Das Leitmotiv Heimat

Das Leitmotiv Heimat



Das Zuhause und die Stadtviertel machen das Wesen der Stadt aus und liegen der Struktur der Stadt zugrunde. Das ist besonders wichtig angesichts der Tatsache, dass Zuwanderung und die sich daraus ergebende Lebensraum- und Immobilienpolitik zur Herausbildung einer gewissen Urbanität führten. Bombay war nie eine Stadt, die ihre Anfänge als eine traditionelle Tempelstadt hatte, oder sich aus einem Marktplatz heraus entwickelte, und auch kein alter Handelshafen war, sondern eine Stadt, die nach „kaiserlichem Muster“ zusammengefügt wurde. Letztlich trägt aber einheimisches Kapital zentral dazu bei, dass die Entwicklung ihrer sozio-urbanen Landschaft durch Zugewanderte, deren Kultur und Vorstellungen geprägt wird. An der Wende zum 20. Jahrhundert war die Stadt mit ihren neuen Lebensbedingungen in neuartigen Mietshäusern mit neuen Lebensweisen in einem postindustriellen Umfeld, mit neuen administrativen Problemen ein wichtiger Ort zum Gestalten des Raumes, in dem der Zugewanderte ein Verständnis für die Gesellschaft entwickelt – die „Familie“. Der Ort, wo er letztlich auch den Lebensraum der „Gemeinschaft“ mitgestaltete. Dazu schreibt Meera Kosambi in ihrem Essay „Home as Universe” (Permanent Black, 2007), „Die Großfamilie … galt als eine unentbehrliche Stütze und tatsächlich auch als einzig machbare Lebensweise. Die, die gezwungen waren, den Schoß dieser Familie zu verlassen, um zur Hochschule zu gehen oder anderswo eine Arbeit anzunehmen, versuchten häufig durch das Zusammenbringen von Kleinfamilien und Freunden eine neue Großfamilie zu schaffen, insbesondere dann, wenn finanzielle Zwänge vorlagen”. Geschichten aus der Zeit, als Mumbai Ende des 19. Jahrhunderts von der Pest heimgesucht wurde, lassen ebenso erkennen, dass Gemeinschaften oder Stadtviertel Konzepte sind, die auf vielerlei Art und insbesondere in Krisenzeiten auf die Probe gestellt wurden und ihre Nützlichkeit unter Beweis stellten. Abwanderungen aus den ländlichen Regionen oder Kleinstädten in Großstädte wie Bombay oder Kalkutta veränderten die Familienstruktur. Zum einen handelte es sich dabei schlechthin um die Auflösung der Großfamilien, die in Wadas und Havelis und anderen Arten ländlicher und städtischer Unterkünfte lebten und zum anderen bildeten sich Kleinfamilien, die in Mietwohnungen und Chwals lebten, unter anderen Lebensbedingungen, als sie gewohnt waren. Der Chawl hält sich an das Vorbild postindustrieller Mietshäuser und ist nichts anderes als aneinandergereihte Räume mit ein paar Betten zum Schlafen. Will man die von Thomas Blom Hansen in „Violence in Urban India: Identity Politics, ‘Mumbai’, and the Postcolonial City“ (Permanent Black, Delhi, 2001, 2005) aufgeworfenen Fragen untersuchen, muss man sich zuerst der Frage der alleinstehenden Männer zuwenden, die als Zuwanderer in die Stadt kommen. Auch muss man dann die Veränderung des Begriffs vom Zuhause untersuchen, die sich aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen vollzog. So gab es zu einem Zeitpunkt Zuwanderer, die am und in der Umgebung ihres Arbeitsplatzes lebten, in Räumlichkeiten am Arbeitsplatz, in Korridoren oder auf Gehsteigen; dann gab es Männer, die keinerlei Zuhause haben, und in der Nachbarschaft herumziehen, oft zum Verdruss der anderen Nachbarn, für die sie Objekte sind, die keine Familie haben; sowie Männer, die nichts vom Leben in einer „Großstadt“ wissen und ihre „ländlichen Gewohnheiten“ mit in die Stadt bringen und infolgedessen zu ihrer Verschmutzung beitragen. Der alleinstehende Mann, der als Wanderarbeiter in die Stadt zieht, wird wahrscheinlich auch dem Leben in der Stadt nicht trauen, die ihn aufgenommen hat – sein Zuhause wird immer dort sein, wo seine Familie ist, im Dorf oder der Kleinstadt. Es dauert immer geraume Zeit, bis die Zuwanderer ihre Frauen oder Familien in die Stadt nachholen können. Das ist erst möglich, wenn sie einen festen Arbeitsplatz gefunden haben und ihnen eine gewisse soziale Sicherheit bieten können.

Am 6. Dezember 1992 gelang es Hindus, die sich zusammengerottet hatten und von nationalistischen Hindu-Politikern angeführt wurden, die Polizeiabsperrung an der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Moschee in Ayodhya in Nordindien zu durchbrechen und Teile ihrer Kuppel zu zerstören. Um dieses Bauwerk wurde seit geraumer Zeit gestritten, nachdem Hindu-Fundamentalisten behaupten, dass diese Moschee von dem Mogul-Kaiser Babur genau dort errichtet worden wäre, wo Lord Ram geboren wurde, die sagenumwobene Heldenfigur des Hindu-Epos „Ramayana. “ Dieses Ereignis löste landesweit blutige Unruhen aus, wobei Bombay zu diesem Zeitpunkt weniger stark betroffen war. Während die Lage noch angespannt war, begannen Hindu-Gruppen, Maha-aartis, auszuführen, die tägliche Huldigung einer Tempelgottheit, zu der sich vor der Tempelanlage riesige Menschenmengen einfanden, die den Verkehr auf der Straße behinderten und die Fußwege verstopften. Das sollte die Gegenreaktion auf die Freitagsgebete der Mosleme sein, die dabei die Gehwege vor ihren Moscheen in Besitz nahmen. Die angespannte Lage explodierte schließlich und löste eine Woche brutaler Gewalttaten aus. Dabei war es ganz offensichtlich, dass die randalierenden Hindus systematisch Straßen, Gassen, Häuser und Läden der anderen Gemeinschaft identifiziert hatten. Die Überfälle waren gezielt und die Menschen wurden systematisch ausgeraubt, ausgeplündert und ihre Häuser und Hütten in Brand gesteckt. Der Bericht des Komitees des Richters Sri Krishna bewies, wie genau diese Unruhen im Voraus geplant worden waren und deckte den engen Zusammenhang zwischen der geografischen Verteilung der Gemeinschaften in der Stadt und dem Ausmaß der Gewalttätigkeiten auf. Diese Unruhen führten in vielerlei Hinsicht zu einer Veränderung der Sozialgeografie dieser Stadt.

Die acht verheerenden Bombenexplosionen von Bombay im März 1993, bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kamen, sollen ein Racheakt gewesen sein, der von Muslimen aus der Unterwelt finanziert wurde.

© Promised City

Aus jüngster Vergangenheit wie zum Beispiel von den blutigen Unruhen im Jahr 1993 wissen wir auch, dass nach solchen Ereignissen immer große Mengen zugewanderter Menschen, die „nach Hause“ zurückkehren wollen oder die Stadt verlassen wollen, die Bahnhöfe überschwemmen. Ferner kreieren die ständigen, gegen Zuwanderer aus Uttar Pradesh oder Tamil Nadu gerichteten Hetzkampagnen eine Atmosphäre, die diese Menschen daran hindert, sich in der Stadt heimisch zu fühlen. Männer, die in die Stadt kommen, um hier zu arbeiten, ziehen es vor, ihre Familien nicht hierher zu holen, weil sie nie wissen, wann sie die Stadt wieder verlassen müssen. Infolgedessen mangelt es diesen Bewohnern der Stadt auch an einem gewissen Zugehörigkeitsgefühl. Sie ballen sich in Vierteln, wo sich die Werkstätten und Spinnereien befinden, in denen sie arbeiten. Häufig verlassen sie diese Stadtviertel überhaupt nicht, sodass sie werden zu Orten, an denen sie leben und arbeiten, und die eine in sich geschlossene Welt bilden.

Wenn sich ein Stadtviertel in einen so wichtigen Lebensraum für einen Wanderarbeiter verwandelt, dann entwickelt es mit Gewissheit eine Soziologie, die wesentlich komplexer ist, als die eines Ortes, wo ausschließlich gewohnt oder gearbeitet wird. Rajnarayan Chandavarkar untersucht in seiner Arbeit „Imperial Power and Popular Politics: Class, Resistance and the State in India“ (Cambridge University Press, 1998) wie eine Wohngegend durch Straßenecken, Läden, Akhadas (Turnhallen) oder religiöse Festlichkeiten und Pandals und durch die Beziehungen der Bewohner dieser Gegend zueinander einen Charakter entwickelt. Die Beziehung zwischen den Bewohnern und ihren Lebensräumen wird durch wirtschaftliche Aspekte wie Miete, Kredite, Jobs und Gehälter noch enger.

Die berühmten „Jobbers“ aus der Zeit der Baumwollspinnereien beschafften zugewanderten Männern Arbeit oder agierten als Mittelsmänner zwischen den Arbeitern und Spinnereibesitzern und ihren Managern, denen sie Arbeitskräfte zur Verfügung stellten – permanent oder vorübergehend (badli). Sie trugen maßgeblich zum städtischen Charakter der Arbeiterbezirke bei. Hansen (2001) untersucht ferner, wie die Verdrängung muslimischer Arbeiter in der Zeit, als für die Baumwollspinnereien schwere Zeiten anbrachen (nach 1980). Das Aufkommen kleinerer Webereien und ähnlicher Einrichtungen in den Elendsvierteln und Vorstädten sowie das Abwandern dieser Menschen in die Golfstaaten, wo lukrative Jobs auf sie warteten, veränderten das religiöse wie auch soziale Gefüge der alten Textilarbeiterviertel und führten zur Entstehung neuer. Textilarbeiter wurden von Spinnereien vorwiegend auf der Basis ihrer zuvor ausgeübten Beschäftigung eingestellt, die in Indien immer von ihrer Kaste und ethnischen Zugehörigkeit abhängt. Infolgedessen kamen die zugewanderten Arbeiter in den Spinnereien zwar aus unterschiedlichen Teilen und Dörfern des Deccan und der United Provinces, gehörten aber aufgrund ihres Jobs in den Spinnereien den gleichen Kasten und Gemeinschaften an. Die Lebensgewohnheiten dieser individuellen Gruppen überschnitten sich wie auch ihre Unterkünfte, die sie mithilfe des „Jobbers“ gefunden hatten. Und so trugen alle diese Faktoren dazu bei, dass sich Menschen mit den gleichen Hintergründen in bestimmten geografischen Lebensräumen zusammenfinden konnten.

Die blutigen Unruhen und andere, nicht so offensichtliche, aber nicht weniger beunruhigende Übergriffe auf die Existenzgrundlage und Lebensbedingungen der Muslime bedeuten das Ende zahlreicher ethnisch und kulturell gemischter Wohngegenden. Die muslimische Bevölkerung, ganz gleich, welcher Gesellschaftsschicht oder Einkommensgruppe sie angehörte, wurde in vorwiegend moslemische Nachbarschaft verbannt (Die „Mohalas“ im alten Teil der Stadt), was wiederum zu einschneidenden Veränderungen im demografischen Gefüge dieser Stadt führte.Die andere Gruppe, die zur Zielscheibe wurde, waren die Dalits, Menschen der untersten Kasten, deren Interesse früher einmal durch einflussreiche politische Gruppen vertreten wurden, wie die Dalit Panthers und die heute in der Stadt kaum noch etwas zu sagen haben. Diese Gruppen wurden ferner durch politische Manöver und die Immobiliengeschäfte skrupelloser Grundstücksmakler immer stärker an die äußere Stadtgrenze verbannt.

Häufig lebten Arbeiter am Ort ihrer Arbeit, verpflegten sich und schliefen. Gleichzeitig kam es in den gleichen Lebensräumen oder in ihrer unmittelbaren Umgebung zur Ansiedlung von Dienstleistern wie Schneidern und Geldverleihern. Hin und wieder fanden alleinlebende Männer eine feste Anstellung und holten ihre Cousins und Familien in die Stadt. Dort musste nun die gleiche Unterkunft, in der zuvor ein Mann allein gelebt hatte, auch Frauen und Kinder aufnehmen. Aufgrund der sozialen und Intergenerationenmobilität wird mehr Geld verdient. In vielen Haushalten des Viertels kommt es zu Veränderungen, in dem gleichen bereits beengten Raum tauchen nun Konsumgüter und technische Geräte auf. Häufig bleiben die Familien in ihren alten Unterkünften. Sie werden mit Annehmlichkeiten und Geräten vollgestopft, die sich die Bewohner bestimmter Lokalitäten und Angehörige bestimmter Gemeinschaften mit dem von ihnen in den Golfstaaten verdientem Geld nun leisten können. Das Verdrängen muslimischer Arbeiter aus den Spinnereien zwang diese, sich nach neuen lukrativeren Verdienstmöglichkeiten umzusehen, wobei Arbeitsangebote in den Golfstaaten aufgrund der hohen Löhne und der Bereitwilligkeit indischer Arbeitskräfte, jede Art Arbeit anzunehmen, gelegen kamen. (Hansen, 2001)

Das Wohngebiet als Ort einer Großfamilie ist ein Phänomen, das es schon immer gab und auch in Zukunft geben wird. Außer den engen Beziehungen zwischen Menschen aus den gleichen Dörfern oder Landesregionen sind in der Stadt auch amorphe, sehr locker zusammengefügte Familien zu finden, die dennoch ein festes Band miteinander verbindet. Zuwanderergruppen vom Land, die in den Spinnereivierteln lebten, hatten oft eine Art matriarchalisches Oberhaupt, das in seiner Kantine oder an einem anderen Ort, Khanavali genannt, Mahlzeiten anbot. Einige dieser Kantinen existieren noch. Sie werden heute von Jungs aus kleineren Städten wie Nagpur oder Nasik genutzt, die hierher gekommen sind, um mit neuen Jobs Geld zu verdienen, die nach der Liberalisierung der Wirtschaft aufkamen wie zum Beispiel in Medienhäusern. Diese Orte waren auch ein wichtiger Treffpunkte in den Stadtvierteln, wo über Politik diskutiert und Politik gemacht wurde.