Sommer in der temporären autonomen Zone
Dabei war Berlin irgendwann Anfang der Neunziger zur heimlichen Hauptstadt der Welt geworden. Die alte Ordnung war zusammengebrochen, und die neue Ordnung hatte sich noch nicht etabliert. Eine Lücke hatte sich aufgetan. Das Zauberwort hieß Zwischennutzung. Fast ganz Mitte, so schien es, wurde einige Sommer und Winter lang zwischengenutzt. Raves wurden gefeiert. Lokale wurden geöffnet, manchmal nur für wenige Wochen, um dann wieder zu schließen.
Vor allem der Ostteil der Stadt wurde von einem ein Netzwerk von Bars, Cafés, Galerien, Ausstellungsräumen und kleinen Clubs überzogen. Ein Netzwerk, dessen Knotenpunkte nur Eingeweihten sichtbar, dessen Adressen und Ereignisse mündlich und per Flyer weitergegeben wurden. In welche Montagsbar man am Montag ging, welche Vernissage am Mittwoch zu besuchen war, in welchem Abbruchhaus am Wochenende ein Rave stattfinden würde, was sich im Elektro und im Friseur tat –das war durch Flyer an all jenen Orten zu erfahren, die Teil der internationalen Community von Hausbesetzern, Künstlern, DJs, Partyveranstaltern und Ausstellungsmachern waren, die sich in Berlin-Mitte nach der Wende versammelt hatte.
Die intellektuelleren der Raver und Künstler von Mitte lasen dieser Tage ein kleines Büchlein des amerikanischen Anarchisten Hakim Bey mit dem Titel „The Temporary Autonomous Zone“ . Dort fragt sich Bey: „Sind wir, die wir in der Gegenwart leben, dazu verdammt, nie Autonomie zu erfahren? Nicht auch nur einen Moment lang auf einem kleinen Stück Land zu stehen, das nur von der Freiheit regiert wird? Müssen wir uns mit Nostalgie für die Vergangenheit und für die Zukunft begnügen?“ Beys Antwort war die „poetische Fantasie“ einer „Guerillaoperation, die ein Stück Land, Zeit oder Imagination befreit und sich sodann auflöst, um anderswo wieder zu erscheinen“. Die Temporäre Autonome Zone denkt sich Hakim Bey als permanentes Festival, als dionysischen Ort der Unmittelbarkeit. Und ebenso verstanden auch die neuen Bewohner von Mitte ihre neue Welt.
Wer heute wissen will, wie es in der temporären autonomen Zone Mitte einmal aussah, wird wenig Material finden. An manchen Orten wie etwa dem Tresor war das Fotografieren offiziell verboten. Aber auch anderswo dokumentierte man nicht viel. Es galt, die Gegenwart der Feste zu genießen, nicht sie für eine Nachwelt festzuhalten, die den Sommer der Zwischennutzung ohnehin nicht verstehen würde. Die Mauer war gefallen, ein Vakuum war entstanden an der ehemaligen Grenze zwischen den Blöcken. Jetzt, nur in diesem Moment konnte man die Musik und die Leute genießen, die sich im Niemandsland versammelt hatten wie eine Gesellschaft in Thomas Pynchons Roman „Gravity’s Rainbow“. Es würde nicht lange unbemerkt bleiben. Der Staat würde seine Herrschaft wieder errichten. Das Parlament würde in die alte Hauptstadt zurückkehren. Mit ihm würde bürgerlicher Ordnungssinn einziehen, zumindest in die schönen alten Viertel von Mitte. Das Kapital würde heruntergekommene Straßenzüge in luxuriöse Konsummeilen transformieren. Die Symbole des real existierenden Sozialismus würden geschleift werden und alte Schlösser wieder aufgebaut.
Vor allem der Ostteil der Stadt wurde von einem ein Netzwerk von Bars, Cafés, Galerien, Ausstellungsräumen und kleinen Clubs überzogen. Ein Netzwerk, dessen Knotenpunkte nur Eingeweihten sichtbar, dessen Adressen und Ereignisse mündlich und per Flyer weitergegeben wurden. In welche Montagsbar man am Montag ging, welche Vernissage am Mittwoch zu besuchen war, in welchem Abbruchhaus am Wochenende ein Rave stattfinden würde, was sich im Elektro und im Friseur tat –das war durch Flyer an all jenen Orten zu erfahren, die Teil der internationalen Community von Hausbesetzern, Künstlern, DJs, Partyveranstaltern und Ausstellungsmachern waren, die sich in Berlin-Mitte nach der Wende versammelt hatte.
Die intellektuelleren der Raver und Künstler von Mitte lasen dieser Tage ein kleines Büchlein des amerikanischen Anarchisten Hakim Bey mit dem Titel „The Temporary Autonomous Zone“ . Dort fragt sich Bey: „Sind wir, die wir in der Gegenwart leben, dazu verdammt, nie Autonomie zu erfahren? Nicht auch nur einen Moment lang auf einem kleinen Stück Land zu stehen, das nur von der Freiheit regiert wird? Müssen wir uns mit Nostalgie für die Vergangenheit und für die Zukunft begnügen?“ Beys Antwort war die „poetische Fantasie“ einer „Guerillaoperation, die ein Stück Land, Zeit oder Imagination befreit und sich sodann auflöst, um anderswo wieder zu erscheinen“. Die Temporäre Autonome Zone denkt sich Hakim Bey als permanentes Festival, als dionysischen Ort der Unmittelbarkeit. Und ebenso verstanden auch die neuen Bewohner von Mitte ihre neue Welt.
Wer heute wissen will, wie es in der temporären autonomen Zone Mitte einmal aussah, wird wenig Material finden. An manchen Orten wie etwa dem Tresor war das Fotografieren offiziell verboten. Aber auch anderswo dokumentierte man nicht viel. Es galt, die Gegenwart der Feste zu genießen, nicht sie für eine Nachwelt festzuhalten, die den Sommer der Zwischennutzung ohnehin nicht verstehen würde. Die Mauer war gefallen, ein Vakuum war entstanden an der ehemaligen Grenze zwischen den Blöcken. Jetzt, nur in diesem Moment konnte man die Musik und die Leute genießen, die sich im Niemandsland versammelt hatten wie eine Gesellschaft in Thomas Pynchons Roman „Gravity’s Rainbow“. Es würde nicht lange unbemerkt bleiben. Der Staat würde seine Herrschaft wieder errichten. Das Parlament würde in die alte Hauptstadt zurückkehren. Mit ihm würde bürgerlicher Ordnungssinn einziehen, zumindest in die schönen alten Viertel von Mitte. Das Kapital würde heruntergekommene Straßenzüge in luxuriöse Konsummeilen transformieren. Die Symbole des real existierenden Sozialismus würden geschleift werden und alte Schlösser wieder aufgebaut.








