Falko Reichardt
Der Grenzgänger zwischen Polen und Deutschland, Stadt und Land, Modernisierung und Tradition erzählt über sein erstes Schweineschlachten, den Beitritt zur Freiwilligen Feuerwehr und das Leben im Schloss.

Seit vier Jahren wohnst und arbeitest du in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Mikuszewo, die in einem Schloss aus dem 19. Jahrhundert untergebracht ist. Schaut man sich dieses unscheinbare, etwas versteckte Dorf an, 60 km nordöstlich von Posen gelegen, ist nur schwer vorstellbar, dass einst die ganze Region von wichtiger kultureller und strategischer Bedeutung war, denn gerade einmal 9 km östlich von Mikuszewo entfernt verlief bis 1918 die Grenze zwischen dem preußischen und dem russischen Teilungsgebiet. Wird diese Region heute noch mit einem Grenzgebiet assoziiert?
Aber ja! Vielleicht sind sich Bewohner anderer Teile Polens dessen nicht bewusst, aber die Leute hier wissen ganz sicher darüber Bescheid. Ich glaube nicht, dass etwa jemand aus Warschau das weiß, aber für die Menschen in dieser Region ist die Abgrenzung von denen, die „auf der anderen Seite der Grenze” leben, klar. Diese Teilung hatte länger Bestand als die gegenwärtige Grenze, und ihre Folgen sind bis heute sichtbar.
Woran macht sich denn diese Abgrenzung bemerkbar?
Zum Beispiel an Bezeichnungen, die die Leute hier verwenden, etwa „Kette” und „Fasan”. Bisher konnte mir noch niemand die Entstehungsgeschichte dieser Begriffe eindeutig erklären, aber man geht davon aus, dass die Bezeichnung „Fasane” sich auf die Einwohner des ehemaligen preußischen Teilungsgebietes bezieht, die wohlhabender waren als die auf der russischen Seite und Fasane jagen gingen. Auf dieser Seite der Grenze gibt es viele ehemalige Gutshöfe. Hier duften die Bauern am schnellsten Grundbesitz erwerben. Die andere Seite, das sind die „Ketten”, höchstwahrscheinlich deswegen, weil der Verleih von Grundbesitz an die Bauern im russischen Teilungsgebiet fast 50 Jahre später erfolgte und diese somit lange durch die russische Kette „gefesselt“ waren. Eine andere Erklärung bezieht sich auf die Geschichte der Aufstände im russischen Teilungsgebiet, die damit endeten, dass die Aufständischen in Ketten gelegt und nach Sibirien verbannt wurden. Diese beiden Bezeichnungen werden immer noch auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze gebraucht. Außerdem sind bis heute Vorurteile lebendig, die die Bewohner des historischen Grenzgebietes gegeneinander hegen. Ich habe auch bemerkt, dass sich die Leute zu den „Ihrigen” hingezogen fühlen: so sind etwa die Einwohner von Mikuszewo mehr mit Posen verbunden und fahren zum Markt nach Miłosław, Środa Wielkopolska oder Września (Orte, die ebenso wie Mikuszewo zum preußischen Teilungsgebiet gehörten), und nicht nach Pyzdry, obwohl man auch dort gut einkaufen kann. Die Einwohner von Pyzdry orientieren sich hingegen mehr nach Konin oder Kalisz, das war schon die russische Seite.
Es gibt auch Unterschiede in der Architektur oder – woran man bis heute den alten Grenzverlauf erkennt – zwischen gepflasterten und ungepflasterten Wegen längs der Felder, deren Art der Einteilung auf beiden Seiten ebenfalls unterschiedlich ist.
Welches Polen hast du aus der Perspektive des Lebens in Mikuszewo kennengelernt?
Aus meiner Perspektive sind die Unterschiede nicht so groß. Das, was die Leute hier machen, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem, wie man in Deutschland lebt, und – ehrlich gesagt – habe ich das auch nicht erwartet. Ganz bestimmt gibt es große Unterschiede zwischen dem Land und der Stadt Posen. Posen ist eine Großstadt mit einem schnellen Lebenstempo. Hier in Mikuszewo kann man sagen, dass die Zeit stehen geblieben ist oder dass wir wie vor 30 Jahren leben. Aber die Perspektive hängt davon ab, ob wir die Beschleunigung, die mit den Veränderungen in der heutigen Welt verbunden ist, positiv sehen. Das Leben im Sinne von Gemeinschaft ist hier intensiver als das, was ich aus Deutschland kenne, wobei ich in Deutschland nicht in einem so kleinen Dorf gewohnt habe. Aber meine Eltern wohnen in einem kleinen Ort bei Hannover, und dort ist es überhaupt nicht selbstverständlich, dass man sich abends auf der Straße grüßt. Auch die ständige Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn ist nicht selbstverständlich, das Leben ist dort, woher ich komme, viel anonymer. Hier hingegen haben wir eine wirklich aktive Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kennt und der Dorfladen das kommunikative Zentrum bildet.
Interessant ist auch das Essen: die Küche ist hier in gewissem Sinne viel ursprünglicher, als wäre die Zeit stehen geblieben, aber ich würde nie sagen, dass sie „rückständig” ist. Die Art und Weise, wie man in der Gegend von Mikuszewo Gerichte zubereitet, würde ich als ökologische Küche bezeichnen, die sich am Jahreszyklus orientiert. Ich bin mir bewusst, dass ich etwas typisch Polnisches esse, aber zugleich unterscheidet es sich nicht wesentlich von dem, was meine Großmutter gekocht hat. Also kann man das ebenso gut der deutschen Küche zurechnen, zum Beispiel Sauerkrauteintopf. Und natürlich bemerkt man Veränderungen, ähnlich denjenigen, die sich in Deutschland vollziehen, vor allem den Einfluss der italienischen Küche.
Aber der Wandel kommt leider auch hierher, aufs Land. In den Geschäften hier kauft man immer weniger ein. Alle haben schon ein Auto, und immer öfter treffen wir uns beim Einkaufen in den großen Supermärkten.
Was war der Wendepunkt in deinem Leben hier?
Das Schweineschlachten.
?
Einmal hörte ich, dass es im Dorf ans Schweineschlachten geht. Ich wollte sehen, wie man Wurst macht, denn ich hatte oft den Eindruck, dass die Leute hier ökologische Landwirtschaft betreiben, obwohl sie das nicht so nennen. Ein Landwirt, der Kühe züchtet, macht das mehr oder weniger so, wie das auch seine Eltern und Großeltern gemacht haben. Im Dorfladen kann man kein Gemüse kaufen, weil jeder es selbst zum eigenen Verzehr anbaut. Und mit der Wurst sieht es ähnlich aus. Also fragte ich den Nachbarn, ob ich an der Wurstherstellung teilnehmen könne, wobei ich überhaupt nicht ans Schlachten dachte, was natürlich die Grundvoraussetzung des gesamten Prozesses darstellt. Das ganze Dorf erfuhr sofort, dass der Deutsche aus der Stadt zum Schlachten kommen wollte. Damals wusste ich noch nicht, dass das 12 Stunden Arbeit inmitten von Bergen von Fleisch bedeuten würde.
In jener Zeit war mein Polnisch noch sehr schwach, es war mein erstes Jahr hier, und ich galt als der Intellektuelle aus Deutschland. Aber ich habe gezeigt, dass ich arbeiten und mir dabei auch die Hände schmutzig machen kann. So haben wir 12 Stunden lang gemischt und gemacht und getan und in der Zwischenzeit kamen immer mehr Leute, die sehen wollten, ob ich zurechtkomme. Es wurde sehr fröhlich, alle erzählten Witze, und nach Mitternacht, als jemand eine Flasche Schnaps aufmachte, begann ich fließend Polnisch zu sprechen. Und bis heute habe ich damit nicht aufgehört.
Hat dich hier irgendetwas verwundert?
Die hiesige Form des Patriotismus. Für mich sind alle diese Motive, die mit Gott und Vaterland zu tun haben, sehr ungewöhnlich. In dieser Hinsicht habe ich das Gefühl, dass wir uns in Deutschland bereits in der postnationalen Epoche befinden. Die Leute hier behaupten, dass wir – die Deutschen – uns unserer eigenen Geschichte schämen. Dem stimme ich zu, aber ich habe das Gefühl, dass es den Polen ebenfalls schwer fällt, sich von vielen historischen und kulturellen Kontexten zu lösen. Es beunruhigt mich, dass bei vielen Feiertagen fast überall Fahnen herausgehängt werden. Wenn ich so etwas sehe, muss ich an eine Diktatur denken, und dann habe ich immer ein sehr eigenartiges Gefühl.
Außerdem beunruhigt mich, dass das Polen, das ich kennengelernt habe, allmählich verschwindet. Einerseits freue ich mich über Entwicklung, Modernisierung, höhere Einkommen, bessere Straßen. Aber eigentlich könnte man hier etwas viel Moderneres im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schaffen. Zum Beispiel baut man rund um Posen Siedlungen mit Einfamilienhäusern und schafft keine Bahnanbindung dieser neuen Stadtteile an die Stadt. Hier werden Fehler wiederholt, die Westeuropa 20-30 Jahre vorher begangen hat und die man dort jetzt wiedergutmachen will.
Andererseits gehe ich davon aus, dass abgesehen vom Aspekt der Modernisierung, den du erwähnt hast, die Gegend, in der du wohnst, eine recht stabile Hochburg des polnischen Katholizismus ist. Wie siehst du das?
Zuerst muss man sagen, dass der hiesige Katholizismus außerordentlich stark mit dem Patriotismus verbunden ist. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so oft in der Kirche wie hier. Zur Kirche zu gehen oder sich die Fronleichnamsprozession anzusehen, ist hier ein Teil des Lebens; das sind wichtige Ereignisse. Oder auch im Todesfall: man erweist dem Verstorbenen die Ehre, indem man an der Messe teilnimmt. Was mich betrifft, bin ich in der Kirche immer gern gesehen, und man akzeptiert, dass ich nicht mitmache beim Gottesdienst, dass ich einfach stehenbleibe, wenn die anderen sich hinknien.
Zum hiesigen katholischen Priester haben wir guten Kontakt, die Zusammenarbeit mit ihm ist für uns wichtig. Wenn wir bei Projekten zum Beispiel den alten lokalen Friedhof in Ordnung bringen wollen, dann ist es wichtig, dies mit dem Priester, der Gemeindevorsteherin und unserem Nachbarn zu abzusprechen, der den Laden und die Gastwirtschaft führt – das sind die kommunikativen Zentren. Interessant ist es beim jährlichen Priesterbesuch nach Weihnachten. Wenn der Priester die Gemeindemitglieder besucht und ihre Häuser segnet, dann geht er zuerst zu Zygmunt, dem Hausmeister im Schloss. Seine Frau verwickelt den Priester in ein kurzes Gespräch, in dieser Zeit läuft Zygmunt ins Schloss, stellt das traditionelle Kreuz und die Kerzen auf den Tisch, mit denen er noch vor einem Moment den Priester in seiner Wohnung begrüßt hat, und erst dann kommt der Priester herein, segnet das Schloss, danach trinken wir Kaffee und unterhalten uns über die Dinge, die für das Dorf und die Umgebung wichtig sind.
Führt das nicht zu Problemen?
Der Priester kennt unsere Einstellung und weiß, dass die Begegnungsstätte in Mikuszewo eine religiös neutrale Einrichtung ist. Andererseits wollen wir Teil der hiesigen Gemeinschaft sein und mögen das. So läuft es hier auf dem Lande.
Wahrscheinlich bist du der einzige Deutsche, der Mitglied einer polnischen Freiwilligen Feuerwehr ist.
Eine Zeit lang wollte ich mich in die lokalen Strukturen einbringen und fand, dass die Freiwillige Feuerwehr eine hervorragende Organisation ist, die grundlegende Institution im Dorf. Eines Tages wurde ich eingeladen zu einem Hochzeitstag, und wenn im Dorf Jubiläen, Trauungen, Hochzeiten oder andere wichtige Feiern von Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr stattfinden, ist auch immer eine offizielle Abordnung der Freiwilligen Feuerwehr in Uniform dabei. Und so war es auch diesmal. Die Feier war toll, ich kann mich nicht genau erinnern, wie das passiert ist, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mir so, als hätte ich während der Hochzeit die 20 Zloty Jahresbeitrag auf den Tisch gelegt und gesagt: „Ich trete bei”. Danach dachte ich: ein Mann, ein Wort! Und sie dachten bestimmt das gleiche: „Ach du meine Güte, ein Deutscher ist bei uns eingetreten”. Alles war klar bis zu dem Moment, als die Freiwillige Feuerwehr in ihr Statut sah, das in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts verfasst worden war und in dem ausdrücklich geschrieben stand, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr könne nur ein Pole werden. Das war die Zeit nach den Teilungen, in deren Verlauf viele antipolnische Gesetze erlassen worden waren. Und nachdem Polen seine Unabhängigkeit wieder erlangt hatte, wurden auch viele antideutsche Gesetze erlassen, in dieser Art von Einrichtungen wollte man keine Deutschen. Also musste man das Statut ändern. Es wurde eine Versammlung einberufen, an der praktisch das gesamte Dorf teilnahm, denn im Prinzip sind alle hier Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Bei der Abstimmung wurde meine Mitgliedschaft einstimmig befürwortet und im Statut eine Ergänzung für „Bürger der Europäischen Union” eingefügt. Mir aber sagten sie: „Du bist einer von uns”.
Falko Reichardt (geb. 1977) studierte Geschichte und Soziologie an der Freien Universität und der Technischen Universität Berlin. Seit vielen Jahren organisiert er internationale Projekte und führt diese auch durch, u.a. zu lokalgeschichtlichen Themen. Bis Dezember 2011 Geschäftsführer der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Mikuszewo. Seit Februar 2012 Direktor des Dietrich Bonhoeffer Studien- und Begegnungszentrums in Stettin.
Übersetzerin sowie Koordinatorin und Moderatorin
von deutsch-polnischen Projekten
Übersetzung: Ulrich Heiße
Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2012







