Eine Mauer spaltet Berlin


Der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 löste eine weltweite Euphorie aus. Das Ereignis wurde zu einem Symbol der deutschen Wiedervereinigung und zu einem wichtigen Impuls zur Demokratisierung Osteuropas. Heute fallen erneut Teile der Mauer – und wieder kocht die Stimmung hoch.
„Ist Kultur denn jarnischt mehr Wert?!“, „Wie viel kostet die Geschichte?“, „Schämt euch!“ solche und ähnliche Parolen waren auf den Transparenten der Demonstranten zu lesen, die sich im März 2013 vor der East Side Gallery, dem längsten erhaltenen Abschnitt der Berliner Mauer, versammelten.
Die Einwohner der Hauptstadt protestierten gegen den Abriss eines 22 Meter langen Teilstücks des historischen Bauwerks. Dieses Mal waren es nicht freiheitsliebende Berliner, die die Mauer niederreißen wollten, sondern Bauarbeiter, die von dem Investor „Living Bauhaus“ beauftragt worden waren. Die Mauerteile sollen weichen, um Zugang zu einem Hochhaus mit Luxuswohnungen zu schaffen, das auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen der Mauer und der Spree geplant ist. Außerdem soll Platz für den Wiederaufbau der Brommybrücke geschaffen werden.
Nach lauten Protesten der ungefähr 6000 Berliner, die sich vor der East Side Gallery versammelt hatten, wurden die Bauarbeiten gestoppt. In der Presse und in Internetforen entbrannte eine Diskussion um den Erhalt von Gedenkstätten und um die zukünftige Gestaltung der Berliner Innenstadt. Doch dies sind nicht die einzigen Aspekte dieser hitzigen Debatte.
Eine Wiederherstellung der alten Ordnung?
Die Journalistin Tanja Dückers hat den Konflikt in einem Artikel für Die Zeit genauer unter die Lupe genommen. Sie beschreibt die paradoxe Dynamik der Konflikte um die Veränderungen im städtischen Raum Berlins, bei denen traditionelle ideologische Positionen völlig auf den Kopf gestellt werden. Für die erklärtermaßen fortschrittliche und Veränderungen gegenüber aufgeschlossene Linke ist plötzlich nur noch das gut, was bereits vorhanden ist. „Das Neue erscheint künstlich, fremd und unsozial“, schreibt Dückers über die Position der städtischen Linken, die den vollständigen Erhalt der East Side Gallery fordert. Gleichzeitig werden die Konservativen, die Stadtplaner und Investoren, die sich vorrangig am Profit orientieren, zu den größten Apologeten des Fortschritts und der Modernisierung des städtischen Raums. Nach Ansicht Dückers haben die konservativen Kräfte den Akt der „kreativen Zerstörung“ übernommen.
Ein Thema von internationaler Bedeutung?
Die Baugegner argumentieren, durch den Teilabriss werde eines der international bekanntesten Wahrzeichen der Stadt verstümmelt. Denn das erhaltene Mauerstück mit einer Länge von 1,3 Kilometern ist nicht nur ein offizielles Denkmal, ein Symbol des Widerstands gegen das kommunistische Regime, sondern auch eine weltweit einzigartige Open-Air-Kunstgalerie. Seit 1990 haben 129 Künstler aus aller Welt die Betonwand bemalt, unter anderem mit dem berühmten Bild des durch die Mauer brechenden Trabanten. Auch der leidenschaftliche Kuss zwischen Honecker und Breschnew ist auf der Mauer verewigt. Die East Side Gallery wird jedes Jahr von Hunderttausenden Touristen besucht.
Kein Wunder also, dass die „Mauerschützer“ auch Unterstützung aus dem Ausland erhielten. Zum Beispiel von dem amerikanischen Schauspieler David Hasselhoff, der 1989 mit seinem Song „Looking for Freedom“ die Ereignisse in Berlin musikalisch begleitet hatte. Der Star der Fernsehserie Baywatch unterschrieb eine Petition gegen den Teilabriss der East Side Gallery. Auf der Internetplattform change.org folgten bereits über 75 000 Menschen seinem Beispiel. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, der Schweiz, Kanada, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Belgien wurden kritische Stimmen gegen das Vorgehen des Bauträgers laut. Auch ausländische Medien wie die BBC, die New York Times, die Washington Post und der Guardian berichteten über den Konflikt im Berliner Stadtteil Friedrichshain.
Ein Fall von Verschwendung?
2009 wurde die East Side Gallery einer aufwendigen Sanierung unterzogen. Die Restaurierung und Konservierung der Wandmalereien kostete über 2 Millionen Euro. Ein Teil dieser Gelder geht mit den abgerissenen Mauerteilen unwiderruflich verloren.
Auch die Künstler, die die East Side Gallery gestalteten, haben sich in die Debatte um die Zukunft der Berliner Mauer eingeschaltet. Sie befinden sich in einer besonderen Situation, da sie ihre Arbeiten nicht einfach an einen sicheren Ort bringen können. Aus diesem Grund fordern sie den Schutz ihrer Urheberrechte. Der Maler und Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery Kani Alavi, der vor zwei Jahren für sein Engagement für die East Side Gallery mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde, will seine Medaille nun aus Protest zurückgeben.
Wem gehört die Innenstadt?
Die Kritiker des Bauvorhabens warnen vor der Gentrifizierung Berlins, der sozioökonomischen Umstrukturierung ganzer Stadtteile. Begünstigt wird dieser Prozess durch neue, prestigeträchtige Investitionen in ausgewählten Stadtteilen und durch die Verbesserung der Lebensqualität ihrer Einwohner. Eine Folge dieser Maßnahmen ist der Zuzug statushöherer Bevölkerungsgruppen in die modernisierten Stadtteile und die Verdrängung der ursprünglichen, in der Regel weniger wohlhabenden Bewohner. Viele Menschen halten dies für eine natürliche Folge der Stadtentwicklung.
Tanja Dückers argumentiert jedoch, dass durch den Zuzug der wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen eben jene verdrängt werden, die ein Viertel zuvor so modern und attraktiv gemacht und dadurch auch ins Blickfeld der Investoren gerückt haben. Ohne die Künstlerszene und ohne eine aktiv am kulturellen Leben teilnehmende Bevölkerung werden auch die modernsten und gepflegtesten Stadtteile zu Einöden, zu Synonymen für Langweile. Die Entwicklung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gilt hierfür als Paradebeispiel. Aus diesem Grund warnen die Demonstranten an der East Side Gallery vor der Übernahme ganzer Teile der Innenstadt durch eine Gruppe wohlhabender Bürger. Die neuen Bewohner könnten sich möglicherweise von den an der Spree ansässigen Clubs gestört fühlen und deren Schließung veranlassen.
Der Blick aus der Distanz
Man tut gut daran, in dieser emotional geführten Diskussion einmal einen Blick auf die nüchternen Zahlen zu werfen. Berlin hat ernste finanzielle Probleme. Die Stadt hat über 60 Milliarden Euro Schulden – dreimal so viel wie ihr gesamter Jahreshaushalt. Es fehlt an Geldern für den Straßenbau, für Schulen etc. Kann es sich die Stadt in einer solchen Situation leisten, ein Bauvorhaben im Stadtzentrum zu blockieren und auf die Einnahmen in Milliardenhöhe aus dem Verkauf der Grundstücke an die Bauträger zu verzichten?
Man darf auch nicht vergessen, dass das Vorgehen des Bauträgers völlig legal ist. Die Stadt hat dem Investor eine Bauerlaubnis erteilt und der Abtragung von Teilen der East Side Gallery zugestimmt. Neutrale Beobachter der Vorgänge werfen den Demonstranten außerdem eine gewisse Beliebigkeit ihrer Forderungen vor. Der Spiegel-Journalist Michael Kröger erinnert in einem ausführlichen Bericht über die Proteste an der East Side Gallery daran, dass schon seit langem Teile der Mauer verschwinden: „Eine Strandbar, ein Club, ein Souvenirshop haben bereits Schneisen in die East Side Gallery schlagen dürfen, ebenso wie die O2-Arena, ohne dass sich dagegen Protest erhoben hätte.“
Geht es bei dem Streit also tatsächlich um den Teilabriss eines symbolträchtigen Bauwerks? Oder ist es eher ein Kräftemessen zweier Gruppen um die Vorherrschaft in der Berliner Innenstadt? Oder ist es vielleicht ein Experiment, wie weit eine Handvoll reicher Bürger in den städtischen Raum eingreifen kann?
Journalistin, wohnt in Warschau
Copyright: Goethe-Institut Polen
April 2013








