Tanz und Theater

Starke Stücke

Ausschnitt: Grafik Theatertreffen Berlin 2012 (c) Theatertreffen Berlin 2012Zwei polnische Autorinnen Magda Fertacz und Julia Holewińska beim Stückemarkt Berliner Theatertreffen. Wir sprechen mit ihnen über Lesungen, Inszenierungen und Dramatik.

Frau Holewińska, Ihr Stück „Fremde Körper“, schon zuvor mit dem Gdingener Dramatikerpreis ausgezeichnet, kam ins Finale des Stückemarktes, dem Wettbewerb für junge Talente beim Berliner Theatertreffen, das in jeder Spielzeit zu den wichtigsten Theaterereignissen in Deutschland gehört. Erst seit einigen Jahren lässt dieser Wettbewerb europäische Texte zu, früher war es ein Wettbewerb ausschließlich für die deutschsprachige Dramatik. Wie fühlen Sie sich als Finalistin dieser internationalen Veranstaltung?

Julia Holewińska (c) Agencja Dramatu i Teatru ADiT

Julia Holewińska: Es ist für mich ein wichtiges Ereignis, mein Stück beim Stückemarkt zu erleben. Ich denke, dass es auch ein großer Erfolg für die polnische Dramatik bedeutet, weil unter den sechs besten Texten zwei polnische Stücke zu finden sind: meins und das von Magda Fertacz. Stückemarkt zählt zu den wichtigsten Wettbewerben für europäische Dramatik und der deutsche Theatermarkt ist neben dem englischen sicherlich der wichtigste Markt in Europa. Wir haben von den Organisatoren gehört, dass unter allen zugeschickten Texten Polen das zweite Land war, aus dem die meisten Stücke kamen. Das bedeutet, dass polnische Dramatik stark ist, dass sie wächst und immer stärker auf der europäischen Bühne anwesend ist.

Frau Fertacz, Ihr Stück „Trash story“, zwei Jahre früher als das Stück von Julia Holewińska ebenfalls mit dem Gdingener Dramatikerpreis ausgezeichnet, war letztes Jahr einen Schritt von dem Finale entfernt. Die diesjährige szenische Lesung vom „Kalibans Tod“ bei Stückemarkt war schon die zweite in Berlin innerhalb der letzten sechs Monate. Wie haben Sie die beiden Präsentationen erlebt: die im November 2011 in Rahmen des „TheaterSlams“ in der Akademie der Künste und die jetzige?

MagdaFertacz_fot.www.agencjadramatu.pl

Magda Fertacz: Sie waren sehr unterschiedlich. Die erste Präsentation hatte ein rasantes Tempo, es gab extra für sie gemachte Video-Einspielungen und Musik, es war fast eine Inszenierung, die auf einer ästhetisch interessanten Regie-Idee beruhte. Die Lesung bei Stückemarkt arbeitete mit viel einfacheren Mitteln. Es war deshalb leichter, sich auf den Text zu konzentrieren, aber es fehlte an Attraktivität, durch die die Geschichte die Zuschauer hätte packen können.

Anders als in Madrid im letzten Herbst?

Fertacz: Bei der szenischen Lesung in Madrid war die Figur der Choristin genau so, wie ich sie erschaffen habe und die Schauspielerin sang den Text. Dort wählte man auch die Form des durch Puppen ergänzten Sprechtheaters. Die Schauspieler machten mit ihnen unglaubliche Sachen: Sie warfen sie, drehten ihre Köpfe ab, rissen Beine heraus, was unglaublich stark wirkte. Das war für mich eine ganz andere Erfahrung als die beiden Lesungen in Deutschland.

Frau Holewińska, wie waren Ihre Eindrücke nach der Präsentation Ihres Stückes bei Stückemarkt?

Holewińska: Ich war begeistert. Es war nicht nur eine Lesung, es war fast eine Aufführung. Und sie war völlig anders als die, die wir in Polen gemacht haben. Ich war Dramaturgin bei der Inszenierung in Zoppot, bei der Kuba Kowalski Regie machte, deshalb bin ich für sie mitverantwortlich. Der Hauptunterschied bestand darin, dass wir in Polen entschieden hatten, dass die Hauptfigur, also Adam und Eva, von demselben Schauspieler – Marek Tynda vom Danziger Teatr Wybrzeże – gespielt wird. In Berlin wurde der Protagonist von zwei Personen gespielt. Ich sagte schon immer, dass es eine Regie-Entscheidung ist und man es so oder auch anders spielen kann. Bei Stückemarkt gab es zwei Schauspieler und es funktionierte hervorragend. Ich bin glücklich.

Welche Eindrücke nehmen Sie mit zurück nach Polen?

Fertacz: Wir werden sicherlich weiter darüber nachdenken, worüber wir hier viel miteinander und auch mit Małgorzata Sikorska-Miszczuk, die letztes Jahr das Finale des Stückemarktes erreichte, gesprochen haben: inwieweit unser Schreiben sich mit dem deutschen Theater trifft. Mit dem Thema der illegalen Immigranten setzt man sich in Deutschland seit Langem auseinander. Aber vielleicht gelang mir trotzdem, etwas Neues dazu zu sagen. Außerdem ist Kalibans Tod nicht nur ein Stück über Illegale, es ist auch ein Stück über Kunst. Die Lesung beim Stückemarkt findet fast gleichzeitig mit der Berlin Biennale statt, die von Artur Żmijewski kuratiert wird, wo man sich mit Fragen auseinandersetzt, wie: Was ist ein Kunstwerk? Oder: Worin besteht angebliche oder echte Teilnahme? Auch die wiederholte Begegnung mit dem deutschen Publikum war für mich interessant.

Holewińska: Es war auch eine große Erfahrung, Autoren aus Deutschland und England kennenzulernen, da wir beide das Theater dieser Länder schätzen. Meine Verbindungen zu Deutschland entwickeln sich allmählich. Das Theater in Bonn bestellte ein Stück, das ich gemeinsam mit einem deutschen Autor schreibe. Er schreibt auf Deutsch, ich auf Polnisch, aber es wird ein Stück sein, mal sehen, was daraus wird. Es ist ein Text über deutsch-polnische Beziehungen auf verschiedenen Ebenen: ökonomischen, historischen, sexuellen – verschiedene Geschichten. Die Kontakte werden enger, was mich sehr freut. Ich hoffe, dass sich die deutsch-polnischen Beziehungen im Kulturbereich weiter entwickeln werden.

Magda Fertacz geb. 1975 in Warschau. Autorin der Stücke Kurz (Staub), Absynt (Absinth), Trash Story, Białe Baloniki (Weisse Luftballons) und Śmierć Kalibana (Kalibans Tod, aus dem Polnischen von Andreas Volk). Sie erhielt 2008 den Gdingener Dramatikerpreis. Sie schreibt auch Prosa, Lieder, Erzählungen und Drehbücher und arbeitet als Innenarchitektin. Ihre Texte wurden in 12 Sprachen übersetzt.

Julia Holewińska geb. 1983 in Warschau. Autorin der Stücke 12/70, Bubble Revolution, Zina und Ciała obce (Fremde Körper, aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann). Sie erhielt 2010 den Gdingener Dramatikerpreis. Sie ist Dramatikerin, Essayistin und Dramaturgin. Ihre Texte wurden ins Englische, Spanische, Russische und Deutsche übersetzt.



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Das Interview führte Iwona Uberman
freie Journalistin und Übersetzerin

Copyright: Goethe-Institut Polen
Juni 2012

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