Die billige Seite der Innenstadt
Der Prenzlauer Berg ist der mythische Ort des DDR-Undergrounds der Achtzigerjahre. Nicht weit weg von hier, im alten Zentrum der Stadt, sollte erst der Fall der Mauer wieder neues Leben hervorbringen. Die Gegend zwischen Alexanderplatz und Friedrichstraße war ein „sehr altes Stück von Berlin und sehr lange Zeit die arme Seite der Stadt gewesen, die Seite der Friedhöfe und Spitäler, der Märkte, Gastwirtschaften und Bordelle. Hier war Innenstadt gewesen, ihre billige Seite“, schreibt Irina Liebmann in ihrem Fotoband „Stille Mitte von Berlin“ . Die ostdeutsche Autorin streifte Anfang der Achtzigerjahre durch die Straßen und befragte die alten Leute danach, was hier einmal gewesen war. „Hier war alles wie früher, zumindest wie ich mir das ‚Früher’ vorstellte. Es roch nach Abenteuer und Unordnung,“ notiert die Autorin. Liebmann folgte demselben Impuls wie Siedler und die Westberliner Hausbesetzer. Die Spuren der Vergangenheit waren ihr lieb und teuer, weil sie die Kraft besaßen, eine andere, lebendigere Welt zu evozieren. „Die Bewohner der Achtzigerjahre wussten kaum etwas über die Menschen, die vor ihnen hier zu Hause waren, nichts über die leer gebombten Flächen mitten in Berlin, die Fabrikgebäude auf den Höfen. Die riesigen Häuser gehörten scheinbar niemandem, aber die Mosaiken in den Hausfluren enthielten Buchstaben und Namen, auf Brandmauern standen Telefonnummern von verschwundenen Firmen, und in die Ornamente von Toreinfahrten und Treppenhäusern war hin und wieder sogar ein Davidstern eingeflochten. Was bedeutete das alles?“
In diesen Straßen hatte einst das Leben getobt. Prostituierte aller Altersstufen hatten die Mulackstraße bevölkert, in der Rosenthaler Straße hatte ein Geschäft das andere gesäumt. Dennoch ist es 1980 schwer, sich das Treiben auf diesen Straßen vor dem Krieg vorzustellen. „Das Ganze war einer Pause ähnlich, die die Geschichte sich leistete – eine Idylle des Ausgeschaltetseins“, schreibt Liebmann. Was im Westen als Möglichkeit wahrgenommen wurde, erschien im Osten als Zwang, das eigene Leben zu verpassen: „Ausgeschaltet“ zu sein. Dann aber brachten die Ausgeschalteten die Mauer zu Fall.
In der Auguststraße, mitten im verwahrlosten Viertel, das Liebmann zehn Jahre zuvor durchwandert hatte, entstanden in einer ehemaligen Margarinefabrik die Kunst-Werke . Sie wurde alsbald zu einer der wichtigsten Adressen für die Präsentation von Gegenwartskunst in der Stadt. Hier nahm auch die Berlin Biennale ihren Anfang, die inzwischen zum bedeutendsten Kunstereignis der Stadt geworden ist. In der Oranienburger Straße, unweit der prächtigen, schon zu DDR-Zeiten sanierten Synagoge, verwandelten Besetzer die Ruine eines Kaufhauses 1990 ins Kunsthaus Tacheles . Im Keller des Tacheles etablierte sich binnen weniger Wochen die Ständige Vertretung als einer der ersten Clubs in Mitte. Eine enge Treppe ging es hinunter in weitverzweigte, niedrige Räume. Nur einige bunte Lichter, eigens für den Raum produzierte Videokunst und nicht zuletzt ein feiner Laserstrahl, der den ganzen Club zu durchquerte, erwärmten das karge Ambiente nackter Wände. Donnerstags spielte ein französischer Künstler, der im Tacheles lebte, House. Jeden Samstag legten zwei junge Männer aus Westberlin Raggamuffin und Hip-Hop auf. Zwanzig Jahre später kann sich an die Ständige Vertretung kaum jemand erinnern. Das Tacheles hingegen ist beinahe zu einem Klischee des wiedervereinigten Berlins geworden. Mitten in der Stadt gelegen, ist es auch ein Seismograf der urbanen Entwicklung: Sollte es eines Tages einer Shopping Mall weichen müssen, ist womöglich das Ende der Berliner Zwischenzeit gekommen.
In diesen Straßen hatte einst das Leben getobt. Prostituierte aller Altersstufen hatten die Mulackstraße bevölkert, in der Rosenthaler Straße hatte ein Geschäft das andere gesäumt. Dennoch ist es 1980 schwer, sich das Treiben auf diesen Straßen vor dem Krieg vorzustellen. „Das Ganze war einer Pause ähnlich, die die Geschichte sich leistete – eine Idylle des Ausgeschaltetseins“, schreibt Liebmann. Was im Westen als Möglichkeit wahrgenommen wurde, erschien im Osten als Zwang, das eigene Leben zu verpassen: „Ausgeschaltet“ zu sein. Dann aber brachten die Ausgeschalteten die Mauer zu Fall.
In der Auguststraße, mitten im verwahrlosten Viertel, das Liebmann zehn Jahre zuvor durchwandert hatte, entstanden in einer ehemaligen Margarinefabrik die Kunst-Werke . Sie wurde alsbald zu einer der wichtigsten Adressen für die Präsentation von Gegenwartskunst in der Stadt. Hier nahm auch die Berlin Biennale ihren Anfang, die inzwischen zum bedeutendsten Kunstereignis der Stadt geworden ist. In der Oranienburger Straße, unweit der prächtigen, schon zu DDR-Zeiten sanierten Synagoge, verwandelten Besetzer die Ruine eines Kaufhauses 1990 ins Kunsthaus Tacheles . Im Keller des Tacheles etablierte sich binnen weniger Wochen die Ständige Vertretung als einer der ersten Clubs in Mitte. Eine enge Treppe ging es hinunter in weitverzweigte, niedrige Räume. Nur einige bunte Lichter, eigens für den Raum produzierte Videokunst und nicht zuletzt ein feiner Laserstrahl, der den ganzen Club zu durchquerte, erwärmten das karge Ambiente nackter Wände. Donnerstags spielte ein französischer Künstler, der im Tacheles lebte, House. Jeden Samstag legten zwei junge Männer aus Westberlin Raggamuffin und Hip-Hop auf. Zwanzig Jahre später kann sich an die Ständige Vertretung kaum jemand erinnern. Das Tacheles hingegen ist beinahe zu einem Klischee des wiedervereinigten Berlins geworden. Mitten in der Stadt gelegen, ist es auch ein Seismograf der urbanen Entwicklung: Sollte es eines Tages einer Shopping Mall weichen müssen, ist womöglich das Ende der Berliner Zwischenzeit gekommen.








