Berlin-Warschau-Express

„Is it true that Warsaw is the new Berlin?“, fragte mich neulich jemand in Europa. Ich bin mir nicht sicher, aber allein die Anspielung ist Musik in Warschauer Ohren. „Fuck die Biennale! Ich fahr‘ zur Berlinale!“ brüllt der Maler Bazyli in der Adaption des „Bildnisses des Dorian Gray“ auf der Bühne des Warschauer Theaters TR, als er verkündet, sein Leben ändern zu wollen. „Die Chefredakteurin würde diesen Ort bestimmt liebgewinnen.“, lesen wir im Stadtmagazin „Aktivist“ – „Beweist Agata doch die ganze Zeit (…), dass Warschau Berlin immer näher kommt, und jedes Mal, wenn sie sich an einem neuen tollen Ort oder in einem Geschäft in der Stadt befindet, fällt sie ihr Urteil: «Na ja, endlich, Warschau kommt Berlin immer näher».”Im Fall des genannten Geschäfts sind folgende Dinge Berliner Attribute: hohe Innenräume in einem hundertjährigen Bürgerhaus, Klamotten junger Modedesigner, handgefertigte Möbel, Vintage, Öko, „guter Kaffee, Musik von einem alten Plattenspieler und eine sehr gemütliche Atmosphäre“ ¹² . „Uns hat ein solcher kultureller – großer, karger, alternativer – Raum im Berliner Stil sehr gefehlt” ¹³ , lobt die Rezensentin der „Gazeta Stołeczna” den 1.500 Quadratmeter großen Loftklub. Auf dem Foto: Fahrrad und Graffiti. Denn Berlin bedeutet eben Fahrrad, kreative Berufe, Sittenfreiheit und mit einem kleinen Kind auf Partys zu gehen.
Die bequeme Verkehrsverbindung zwischen Warschau und Berlin hat bestimmt dazu beigetragen, Berlin zum Bezugspunkt für Polens Hauptstadt zu machen. Nach 1989 wurde es zur Hauptstadt Europas nach dem Kalten Krieg ausgerufen, und zwischen Warschau, das seit Urzeiten leidet, weil es von den wichtigsten Hauptstädten so weit entfernt ist, und Berlin besteht eine äußerst gute Verbindung. Bevor die Billigflüge Warschau dem alten Europa näherbrachten, war es leicht, in den Berlin-Warschau-Express zu steigen. Discjockeys brachten CDs mit, Modefans schauten sich Trends ab, Künstler knüpften Kontakte zur dortigen Kunstszene. Es war sogar verhältnismäßig leicht, im Spagat zwischen beiden Hauptstädten zu leben. Aber sogar wenn es den Zug nicht gäbe, Warschau und Berlin verbindet etwas wesentlich Tieferes: der gemeinsame Makel des Krieges und des Kalten Krieges, das gleiche Schicksal einer durch Totalitarismen verletzten, löchrigen, ewig unvollendeten, offenen und neue Einflüsse verschlingenden Stadt.








