Geschichte wird gemacht

Geschichte wird gemacht

Das Schmutzige und Alte, das Malerische und nicht am Reißbrett Geplante wurde nun von jungen Leuten in Besitz genommen, deren Habitus alles andere als bürgerlich war. Weil Spekulanten in Westberlin Häuser verfallen ließen, besetzte eine wilde Szene undogmatischer Linker, alternativer Freaks und Punks viele von ihnen, um sie instandzusetzen und schließlich in ihnen zu wohnen. Anfang der Achtzigerjahre waren Hunderte von Häusern besetzt. Sie lagen meist in den Vierteln, in denen sich auch die Zehntausenden von Arbeitsimmigranten angesiedelt hatten, die seit den Sechzigern vor allem aus der Türkei in die Stadt gekommen waren. Es kam zu immer gewaltsameren Auseinandersetzungen zwischen Besetzern und der Polizei. Dann entschied sich der Berliner Senat zu einer politischen Lösung und bot den Besetzern die Legalisierung ihrer Hausprojekte an.

Die Hymne der Hausbesetzer war „Ein Jahr (es geht voran)“, ein Song der Düsseldorfer Band Fehlfarben von 1980: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“ In Berlin ging nichts voran. Weder war der Westen der Stadt ein wirtschaftlich lebensfähiger Organismus, noch war er politisch von Belang – abgesehen von seinem symbolischen Status im Kalten Krieg der Bilder. Eben diesen außerhistorischen Zustand wollten die Hausbesetzer erhalten. Sie waren am Geschichtemachen nur im Kleinen interessiert.

Ein anderer Popsong der legendären Berliner Band Ton Steine Scherben hat einen der frühen Schlüsselmomente dieser Geschichte im Kleinen verewigt. Im „Rauch-Haus-Song“ von 1972 wird erzählt, wie Aktivisten ein Nebengebäude des ehemaligen Kreuzberger Krankenhauses Bethanien gegen die anrückende Berliner Polizei verteidigen. Der Name, den die Besetzer ihrem Haus gegeben haben, erinnert an den Anarchisten Georg von Rauch. Der aus dem Gefängnis geflüchtete Stadtguerillero und Mitglied des „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“ wurde 1971 von Polizisten in Berlin erschossen, als er sich seiner Verhaftung widersetzte. Wohl eher unfreiwillig erinnerte der volle Name „Georg-von-Rauch-Haus“ an die ursprüngliche architektonische Idee der Anstalt, die der preußische König und Romantiker Friedrich Wilhelm IV. mit Anklängen an das Mittelalter erbauen ließ: Mit zwei lanzenförmigen Türmen zeigt sich Bethanien als Burg des Drachentöters Georg. Der berühmte Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné legte vor dem Haus den Mariannenplatz an, der noch heute ein Ort der Ruhe ist, im Nordwesten begrenzt von einer Kirche.

Seit 1973 ist das Künstlerhaus Bethanien mit seinem Atelierprogramm und seinen Stipendien für Künstler aus aller Welt eine feste Adresse in der internationalen Kunstszene geworden. Das Künstlerhaus hat vor Kurzem bekannt gegeben, noch im Jahr 2010 umzuziehen. Ironischerweise hat dazu auch die Besetzung eines leer stehenden Flügels des Hauses durch Bewohner eines geräumten linken Hausprojekts vor wenigen Jahren beigetragen.