Westberlin, eine Insel im roten Meer

Westberlin, eine Insel im roten Meer

Die Anomalie hatte viele Namen. Je nach ideologischem Blickwinkel wurde das merkwürdige Konstrukt hinter dem „Eisernen Vorhang“ Berlin (West), West-Berlin oder Westberlin genannt. Es bezeichnete ein Territorium, das aus der Zeit gefallen war. Da schliefen, arbeiteten, aßen und tranken, liebten und starben Leute in einer ehemaligen Metropole, die sie nicht ohne weiteres verlassen konnten. Die von den westlichen Alliierten nach 1945 kontrollierte Zone lag mitten in feindlichem Gebiet. Wenn sich ein Westberliner entschloss, vom Neuköllner Hermannplatz im Süden mit der U-Bahn in den Wedding im Norden zu, also von einem westlichen Bezirk in einen anderen westlichen Bezirk, dann begab er sich auf eine Reise mit einer Geisterbahn. Mitten auf ihrem Weg zuckelte die Bahn durch spärlich beleuchtete, menschenleere Bahnhöfe. Wenn der Reisende ausstieg, hatte er unterirdisch die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik durchquert.

Man war eingesperrt in Berlin, hüben wie drüben – auch wenn natürlich die Westberliner das entscheidende Privileg besaßen, die Stadt per Auto, Eisenbahn und Flugzeug gen Westen verlassen zu können. Und doch waren beide Teile der Stadt Magneten. Nicht nur für die Spione der westlichen und östlichen Geheimdienste. Sondern vor allem für all jene, die ein Leben jenseits der bürgerlichen Normalität suchten. Berlin war eine Verheißung, wenn auch eine geteilte. Auf der westlichen Seite der Mauer kamen die Abenteuerlustigen von weit her. Zu Tausenden strömten sie seit den späten Sechzigerjahren aus „Westdeutschland“ herbei, wie in Berlin das Kernland der Bundesrepublik Deutschland genannt wurde. Für viele junge Männer von dort hatte der Aufenthalt in Westberlin den Vorteil, nicht zum Dienst in der Bundeswehr herangezogen werden zu können. Sie kamen aber auch aus den Metropolen der westlichen Welt, um im Winter die schwere Luft dieser Stadt zu atmen. Die Abgase der ostdeutschen Industrieanlagen mischten sich mit dem Rauch verbrannter Briketts, der aus Zehntausenden von Kachelöfen strömte. Wer aus Westdeutschland kommend den Boden dieser Enklave betrat, registrierte dies zuerst: den beinahe metallischen Geruch einer Stadt aus einer anderen Welt. Dieser nur schwer zu beschreibende Geruch ging tiefer als jedes Bild. Für manche Reisende aus der „freien Welt“ war es das Parfüm der Verheißung.