einer Stunde gelingt es dem Autorenduo Kondek/Kühl, die Irrationalität und das Chaos des Marktes so inspiriert auszumalen, dass es endlich allgemein verständlich wird. Die geschickte Mischung von Interviews, Filmszenen und simuliertem Vortrag verbirgt hinter ihrem trashig-komischen Spiel eine erschreckende Aussage: Die Menschen wollen das Monster bekämpfen, aber sie geben ihm genau das, wonach es dürstet. Mehr Wachstumsbeschleunigungsgesetze und weniger Demokratie für eine Welt, die sich in zunehmendem Tempo in ein fremdes Geschöpf, in ein Alien verwandelt.


Seit seiner Gründung hat sich die Theaterlandschaft und mit ihr das Festival verändert. In den späten 1980er-Jahren konnte die BpB ihr Anliegen, Themen der politischen Bildung mittels Theaterkunst an größere, auch junge Zielgruppen heranzuführen, noch ganz selbstverständlich an die Freie Szene richten. Spontane, tagsaktuell politische Auseinandersetzungen waren in der projektbezogen geförderten Off-Szene eher zu finden als im Stadttheaterbereich. Inzwischen sind diese Grenzen aufgeweicht.

Anregung zur Strukturdebatte

Schon 2005 gewann den Festival-Preis der Bundeszentrale mit Mnemopark ein Stück, das Rimini-Protokoll-Mitglied Stefan Kaegi in Zusammenarbeit mit dem Theater Basel realisiert hatte. Der aktuelle Festival-Jahrgang trägt diesen Annäherungstendenzen Rechnung. Erstmals findet das Festival, nach einer landesweiten Ausschreibung, in szenenübergreifender Kooperation mit dem Europäischen Zentrum der Künste Dresden-Hellerau und dem Staatsschauspiel Dresden statt.

„Via Intolleranza II“ von Christoph Schlingensief; © Aino LaberenzUnd die für diesen Jahrgang erstmals einberufene, sechsköpfige Jury (2005 und 2008 gab es Kuratoren, davor ein festes Leitungsteam) hat sich entschieden, die Strukturdebatte weiterzuführen. Mit Via Intolleranza II, dem großen, letzten Afrika-Bühnenwerk von Christoph Schlingensief, ist eine freie Inszenierung eingeladen worden, die nicht, wie üblich, die Produktionsetats der Stadttheater unterschreitet, sondern um ein Vielfaches übertrifft. Schlingensiefs aus einer GmbH entwickeltes, weit vernetztes Werk spitzt die Frage nach dem Charakter freier Produktionsformen zu, ohne den politischen Anspruch aufzugeben. Denn kaum ein anderes Stück der letzten Jahre geht so reflektiert und vielschichtig mit den Problemstellungen des globalen interkulturellen Austauschs um.

Das Motto „Fremd“

„Arabqueen“ von Nicole Oder; © Milan BenakFremd heißt das Motto des diesjährigen achten Festivals mit Blick auf den Spielort Dresden, der zwar eine geringe Ausländerquote, aber notorisch starke rechte Politgruppierungen besitzt. In den Festivaleinladungen wird das Thema Fremd in möglichst vielen Dimensionen repräsentiert: Es geht um Migrationserfahrungen wie in der einfühlsamen Adoleszenzgeschichte ArabQueen vom Heimathafen Neukölln oder im energetischen, bunten Tanzstück mit Laienspielern Hajusom in Bollyland aus Hamburg. Es geht um körperliche Fremdheit wie in der Mensch-Tier-Performance Furry Species vom Institut für Hybridforschung oder im Gehörlosenstück Zeichensturm von Michikazu Matsune. Historische Fremdheit wird Thema, wenn She She Pop und ihre Väter in Testament die Denkmuster des Shakespeare’schen Königsdramas King Lear mit modernen Formen des Generationenvertrags vergleichen. Man schaut auf auswärtige Beziehungen im dokumentarischen Aufklärungsstück Darfur – Mission incomplete von Hans-Werner Kroesinger.

Welche Konzepte prägen die Wirklichkeit?

„Money – It came from outer space“ von Chris Kondek und Christiane Kühl; © Thomas AurinTendenziell entwickeln viele überzeugende neuere Werke ihre politischen Themen eher indirekt und spielerisch. In einer kulturhistorisch informierten Lecture-Performance Money – It came from outer space etwa schließen Chris Kondek und Christiane Kühl die Entfremdungsthese der Marx’schen Geldtheorie (englisch: Alienation) mit der Figur des Aliens in der neueren Popkultur kurz. Wenn die jungen Theatermacher von Turbo Pascal das Thema „Innere Sicherheit“ aufgreifen, dann wird daraus ein instruktiver Mitmach-Abend, der das Publikum mittels Laserpointer-Übungen unbeschwert in die politische Szenario-Technik einführt. Man könnte sagen: Diese Theatermacher treten auf die zweite Stufe. Sie fragen nicht, wie die Wirklichkeit aussieht, sondern wodurch wir sie strukturieren, welche Konzepte unser Weltwissen prägen.

Provokante Interaktionen

„Before your very eyes“ von Gob Squad; © PhileDeprezWeiterhin setzt sich der Trend zu Partizipationsformen fort. Die Künstler suchen sich unausgebildete Darsteller oder sie aktivieren live ihr Publikum. So inszenieren die britisch-deutschen Performer von Gob Squad in Before your very eyes eine Gruppe Kinder, die in verschiedenen Verkleidungen einen kompletten Lebensabriss von der Jugend bis zum Tod geben – für ältere Zuschauer ein grandios verfremdeter Blick auf eigene Existenzbelange, für jüngere ein Schlaglicht auf Räume zur Selbstbestimmung. Die österreichischen Interaktionsspezialisten von God’s Entertainment schicken mit Passantenbeschimpfung ad-hoc gecastete Passanten als künstlerische Provokateure durch den öffentlichen Raum. Gelegentlich kann es auch im Theater selbst zu heftigen Provokationen kommen, wenn bei der New Yorkerin Ann Liv Young in Cinderella das Publikum peniblen Befragungen zur eigenen Intimsphäre unterzogen wird. Es ist eine fiese Inquisition, mit der sich diese Cinderella (alias Aschenputtel) verbreiteten märchenhaften Frauen-Klischees entzieht. Aber niemand hätte ja auch erwartet, dass politisches Theater harmlos bleibt.


Eingeladene Stücke/Produktionen:

Yan Duyvendak / Omar Ghayatt / Nicole Borgeat: Made in Paradise

Nurkan Erpulat und Jens Hillje: Verrücktes Blut.
Frei nach einem Motiv aus dem Film Heute trage ich Rock (La Journée de la Jupe) von Jean-Paul Lilienfeld

Rodrigo García – La Carnicería Teatro: Versus

Gob Squad / Campo: Before your very eyes

God’s Entertainment : Passantenbeschimpfung

Hajusom / Viktor Marek / Ashraf Sharif Khan: Hajusom in Bollyland

Nicole Oder: ArabQueen oder Das andere Leben, nach dem Roman von Güner Yasemin Balci

Institut für Hybridforschung: Furry Species

Chris Kondek und Christiane Kühl: Money – It came from outer space

Hans-Werner Kroesinger: Darfur – Mission incomplete

Michikazu Matsune: Zeichensturm

Kornél Mundruczó: Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein – Nehéz istennek lenni

She She Pop und ihre Väter: Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear

Turbo Pascal: Ich bin nicht wirklich die Gefahr

Ann Liv Young: Cinderella

Christoph Schlingensief: Via Intolleranza II

Christian Rakow
ist Redakteur des Internetportals www.nachtkritik.de und Theaterkritiker für Theater heute, die Berliner Zeitung und die Märkische Allgemeine Zeitung. Er ist Mitglied der Auswahljury des achten Festivals Politik im Freien Theater der Bundeszentrale für politische Bildung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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